Die Olsen-Zwillinge, Ashley und Mary-Kate, treffen pünktlich in der Bar des Greenwich Hotel in Manhattan ein. Wenige Stunden später sind Paparazzi-Fotos davon im Netz zu sehen: Zwei kleine, blonde Personen mit riesigen Sonnenbrillen im Gesicht steigen aus einem Auto und überqueren den Bürgersteig. Mary-Kate Olsen spricht leise und zögernd und hat einen verträumten Blick. Ashley Olsen, zwei Minuten älter als ihre Schwester, redet dagegen wie eine gestandene Frau. Sie sind 27, aber haben in ihrem Leben schon einige Rollen gespielt: Sie waren Kinderstars in der nicht besonders guten TV-Serie Full House. Sie waren Schauspielerinnen in zahllosen ebenfalls etwas seichten Filmen. Sie verdienten Millionen mit Teenager-Merchandising. Ihr neuester Beruf: erfolgreiche Designerinnen in der knallharten Welt der Luxusmode. Ihr Label The Row steht seit einigen Saisons für die kühle, minimalistische Mode von New York.

ZEITmagazin: Sie zogen 2004 von Los Angeles nach New York – das Jahr, in dem Sie 18 und Alleineigentümerinnen Ihres Milliardenunternehmens Dualstar wurden. Aus niedlichen Mädchen wurden Mode-Ikonen.

Mary-Kate Olsen: Tja, das stimmt wohl. Wir haben etwas viel unnötige Aufmerksamkeit bekommen. Aber die New Yorker Paparazzi sind netter als die in Los Angeles, sie kennen Grenzen.

Ashley Olsen: Kleidung ist eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Als wir nach New York gekommen sind, wurden wir zum ersten Mal als zwei verschiedene Personen wahrgenommen. Darüber waren vielleicht einige überrascht. Wir haben mit 18 einen Bruch mit unserer Vergangenheit vollzogen. Wir traten nicht mehr zusammen in Filmen auf. Wir wollten diese Teenager-Nummer hinter uns lassen, deshalb sind wir hergekommen.

ZEITmagazin: Hat Mode schon immer eine wichtige Rolle in Ihrem Leben gespielt?

Mary-Kate Olsen: Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als wir uns zu einer Veranstaltung zum ersten Mal unterschiedlich anziehen durften. Wir waren 14. Das war eine große Sache für uns. Wir waren neun Monate alt, als wir die Hauptrollen in der TV-Serie Full House übernahmen, wir haben abwechselnd das Mädchen Michelle Tanner gespielt. Wir zogen schon als Babys Kostüme an.

Ashley Olsen: Und weil wir Zwillinge sind, hat sich uns immer die Frage gestellt: Ziehen wir dasselbe an oder etwas völlig Unterschiedliches? Als wir nach New York kamen, fühlte es sich zum ersten Mal so an, als würden wir keine Kostüme tragen.

ZEITmagazin: Für Ihr Label The Row entwerfen Sie reduzierte, man könnte sagen, ernsthafte Mode, die alles andere als mädchenhaft ist.

Ashley Olsen: Es war uns wichtig, dass die Mode kein Kostüm ist. Es geht vor allem darum, wie sich das Kleidungsstück auf der Haut anfühlt. Wir hatten uns hier im College eingeschrieben. Aber die Arbeit hat uns gefehlt! Also haben wir über eine Marke nachgedacht: Was gibt es nicht auf dem Markt? Uns fiel auf, dass es keine Luxusmarke gab, die eine einfache, minimalistische Garderobe anbot. Kleidung, die man wieder und wieder anziehen kann. Die anderen Marken haben das nicht gemacht. Die großen Modehäuser sind so expressiv in ihren Entwürfen, aber es gibt wenige Teile, die die Haltung des Hauses in Entwürfe umsetzen, die alltagstauglich wären. Wir haben mit dem T-Shirt angefangen: Wir wollten das perfekte T-Shirt machen. Das war die Herausforderung, die wir uns selbst gestellt haben. Daraus entstand The Row.

ZEITmagazin: Sie hätten sich auch zurücklehnen können, Sie hätten praktisch in den Ruhestand gehen können.

Ashley Olsen: Ich werde niemals aufhören, zu arbeiten. Ich will etwas zu tun haben. Wenn man arbeitet, nimmt man am Leben teil. Wir waren 13, als wir für Wal-Mart eine Marke entwickelt haben. Unter dieser Marke vertrieben wir auch Kleidung. Wir waren die Ersten, die diese Art von Merchandising betrieben haben: mit einem Namen hinter der Marke. The Row ist etwas ganz anderes, aber wir haben schon als Teenager etwas über Unternehmensführung gelernt: über Kommunikation, darüber, wie ein Unternehmen aufgebaut ist, dass man verschiedene Partner hat, mit ihnen ständig kommunizieren muss. Dass man immer versuchen muss, das Beste von ihnen zu bekommen, und zwar zum besten Preis. Diese Einführung, die wir damals bekamen, ist heute noch sehr hilfreich. Wir haben auch verstanden, dass es wichtig ist, seine Zielgruppe zu definieren. Damals bot der Markt den Jugendlichen zwischen Kindheit und Pubertät nicht viel an. Heute nennt man sie Tweens, damals gab es keine Bezeichnung für sie. Es ist ein großer Markt, mit vielen Müttern und Großmüttern, und niemand hat ihn bedient. Wir waren da die Ersten.

ZEITmagazin: Viele beklagen, dass Kinder heute immer jünger zu Konsumenten werden. Sie waren mit 13 bereits Unternehmerinnen. Denken Sie manchmal, dass das ein bisschen früh war?

Mary-Kate Olsen: Wir sind schon immer zielstrebig gewesen. Es war für uns, wie in die Schule zu gehen. Wir wollten etwas lernen.

Ashley Olsen: Wir sind zu allen Meetings gegangen. Unsere Eltern wollten, dass wir an den Prozessen beteiligt sind. Wir hörten zu und lernten die Sprache. Man wollte auch unsere Meinung hören, weil wir ja ungefähr so alt waren wie die Zielgruppe.