Lehrer : "Wir vertrauen ihnen"

Ein Gespräch mit dem finnischen Bildungsexperten Pasi Sahlberg über die Suche nach den talentiertesten Lehrern und andere Geheimnisse des Schulerfolgs.

DIE ZEIT: Herr Sahlberg, warum wollen eigentlich so viele junge Menschen in Finnland Lehrer werden?

Pasi Sahlberg: Bei uns ist das ein Traumberuf. Lehrer genießen eine hohe gesellschaftliche Wertschätzung und Anerkennung. Eltern begegnen ihnen mit großem Vertrauen und nicht mit ständiger Skepsis. 75 Prozent der Finnen sagen, dass die öffentliche Schule zu den fünf größten Errungenschaften in der noch recht jungen Geschichte Finnlands als parlamentarische Republik gehört. Das heißt, die Menschen glauben hier noch daran, dass die Schule die Kinder gerecht behandelt und für jeden Einzelnen individuell versucht, das Beste herauszuholen.

ZEIT: Nicht jeder darf in Finnland Lehrer werden. Wie sieht der ideale Kandidat aus?

Sahlberg: Es wird sehr stark auf die Noten geschaut, weil wir Bewerber suchen, die sich in der Schule gerne mit Mathe, Naturwissenschaften oder Geschichte beschäftigt haben. Trotzdem haben wir jedes Jahr Hunderte von Bewerbern mit großartigen Zeugnissen, die nicht genommen werden.

ZEIT: Warum nicht?

Pasi Sahlberg

leitet im finnischen Bildungsministerium das Zentrum für Mobilität und Kooperation.

Sahlberg: Weil sie sich nicht gut genug überlegt haben, warum sie diesen Beruf wirklich ergreifen wollen. Sie könnten mit ihren Leistungen alles werden: Ärzte, Anwälte, Architekten, Ingenieure. Da brauchen wir ein klares Bekenntnis für den Lehrerberuf. Allein in diesem Jahr haben sich mehr als 20.000 junge Menschen um ein Lehramtsstudium beworben. Am stärksten ist der Wettbewerb unter den Kandidaten für die sechsjährige Primarschule. Hier gibt es 8.500 Bewerbungen auf 750 Studienplätze. Da reicht es einfach nicht, wenn einer sagt: Ich mag Kinder, oder: Meine Mutter und mein Onkel waren auch schon Lehrer. Wir wollen wissen: Was wollen Sie denn als Lehrer erreichen? Welche Philosophie des Unterrichtens vertreten Sie?

ZEIT: Woher sollen junge Abiturienten das wissen?

Sahlberg: Wir erwarten, dass sie sich bereits damit befasst haben, wie Kinder am besten lernen. Sie sollten eine Vorstellung davon haben, welcher Typ Lehrer sie selbst einmal sein wollen.

ZEIT: Wie sieht das Auswahlverfahren genau aus?

Sahlberg: Am Anfang steht ein nationaler schriftlicher Test, Vakava genannt. Er wird an einem bestimmten Tag zur gleichen Uhrzeit im ganzen Land geschrieben. Die Bewerber bekommen rund einen Monat vor dem Test über das Internet bis zu 200 Seiten Literatur zur Verfügung gestellt: wissenschaftliche Texte aus dem Schul-, Bildungs- und Erziehungsbereich. Dazu werden dann Multiple-Choice-Fragen gestellt. Wer in diesem Test genügend Punkte erreicht, wird zum Auswahlgespräch an die entsprechende Universität eingeladen. Hier geht es dann um die persönliche Eignung, die Motivation und die Vorstellungen vom Beruf.

ZEIT: Immer wieder wird die forschungsorientierte Ausbildung der Lehrer betont, wenn es um die Erfolge des finnischen Schulsystems geht. Was ist daran das Besondere?

Sahlberg: Grundsätzlich gilt in Finnland das Prinzip, bei der Ausbildung von Lehrern keine Unterschiede zu anderen Fachrichtungen zu machen. Wir erwarten von einem angehenden Lehrer, dass er die wissenschaftlichen Theorien, Methoden des Forschens und den kritischen Umgang damit ebenso beherrscht wie jeder andere Student. Es ist uns wichtig, dass Lehrer die aktuellen Forschungsergebnisse zu ihrem Fachgebiet kennen und bei der späteren Arbeit mit den Kindern einen analytischen und selbstkritischen Zugang zu ihrem eigenen Handeln finden. Dass sie also in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen, die sich auch auf wissenschaftlicher Grundlage rechtfertigen lassen.

ZEIT: Machen diese hohen Anforderungen den Beruf attraktiver?

Sahlberg: Davon bin ich überzeugt. Würden wir das Niveau der Ausbildung senken, würden sich viele Kandidaten sehr schnell anderen Studiengängen zuwenden, in denen sie mehr gefordert sind, die ihnen aber auch einen höheren akademischen Status und mehr berufliche Alternativen in ihrer späteren Karriere versprechen.

ZEIT: Die meisten finnischen Lehrer sind sehr zufrieden in ihrem Beruf. Woran liegt das?

Sahlberg: Ich habe für eine Untersuchung finnische Grundschullehrer gefragt, was sie dazu veranlassen würde, ihren Beruf aufzugeben. Interessanterweise spielte für niemanden das Gehalt eine Rolle, die meisten aber machten deutlich, dass sie ihren Beruf infrage stellen würden, wenn ihre Autonomie im Klassenzimmer und in der Schule generell eingeschränkt werden würde, wenn ihre Arbeit plötzlich von Inspektoren oder die Leistung ihrer Schüler durch externe Testverfahren bewertet werden würde.

ZEIT: Warum sind finnische Lehrer so skeptisch gegenüber jeglicher Form von standardisierten Leistungsvergleichen?

Sahlberg: Standardisierung ist für uns der größte Feind von Kreativität und Innovation in der Schule. Wir haben den Schulen und ihren Lehrern sehr bewusst eine Menge Unabhängigkeit gegeben. Vor allem, um ein Signal zu setzen: Wir vertrauen euch, wir wissen, dass ihr euren Job gut macht, besser als so mancher Experte im Bildungsministerium es je könnte. Ihr werdet das Richtige tun. Das oberste Gebot für einen finnischen Lehrer ist es, jedes einzelne Talent zu entdecken und zu fördern. Beginnt man aber, die Schulen mit standardisierten Testverfahren zu konfrontieren, um die Ergebnisse des Lernens besser evaluieren zu können, wird das nicht passieren. Dann werden sich die Lehrer übergangen und in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen, weil sie plötzlich das Gefühl haben, sie müssen ihre Schüler auf Tests vorbereiten, können aber nicht mehr frei entscheiden, wie sie ihren Unterricht gestalten.

ZEIT: Lehrer sehen Leistungskontrollen als eine Art Vertrauensbruch?

Sahlberg: Ja, in der Folge schon, denn die Wertschätzung und der Respekt für den Lehrerberuf kommen ganz stark aus der Verantwortung, aber auch aus den Freiheiten, die wir den Lehrern gegeben haben. Es gibt zwar einen groben staatlichen Lehrplan, aber jede Schule erstellt ihr eigenes Curriculum, und jeder Lehrer entscheidet selbst, wann er was im Unterricht tut und was das Beste für seine Kinder ist. Sie haben die Kontrolle, sind frei in ihren Methoden und wissen, dass es nur eine minimale Überprüfung ihres Handelns gibt. Dieses hohe Maß an Vertrauen führt dazu, dass sie ihre Rolle als Lehrer so ernst nehmen.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ja, dass hoert sich nun in der Tat weniger toll an

Dann muss ich da an meinem Kommentar nacharbeiten.

Mein Respekt gilt den wohl vorhandenen guten Stroemungen und Handhabungen von Bildung und Erziehung im fernen Finnland im Vergleich zu dem Versagen an Bildung und Erziehung in der Schule in meiner naechsten Umgebung, die ich erlebt habe.

Das Leben ist nun aber nicht schwarz/weiss, sondern hat auch Graustufen (vielleicht sogar Farbe) - hier wir dort, dass wird schon so sein.