Gerhard Rümenapf hatte genug. Der Chefarzt konnte die vielen Klagen über Ärztepfusch nicht mehr ertragen. Rümenapf, seit 14 Jahren Gefäßchirurg am Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus in Speyer, hält sich zugute, dass er sich ernsthaft um Hygiene bemüht. Vieles habe sich zum Besseren gewendet: Schon Medizinstudenten seien über die Vorschriften aufgeklärt und wüssten über Problemkeime Bescheid, das Pflegepersonal sei aufwendig geschult und seine Abteilung zertifiziert worden. Das könne die ZEIT sich ruhig einmal anschauen.

Rümenapfs Abwehrrede und die Einladung zur Visite seiner Klinik hatte einen guten Grund: Deutschlands Klinikärzte stehen unter Druck. An den Krankenhäusern scheint es um die Hygiene schlecht bestellt zu sein. Vor zwei Jahren infizierten sich mehrere Frühgeborene in einem Bremer Krankenhaus und starben. Den gleichen Erreger fingen sich innerhalb von zwei Jahren mehr als 60 erwachsene Patienten am Leipziger Universitätsklinikum ein.

Von bis zu 600.000 an Krankenhäusern erworbenen Infektionen und bis zu 15.000 Todesfällen pro Jahr ist die Rede, ein Drittel davon halten Experten für vermeidbar. Das klingt so ganz anders als Gerhard Rümenapfs positive Einschätzung. Was stimmt nun?

Acht Ärzte, eine Stationsschwester mit Tablet-PC auf dem Arm und eine Hygienefachkraft treten zur Visite an. Die "weiße Wolke" um Chefarzt Rümenapf wird an diesem Tag 49 Patienten sehen. Gefäßchirurgen reparieren vor allem Zivilisationsschäden. Zuckerkrankheit und Zigaretten zerstören auf Dauer die Arterien, bald sind die Füße und Beine schlecht durchblutet, und Bagatellverletzungen haben schlimme Folgen: Kleine Wunden heilen nicht mehr und werden zu großen – ideale Bedingungen für Bakterien. "Wir müssen hier extrem aufpassen", sagt Rümenapf, "sonst verteilen wir Keime auf der ganzen Station." Mühsam gereinigte Wunden würden vielleicht besiedelt, Patienten womöglich sogar mit resistenten Keimen infiziert. Die Gruppe schwebt in eines der Zimmer ein. Der Chef desinfiziert sich die Hände und streift ein Paar Gummihandschuhe über. Bis zum Ende der Tour wird er eine ganze Packung Handschuhe und viel Desinfektionsmittel verbraucht haben.

Gerät eine Klinik in Deutschland wegen eines Bakterienausbruchs in die Schlagzeilen, blicken Politiker und Mediziner neidisch über die Grenzen, vor allem in die Niederlande. Dort weiß man anscheinend seit Jahrzehnten Infektionen zu verhindern. Berühmt ist vor allem die Eindämmung des MRSA, des Keims Staphylococcus aureus, der unter anderem gegen das Antibiotikum Methicillin resistent ist. Während man ihn in den Niederlanden nur bei einem von 1.000 Patienten findet, ist in Deutschland einer von 50 betroffen.

Im südniederländischen Breda versucht Jan Kluytmans, das niederländische Erfolgsrezept zu erklären. Der ärztliche Mikrobiologe vom Amphia-Krankenhaus arbeitet seit Jahrzehnten an den nationalen Richtlinien mit. "Nicht die Hygiene allein bringt den Erfolg", erklärte er, "das Gesundheitssystem als Ganzes muss gefährliche Erreger ernst nehmen." Schließlich sei alles vernetzt. Die Erreger breiteten sich von den Universitätskliniken zu den kleineren Hospitälern aus und von dort in die Altenheime – und wieder zurück.