"Keiner meiner Patienten ist mir egal": Michael Kammer-Spohn, Psychiater

Ist der Psychiater schuld am Tod eines Menschen, der Suizid begeht? Ist eine psychiatrische Klinik verantwortlich, wenn sich ein Patient selbst oder sogar andere verletzt? Kann bei einer psychischen oder auch körperlichen Erkrankung die eigene Verantwortung an die behandelnden Ärzte delegiert werden?

Würden die Medien das Urteil in diesen Fragen fällen, es würde unmissverständlich ausfallen. Wenn ein Suizid oder eine Gewalttat öffentlich werden, sind die Schuldigen schnell gefunden: die Psychiatrischen Klinken und ihre Ärzte.

Ich bin selbst Psychiater und habe, leider – oder unweigerlich? – "Leichen im Keller". Das sind Patienten, denen ich nicht helfen konnte, die ich nicht erreichen konnte, deren Leiden entweder nicht erkannt wurde oder die gestorben sind, ohne dass ich sie aufhalten konnte. Hinter all diesen Todesfällen stehen nicht nur Angehörige mit ihrem unermesslichen Leid, sondern auch ein Arzt, der in die Tragödien und Schicksale seiner Patienten unweigerlich verstrickt ist. Die Psychiatrie ist ein ganzheitliches Fachgebiet der Medizin: Die Grundlage aller Behandlung, selbst wenn diese auch medikamentös durchgeführt wird, sind die Beziehung und das Gespräch zwischen Patient und Therapeut.

Was also passiert mit mir als Arzt, wenn ein Patient durch einen Suizidversuch sich schwer verletzt oder stirbt?

Es ist nicht so, dass ich als Psychiater kalt darüber hinwegginge, wenn ein Mensch seinem Leben ein Ende setzt oder dies versucht. Vielmehr hintersinne ich mich. Habe ich nicht die richtige Diagnose gestellt? War die Therapie falsch? War ich der Grund, die Ursache?

Psychiater neigen dazu, den Fehler bei sich zu suchen – nicht wenige sind dadurch stark Burn-out-gefährdet. Denn ein Suizid ist etwas anderes als ein Herzinfarkt, im Nachhinein hätte ich immer anders handeln können. Wenn ich den Patienten selbst behandelt habe, ist es besonders schwierig: Neben all diesen kaum aushaltbaren Gefühlen soll ich funktionieren. Ich soll die Angehörigen ebenso informieren wie den Hausarzt. Dann soll ich die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik beruhigen. Ich muss mich den Ermittlungen der herbeigerufenen Polizei stellen, und möglicherweise muss ich auch noch den Toten identifizieren. Dann muss ich darauf achten, dass kein "Fehler" aus der Dokumentation herausgelesen werden kann, da ich mich ja nicht juristisch belasten kann und will.

Gleichzeitig bedauere ich die Angehörigen und betrauere die nicht mehr möglichen Lebenschancen des Patienten. Und ich leide daran, dass die Beziehung zu mir und meinen Mitarbeitenden auf diese schreckliche Art unterbrochen wurde – ja, ich kann auch wütend sein auf diesen Patienten, der mir dies angetan hat. Und in diesem Trubel darf ich das vielleicht Wichtigste nicht vergessen: die anderen Patienten zu schützen. Suizide sind hochgradig ansteckend, gerade in psychiatrischen Kliniken unter all den Verzweifelten.