PädagogikLieben Sie Schüler?

Wer sollte Lehrer werden und wer besser nicht – ein Tag bei den Auswahlgesprächen an der TU München. von 

Bewerberin Nummer eins, 18 Jahre alt, möchte "irgendwas mit Menschen" machen. Ihnen Mathe beibringen zum Beispiel. Stochastik, Geometrie und Kurvendiskussionen lagen ihr in der Schule besonders. Bald will sie nun selbst vor einer Klasse stehen und all das unterrichten. Am Lehrerberuf reize sie das Fachliche ebenso wie das Pädagogische, sagt sie und versucht dabei, sehr erwachsen auszusehen. Das Urteil der Auswahlkommission ist schnell gefasst. "Die schaut einem in die Augen, spricht mit einem, ist selbstbewusst, der Rest kommt von allein. Die Frau wünscht man sich als Lehrerin", sagt Thomas Weingand.

Eigentlich hat der Mann mit den dunklen kurzen Haaren und den flinken Augen gerade Sommerferien. Er ist Lehrer für Chemie und Biologie am Gymnasium in Miesbach, das 50 Kilometer südöstlich von München liegt. Aber heute entscheidet er in Raum 137 der School of Education an der TU München (TUM) mit darüber, wen die Universität zum Gymnasiallehrer für naturwissenschaftliche Fächer ausbilden sollte – und wen besser nicht. Zehn Namen stehen auf seiner Liste. Für jeden hat er eine halbe Stunde. Der einzige männliche Bewerber hat kurzfristig abgesagt. Die anderen jungen Frauen haben erst vor wenigen Wochen Abitur gemacht. Jetzt kann es ihnen nicht schnell genug gehen, als Lehrer zurück in die Schule zu kommen.

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Was aber macht einen guten Lehrer aus? Muss er ein Genie in seinem Fach sein oder eine starke Persönlichkeit? Braucht es Talent? Berufung? Lässt sich das alles antrainieren, erwerben, studieren? Einfühlsamkeit ebenso wie Didaktik? Pädagogik genauso wie Begeisterung? Wie viel Können muss ein Lehrer mitbringen – und wie viel Leidenschaft?

Seit vielen Jahren streiten sich Bildungspolitiker und Wissenschaftler über diese Fragen. Doch erst mit dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler beim internationalen Leistungsvergleich Pisa wurden die Zweifel laut, ob Deutschland die richtigen Lehrer in seine Schulen schickt. Etliche Forschungsergebnisse heizten dabei die Diskussion über Sinn oder Unsinn von Eignungsüberprüfungen für angehende Lehrer weiter an. So stellte der Erziehungswissenschaftler Udo Rauin von der Universität Frankfurt am Main fest, dass gerade jene, die sich den Anforderungen im Arbeitsleben später nicht gewachsen fühlen, den Beruf wegen der vermeintlich geringen Anforderungen gewählt haben und bereits im Studium nur halbherzig dabei waren. Die Coactiv-Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung wiederum zeigte, dass eine wichtige Voraussetzung für guten Unterricht vor allem die fachliche Eignung des Lehrers ist.

Noch immer aber schreibt sich ein Großteil der angehenden Pädagogen in Deutschland ohne Eignungsüberprüfung an den Universitäten ein – egal, ob einer Kinder gar nicht mag oder den Beruf nur wegen der Ferien gewählt hat. Immerhin gibt es inzwischen etliche Bundesländer und Universitäten, die Selbsterkundungs- und -reflexionsbögen im Internet anbieten oder, wie die Universität Passau, ein freiwilliges Assessment-Center.

Kaum eine Universität betreibt die Auswahl der Lehramtsstudenten jedoch so bewusst und konsequent wie die School of Education der TUM. Nicht unbedingt getrieben von dem Vorsatz, allein die Talentiertesten herauszufiltern, im Vordergrund steht eher die Idee eines Beratungsgesprächs, das mit konstruktiven Rückmeldungen endet. "Wir geben starke Empfehlungen in alle Richtungen", sagt der Dekan der School of Education, Manfred Prenzel. "Das reicht von ›Alles wunderbar‹ bis dahin, zu einer anderen Studienrichtung zu raten." Dass Bewerber ausdrücklich abgelehnt werden, passiere in höchstens drei Prozent aller Fälle. Man müsse, so Prenzel, bei der Auswahl sehr behutsam vorgehen, weil es sich um die Zulassung zu einem Erststudium handele und eine zuverlässige Prognose über die Befähigung und die weitere Entwicklung eines Bewerbers nicht einfach zu treffen sei. Rein rechtlich wird ein zweistufiges Aufnahmeverfahren gefordert, in dem ein Teil der Bewerber direkt über die Abiturnote zugelassen wird. An der TUM werden aber inzwischen alle Bewerber zu einem Beratungsgespräch eingeladen.

Leserkommentare
  1. Ohne das nützen weder Wissen noch Leidenschaft.
    Und dann brauchen wir dringend eine Männerquote für die Grundschule!

    8 Leserempfehlungen
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    Mir hat es während eines Praktikums in der Grundschule super gefallen. Vor allem hat man bei den Jungs gemerkt, dass es für sie eine Erleichterung war, jemand männliches zu sehen. Aber hey, 500 Euro netto weniger als in der Realschule, das mache ich nicht mit!

  2. "Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einer achten Klasse, keiner hat Lust auf Chemie, wie gelingt es Ihnen trotzdem, die Begeisterung zu wecken?"

    Sie lernen für mich, Sie möchten mir gefallen. Es gibt Einiges was ich nicht kann, aber ich bin in der Lage in der Klasse die Deutungshochheit zu halten. Ich lasse auch freche Fragen zu und pariere Sie souvären.

    Ach, und ich habe Spass an meinem Fach. Das überträgt sich sehr wohl auf die Schülerinnen und Schüler.

    4 Leserempfehlungen
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    Würden sie so geschwollen antworten und an der Frage vollkommen vorbei?
    Es geht nicht darum wer der Chef ist, dass wissen die Schüler auch so, sondern wie man sie motivieren kann.
    Wie wäre es mit einem Spiel? oder einem aktuellem Thema das auf den gewollten Lerninhalt der Stunde hinausläuft? Mit Beispielen aus der realen Welt und Lob dazu kann man Kinder und Jugendliche am besten motivieren.
    @Topic Solche Einstellungsgespräche taugen meist nichts, wenn sie auf ein paar Fragen beschränkt sind ohne einen einfachen Algorithmus oder Bewertungskriterien die objektivierbar sind.
    Die letzte Dame sagt Feuer in den Augen, ja gut und was sagt das aus?
    Deutlich besser ist es Fragen nach einer einfachen Punkteskala zu bewerten, am ende eine persönliche Einschätzung hinzufügen und damit einen Score auszurechnen.(Müssen die Bewerber ja nicht wissen) Dieser gibt deutlich bessere Auskünfte als subjektive Einschätzungen.

  3. Also wer Lehrer für deutsche Schulen ausbilden will, muss sich nicht hochtrabend "School of Education" nennen.

    Ansonsten ist die Idee eines Auswahlverfahrens vor dem Studium, vor Praktika, vor Hospitationen etc. immer schwierig. Mit 18 Jahren hatte ich noch keine Ahnung von meinem späteren Leben.

    12 Leserempfehlungen
  4. Zitat: "Die Auswahlkommission hat sie mit den Worten ´Alles, was man wirklich will, das schafft man auch´ beeindruckt."

    Ich hoffe doch sehr, dass dieses Zitat ein Missverständnis ist und die Auswahlkommission sich nicht von einem solchen offenkundigen Unsinn beeindrucken lässt?

    6 Leserempfehlungen
  5. Würden sie so geschwollen antworten und an der Frage vollkommen vorbei?
    Es geht nicht darum wer der Chef ist, dass wissen die Schüler auch so, sondern wie man sie motivieren kann.
    Wie wäre es mit einem Spiel? oder einem aktuellem Thema das auf den gewollten Lerninhalt der Stunde hinausläuft? Mit Beispielen aus der realen Welt und Lob dazu kann man Kinder und Jugendliche am besten motivieren.
    @Topic Solche Einstellungsgespräche taugen meist nichts, wenn sie auf ein paar Fragen beschränkt sind ohne einen einfachen Algorithmus oder Bewertungskriterien die objektivierbar sind.
    Die letzte Dame sagt Feuer in den Augen, ja gut und was sagt das aus?
    Deutlich besser ist es Fragen nach einer einfachen Punkteskala zu bewerten, am ende eine persönliche Einschätzung hinzufügen und damit einen Score auszurechnen.(Müssen die Bewerber ja nicht wissen) Dieser gibt deutlich bessere Auskünfte als subjektive Einschätzungen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Hmmm..."
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    ... die sich hinter Kriterien, Punkteskalen und rote Bälle im Stuhlkreis rumreichen versteckt haben..... wurde bei uns Konfetti gemacht. Diagnose: Angst vor Kontrollverlust, kann nicht für sich selber sprechen, ist kein Charakterkopf sondern blankgebügelte Drohne.

  6. ... die sich hinter Kriterien, Punkteskalen und rote Bälle im Stuhlkreis rumreichen versteckt haben..... wurde bei uns Konfetti gemacht. Diagnose: Angst vor Kontrollverlust, kann nicht für sich selber sprechen, ist kein Charakterkopf sondern blankgebügelte Drohne.

    Antwort auf "Antworten"
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    Mit den Punkteskalen ging es um das Interview an sich und nicht die Frage, genau lesen hilft. Das solche Interviews nicht bringen hat Daniel Kahnemann(Nobelpreisträger und professor für Psycholgie und mathematik in harvard) in vielen Studien gezeigt.
    Einfache Punkteskala sind qualitativ jeder menschlichen subjektiven Einschätzung deutlich überlegen, wenn sie wissen wollen ob der Anwerter es schaffen kann.
    Chrakterköpfe sind meist die schlimmsten, klar die Kinder haben dann Angst und Respekt und lernen dann auch viel, aber verstehn tuen sie es nicht. Das ist stupides durchpauken ohne wirkliche Essenz.
    knder lernen und verstehen am besten an Beispielen und Übungen und nicht durch auswendig lernen und härte.

    • zappp
    • 15. September 2013 14:13 Uhr

    Trifft das nicht auf alle Studienfächer zu? Selbst früher war das Lehramt oft eine Verlegensheitslösung, auch für Wechsler aus fachlich anspruchsvollen Magister- oder Diplomstudiengängen. Den Lehrerberuf kannte man als ehemaliger Schüler noch am besten. Und dann dann noch Beamter im höheren Dienst mit drei Monaten Ferien.

    Könnte es auch sein, dass manche Landesregierungen bei der populistischen Beseitigung früherer Lehrerprivilegien etwas übertrieben haben und heute deswegen immer weniger gute Bewerber finden?

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    • jokatz
    • 15. September 2013 14:14 Uhr

    "Wir würden Ihnen empfehlen, noch etwas an Ihrer Persönlichkeit zu arbeiten"

    Wäre ich an der Stelle der jungen Dame gewesen, hätte ich das den beiden direkt zurückgegeben. Nach dem, was vorher im Text steht, wäre es vielleicht angemessen gewesen zu sagen, dass sie sich etwas klarer darüber werden sollte, was sie eigentlich will, aber dieser "Rat" ist bloß herablassend und dabei noch völlig vage. Lässt nicht gerade auf eine "ausgearbeitete Persönlichkeit" schließen. Setzen, sechs!

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