Kürzlich war eine Gruppe von Internetspezialisten bei der Kanzlerin. Ihre Botschaft an Angela Merkel: Deutschland fehlt Wagniskapital. Deshalb schlugen sie ihr vor, den Finanziers junger Unternehmen mit Steuervorteilen zu helfen, so wie in Großbritannien. Der Vorschlag kam nicht gut an. In Deutschland habe man nun einmal ein anderes System, lautete die knappe Botschaft.

So ist es schon vielen Forschern und Akteuren aus der Wirtschaft gegangen, die – voller Vertrauen in die Einsichtsfähigkeit der Physikerin Merkel – bei ihr vorsprachen. "Zurückhaltend bis abweisend" sei sie mit ihren Positionen behandelt worden, sagt eine junge Mittelständlerin, die wie so viele beim Thema Kanzlerin nicht namentlich genannt werden will. Ihr Resümee ist aber umso deutlicher: "Angela Merkel ist nicht offen."

Die Kanzlerin höre sich schon alles an, aber nur einmal, heißt es in ihrer Nähe. Die Frau mit den vielen Besuchern ist skeptisch geworden gegenüber Ideen aus der Wirtschaft und aus der Wirtschaftstheorie. Viel wird darüber geredet, dass sie mit Bierdeckel-Steuerreform und dem Beschwören einer "Neuen Sozialen Marktwirtschaft" beinahe die Wahl 2005 verloren hätte und ihr das eine Lehre gewesen sei. Aber sonst ist wenig bekannt darüber, wie sich das ökonomische Weltbild von Angela Merkel entwickelt hat und was von ihr in der Wirtschaftspolitik noch zu erwarten ist. Wer Antworten auf diese Fragen sucht, findet sie bei Ökonomen, die ihr nahe sind, ebenso wie in ihren Reden auf internationalem Parkett oder im Hintergrundkreis – und in ihren Entscheidungen während der Krisenjahre.

Ein führender konservativer Wirtschaftsforscher des Landes gibt das Unbehagen zu Protokoll, das seine Zunft in den vergangenen Jahren ergriffen hat. "Ihre Sicht auf die Wirtschaftsordnung ist nicht zu greifen", sagt er. Auf vielen Feldern bleibe die Kanzlerin "ohne jede ökonomische Konsequenz". Reformen sind Mangelware, Grundsatzreden ebenso. Bestenfalls gebe es mal eine Kommission, wie bei der Demografie und ihren Folgen, aber keine durchgreifende Änderung. Und die Energiewende habe Angela Merkel zwar selbst ausgerufen, dann aber an den Umweltminister delegiert. Wie das laufe, das sei "bestürzend, nachgerade naiv".

Dann kommt das Aber, das in solchen Gesprächen fast nie fehlt: "Aber in der Euro-Krise ist eine andere Merkel zu sehen." Da lege sie selbst Hand an, da sei alles "Kanzlerarbeit". Ob nun 2008, als Lehman pleiteging, oder 2010, als die Euro-Zone zu explodieren drohte – es gab keine Blaupausen fürs politische Handeln. Also musste die Kanzlerin ihre Position selbst finden. Sie tat es mit Erfolg, wie der Gesprächspartner findet: "Ihre Linie ist beachtlich. Die Experten hatten nichts anzubieten."

Sie sei die Aufgabe angegangen wie ein Experiment und habe ihre Haltung angesichts neuer Ergebnisse weiterentwickelt. Die Natur der Krise, die alle festen Bahnen gesprengt hat, und die Natur der Kanzlerin, die den Dingen auf den Grund gehen will, passten demnach zusammen. Und das unter immensem Druck von außen: Ohne Verschuldungsorgie und Fiskalunion werde der Euro nicht überleben, schrien die Angelsachsen; Deutschland müsse eisern sparen und dürfe bloß keine Haftung für andere Länder übernehmen, empörten sich die deutschen Euro-Skeptiker. In diesem Korridor der extremen Forderungen lernte Angela Merkel Krisenökonomie.

Einer, der gemeinsam mit ihr lernte, sagt, sie habe früh beschlossen, dass sie Ökonomie wirklich verstehen müsse. An diese Aufgabe sei sie dann herangegangen, wie sie es als Physikerin gewohnt war: analysierend, auf der Suche nach Wirkung und Gegenwirkung. "Die Durchdringung ist bei ihr außergewöhnlich", lobt der Ökonom. Einmal erhielt sie das Buch Fraktale und Finanzen des Mathematikers Mandelbrot. Der schrieb, führende Volkswirte hätten unrecht, und die Finanzmärkte folgten keineswegs erkennbaren und gleichmäßigen Entwicklungsmustern. Chaos gäbe es da, plötzliches Emporsteigen und Niederkrachen, hohe Unsicherheit und ein großes Überraschungsmoment. Merkel gefiel das Buch. Sie las es durch und verarbeitete es, ein Mosaikstein der Merkelnomics.

Ihre Skepsis gegenüber den ökonomischen Glaubenssätzen von links und rechts, jeweils vorgetragen mit großem Selbstvertrauen, muss währenddessen gewachsen sein. Da waren die Freunde freier Finanzmärkte und Banklobbyisten, die ihr bis ins Jahr 2008 hinein erzählten, nichts sei sicherer als deregulierte Finanzmärkte. Dann brachen genau diese Märkte wie Kartenhäuser zusammen. Aus der Forderung "Finger weg" wurde über Nacht "Der Staat muss helfen", als sei es das Natürlichste auf der Welt.