Ein glückliches Land, das sich nach dem TV-Match mit dem Collier der Kanzlerin und dem "King of Koteletts" namens Steinbrück beschäftigte. Es ging gesittet und staatstragend zu. Eine Entgleisung leisteten sich nur jene Ringrichter, die dem Stefan Raab hinterher den "Metzgergesellen" anhängten. Den gesamten Nicht-wirklich-Wahlkampf als langweilig zu verpönen trifft die Sache so wenig wie all die anderen Floskeln: "Wahlmüdigkeit", "Gleichgültigkeit", "Politikverdruss".

Es stimmt: Seit dem "Willy-Wahlkampf" von 1972 hat sich die Zahl der Nichtwähler verdreifacht: von neun auf dreißig Prozent. Dieser Trend wird flugs zum Menetekel umformuliert: Nichtwählen gefährde die Demokratie. Es signalisiere Frust, Ohnmacht, Entfremdung, ja Unzufriedenheit mit einem System, in dem "die da oben sowieso machen, was sie wollen".

Das hieße, dass die amerikanische Demokratie seit hundert Jahren gefährdet sei – wo die Beteiligung (bei Präsidentschaftswahlen) seit 1912 zwischen 50 und 60 Prozent schwankt. Es hieße umgekehrt, dass die Demokratie in der Weimarer Republik besonders gefestigt war, lag damals die Beteiligung im Durchschnitt bei 80 Prozent. In Wahrheit zeugte die hohe Mobilisierung von ruinöser Politisierung, betrieben durch Parteien wie NSDAP und KPD, welche die Demokratie morden wollten.

Vorweg gilt, was die Bertelsmann Stiftung gerade herausgefunden hat: Trotz sinkender Beteiligung steigt die Akzeptanz der Demokratie. Nur elf Prozent der Bürger geben Unzufriedenheit zu Protokoll; vor zehn Jahren waren es fast dreimal mehr. Mithin summiert sich "Enthaltung ist gleich Demokratiegefährdung" zum Trugschluss. Umgekehrt wird ein festerer Schuh daraus: Wer grundsätzlich zufrieden ist, wer keine Angst vor dem Wahlausgang zu haben braucht, wird nicht fiebernd zur Urne streben.

Ein Zweites kommt hinzu, hübsch versinnbildlicht durch Kanzlerin und Kandidat. Die beiden fechten mit Theaterschwertern. Ein bisschen mehr oder weniger Staat oder Steuern. Beide wissen, dass nach der Verheißung der Kassensturz kommt, womöglich die Große Koalition. Vor allem hat der Wähler gelernt, die Realität in die Versprechungen einzupreisen. Er weiß, dass nach der Wahl das Steuer allenfalls um zwei, drei Grad nach links oder rechts gedreht wird. Er darf sich nicht viel erhoffen, muss aber nicht viel befürchten. Das Staatsschiff bleibt auf Kurs, und niemand muss zu den Rettungsbooten rennen.

Mag sein, dass die deutsche Politik langweilig ist. Aber wie hätten wir’s denn lieber? Wie in Griechenland? Wie in Amerika mit seinen polarisierten, verkeilten Parteien? Wie in Weimar – oder auch in der frühen Bundesrepublik, wo die großen Richtungskämpfe bis in die Siebziger tobten? Vielleicht als "Würze" ein paar mächtige extreme Parteien?

Sinkende Wahlbeteiligung widerspiegelt Grundvertrauen ("ich muss nichts tun") statt Verdrossenheit ("ich kann nichts tun"). Dieses Glück hatten die Deutschen nur selten in ihrer demokratischen Geschichte. Möge ihnen nichts Schlimmeres widerfahren als ein Entertainer, der sich über den "King of Koteletts" lustig macht. Der King, mit seinem begnadeten Witz, hätte bloß parieren müssen. Die gelangweilte Republik hätte mit ihm gelacht, nicht über den Halsschmuck der Kanzlerin debattiert.