Hier hat ein kleiner Junge einen sehr merkwürdigen Literaturgeschmack. Er sucht ein Buch über die Methoden der Steuereintreibung im Osmanischen Reich, und dieses Begehr treibt ihn in eine Bibliothek, wo das Unheil seinen Lauf nimmt. Am Ende eines dämmrigen Korridors sitzt dort in Zimmer 107 ein alter, dämonischer Bibliothekar mit furchtbar dicken Brillengläsern, der den gewünschten exotischen Lesestoff prompt herbeischafft, dem Jungen dann allerdings eiserne Fußketten anlegt, um eine gründliche Lektüre der Bücher über die osmanischen Steuereintreibungsmethoden vor Ort sicherzustellen. Und damit nicht genug: Sobald der Junge alles über die osmanische Steuereintreiberei gelesen haben wird, will der Bibliothekar ihm den Kopf absägen und das Gehirn aussaugen.

Die Sache geht dann doch leidlich aus. Bei Haruki Murakami haben die Helden immer eine zweite Chance, denn der japanische Bestsellerautor ist nicht Kafka und bedient sich bei dessen allegorischer Unerbittlichkeit nur, um sie am Ende wie einen Luftballon zerplatzen zu lassen. Die große Angst, die den Jungen im dunklen Bauch der Bibliothek überfällt, verwandelt sich in "eine Angst, die eigentlich keine Angst mehr ist". Am Ende sitzt er wieder bei Mama am Frühstückstisch. Alles ist gut, aber nichts ist gelöst. Der grausame Alte und seine osmanischen Steuereintreiber können jeden jederzeit wieder heimsuchen.

Die Kurzerzählung aus dem Jahr 1982 – jetzt zum ersten Mal auf Deutsch erschienen und von Kat Menschik mit düsterer Heiterkeit illustriert – ist so rätselhaft und schön wie die großen Romane des Meisters des kalten Märchens.