SelbsttötungIst der Psychiater schuld?

Wenn ein psychisch kranker Mensch Suizid begeht, leiden nicht nur die Angehörigen. Auch sein Psychiater hinterfragt sich, was er wohl falsch gemacht hat. Ein Arzt erzählt von Michael Kammer-Spohn

"Keiner meiner Patienten ist mir egal": Michael Kammer-Spohn, Psychiater

"Keiner meiner Patienten ist mir egal": Michael Kammer-Spohn, Psychiater  |  © Martin Mischkulnig für DIE ZEIT

Ist der Psychiater schuld am Tod eines Menschen, der Suizid begeht? Ist eine psychiatrische Klinik verantwortlich, wenn sich ein Patient selbst oder sogar andere verletzt? Kann bei einer psychischen oder auch körperlichen Erkrankung die eigene Verantwortung an die behandelnden Ärzte delegiert werden?

Psychisch krank

Millionen von Menschen in Deutschland sind psychisch krank. Ob Depression, Sucht oder Angststörungen, die Zahl derer, die wegen seelischer Leiden Hilfe suchen, nimmt zu. Einige Studien gehen sogar davon aus, dass fast jeder im Laufe seines Lebens einmal davon betroffen ist – entweder selbst oder als Verwandter oder Freund eines Menschen, der erkrankt.

ZEIT ONLINE schildert in einer Serie die häufigsten psychischen Krankheiten. Vor allem junge Menschen trifft es. Betroffene und deren Angehörige beschreiben, wie die Erkrankung ihr Leben verändert hat, wie sie erkannten, dass sie krank sind, und wie sie nun damit umgehen. Experten geben Tipps, wie man mit psychischen Leiden zurechtkommt und welche Hilfsangebote es gibt.

Alle Folgen der Serie lesen Sie hier.

Die Teile der Serie

Alle Folgen der Serie Psychisch krank im Überblick:

Hintergrund: Kranke Seele – die deutsche Volkskrankheit

Depressionen: Ohnmächtig im Strudel negativer Gedanken

Schizophrenie: Wenn das Ich sich selbst attackiert

Sucht: Betäubt in eine andere Realität

Suizid: Sind Psychiater Schuld, wenn sich ihre Patienten töten? (aus ZEIT Nr. 37/13, Schweizausgabe)

Angehörige psychisch Erkrankter: Das Leid der anderen

Magersucht: Zu perfekt, um gesund zu sein

Angststörungen: Das Leben, erstarrt vor Todesangst

Protestaktion #isjairre: Ein Hashtag gibt psychisch Kranken eine Stimme

Bipolare Störung: Auf der Suche nach der gesunden Mitte

Bulimie:Ekel vor dem eigenen Körper

Psychisch krank und arbeiten: Mitten ins Leben (aus ZEIT Nr. 46/13)

Borderline: Immer auf der Kippe (aus ZEIT Nr. 47/13)

Schizophrenie-Therapie: Mit Computerspielen die Stimmen im Kopf besiegen

ADHS bei Erwachsenen:Bin ich ein Versager?

ZEIT-Unfrage:Wie lange mussten Sie auf einen Therapie-Platz warten?

Ein erster Band zur Serie "Psychisch krank" ist als E-Book erschienen.

Würden die Medien das Urteil in diesen Fragen fällen, es würde unmissverständlich ausfallen. Wenn ein Suizid oder eine Gewalttat öffentlich werden, sind die Schuldigen schnell gefunden: die Psychiatrischen Klinken und ihre Ärzte.

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Ich bin selbst Psychiater und habe, leider – oder unweigerlich? – "Leichen im Keller". Das sind Patienten, denen ich nicht helfen konnte, die ich nicht erreichen konnte, deren Leiden entweder nicht erkannt wurde oder die gestorben sind, ohne dass ich sie aufhalten konnte. Hinter all diesen Todesfällen stehen nicht nur Angehörige mit ihrem unermesslichen Leid, sondern auch ein Arzt, der in die Tragödien und Schicksale seiner Patienten unweigerlich verstrickt ist. Die Psychiatrie ist ein ganzheitliches Fachgebiet der Medizin: Die Grundlage aller Behandlung, selbst wenn diese auch medikamentös durchgeführt wird, sind die Beziehung und das Gespräch zwischen Patient und Therapeut.

Was also passiert mit mir als Arzt, wenn ein Patient durch einen Suizidversuch sich schwer verletzt oder stirbt?

Es ist nicht so, dass ich als Psychiater kalt darüber hinwegginge, wenn ein Mensch seinem Leben ein Ende setzt oder dies versucht. Vielmehr hintersinne ich mich. Habe ich nicht die richtige Diagnose gestellt? War die Therapie falsch? War ich der Grund, die Ursache?

Psychiater neigen dazu, den Fehler bei sich zu suchen – nicht wenige sind dadurch stark Burn-out-gefährdet. Denn ein Suizid ist etwas anderes als ein Herzinfarkt, im Nachhinein hätte ich immer anders handeln können. Wenn ich den Patienten selbst behandelt habe, ist es besonders schwierig: Neben all diesen kaum aushaltbaren Gefühlen soll ich funktionieren. Ich soll die Angehörigen ebenso informieren wie den Hausarzt. Dann soll ich die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik beruhigen. Ich muss mich den Ermittlungen der herbeigerufenen Polizei stellen, und möglicherweise muss ich auch noch den Toten identifizieren. Dann muss ich darauf achten, dass kein "Fehler" aus der Dokumentation herausgelesen werden kann, da ich mich ja nicht juristisch belasten kann und will.

Michael Kammer-Spohn

Der 48-jährige ist Leitender Arzt für Allgemeine Psychiatrie an der Klinik St. Pirminsberg in Pfäfers. Viele seiner Patienten sind suizidgefährdet.

Gleichzeitig bedauere ich die Angehörigen und betrauere die nicht mehr möglichen Lebenschancen des Patienten. Und ich leide daran, dass die Beziehung zu mir und meinen Mitarbeitenden auf diese schreckliche Art unterbrochen wurde – ja, ich kann auch wütend sein auf diesen Patienten, der mir dies angetan hat. Und in diesem Trubel darf ich das vielleicht Wichtigste nicht vergessen: die anderen Patienten zu schützen. Suizide sind hochgradig ansteckend, gerade in psychiatrischen Kliniken unter all den Verzweifelten.

Leserkommentare
  1. Herr Kammer-Spohn, ich finde ihren Artikel aus sehr persönlicher Sicht, ja subjektiver Sicht sehr schön und wohltuend. Ich selbst bin Krisenerfahrene, also hatte selbst auch mit Suizidgedanken und -versuchen zu tun. Diese Zwickmühle, in der sie stecken, ist für mich nachvollziehbar und es braucht für mich gerade diese persönliche Sichtweise aller Beteiligten, um vielleicht dieses Dilemma auflösen zu können.

    Noch viel zu selten wird der Trialog im psychiatrischen Alltag gelebt. Damit sind Gespräche zwischen Krisenerfahrene, Angehörige und Berufsprofessionellen auf gleicher Augenhöhe gemeint. Werden Angehörige schon frühzeitig mit in die Behandlung integriert, können sie einerseits ihre Kenntnisse kundtun, da sie unmittelbar mit dem Krisenerfahrenen zusammeleben und können vielleicht selbst Erkenntnisse mit nach Hause nehmen. Angehörige können auch wiederum Ressourcen sein.

    Genauso ist es wichtig mit uns Erfahrenen auf gleicher Augenhöhe zu reden, damit wir ein Vertrauensverhältnis aufbauen können, auch dies erfahren wir leider selten, gerade im klinischen Bereich. Aber noch ein Dilemma kommt hinzu. Habe ich Suizidgedanken, wage ich nicht darüber zu sprechen, eben aus der Angst vor Zwangsmaßnahmen. Doch Suizidgedanken sind nicht gleich Suizidgedanken, könnte ich freier ohne Ängste darüber reden, würden diese sich vielleicht nicht festsetzen und dann evtl. sich zur voller Blüte auswachsen.

    Danke nochmals für diesen sehr persönlichen Bericht, es bedarf solcher mehr!

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    Ansonsten wird auf die leeren Kassen der Kommunen verwiesen. Und darauf, dass Angehörige "moralisch verpflichtet" seien, die Last mit zu tragen. Fakt ist: die allermeisten Beziehungen zerbrechen, wenn jemand aus dem Krankengeld heraus rutscht und möglicherweise keine oder nur geringe Rentenansprüche hat: verdient der Partner zu viel, dann gibt es nix. Und das zerstört dann die Beziehung, weil viele Partner - zu recht - der Auffassung sind, diese Regelungen seien nicht "Mein Recht", "Mein Gesetz". Man wird nicht gefragt, ob man diese Regelung will, man darf nicht abstimmen, man wird nur aufgefordert, zu zahlen. Dass da viele nicht mit machen, sollte mehr als verständlich sein.
    Unter solchen Rahmenbedingungen muss der sogenannte "Trialog" scheitern. Für die Angehörigen ist soetwas ganz einfach nur erniedrigend, weil immer irgendwelche Vorwürfe mit schwingen.

  2. @frido, es stimmt leider, dass recht viele genau diese Erfahrungen machen und es eben dadurch zu dieser "Schieflage" kommt und wie man aus dem Beitrag des Arztes sieht, eben nicht nur für den Krisenerfahrenen und deren Angehörigen, sondern auch für den Arzt.

    Hier bedarf es eine Verständigung über Verständnis und vor allem auf gleicher Augenhöhe. Es werden Behandlungsrichtlinien konzipiert, aber ohne die Sicht des Betroffenen oder des Angehörigen einfließen zu lassen. Hier bedarf es eine Zusammenarbeit mit sog. "Experten aus eigener Erfahrung". In mehreren europäischen Ländern ist es eine Alltäglichkeit dass solche Genesungsbegleiter/Peerberater in psychosozialen Einrichtungen mitarbeiten und nicht nur dort, sondern auch in politischen Gremien ihre Erfahrungen einbringen.

    In Hamburg und Bremen, die Wiege des EX-IN-Projektes, werden erste Erfahrungen damit gesammelt und es kommen gute Rückmeldungen von allen drei "Gruppen". Dies müßte bei uns zum Standard werden.

    Übrigens gibt es auch Selbstbetroffene Berufsprofessionelle, die leider aber ihre Selbstbetroffenen-Sichtweise nicht einfließen lassen können, aufgrund von Stigmatisierungen, auch gerade aus dem eigenen Kollegium heraus.

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    Antwort auf "Innere Zerissenheit"
  3. Das grundlegende Problem ist doch einfach, dass nicht der Arzt, der doch dem Patienten helfen will, das ist keine Frage, sonst würde er doch den Beruf gar nicht ergreifen, sondern DIE GESELLSCHAFT SCHULD an Selbstmorden ist, weil sie Menschen unvorstellbar stresst (BERUFSLEBEN) und seelisch zerstört (SCHEIDUNGEN; MOBBING ETC.) Dem Arzt die Schuld zu geben ist halt hilfloser Sündenbock-Mechanismus, denn wie will man die ganze Gesellschaft anklagen?

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    @Anna Haller - Mal mag es tatsächlich der "Burn-Out" sein oder das Mobbing im Büro oder in der Schule oder ein Ideal, welches "man" entsprechen soll. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit.

    Es gibt soviele Gründe, warum jemand in eine Krise gerät und darüber in eine gefühlte "Ausweglosigkeit". Es ist sehr komplex und das Problem auch der Gesellschaft ist, sofort eine Lösung parat haben zu wollen oder noch besser, so schnell wie möglich "DEN Schuldigen" finden zu müssen.

    Wenn auch die Arbeits- und Lebewelt entschleunigt wird und sich einiges "bessert" wird es immer noch Menschen mit Krisen geben und auch immer noch Menschen, die in dem Tod die Lösung sehen.

    Es hilft mir als Krisenerfahrene nicht, wenn als Schuldiger, die Gesellschaft herhalten soll, denn dann ändert sich auch nicht viel. Es bedarf Aufklärung, nochmals Aufklärung und nochmals Aufklärung für Alle.

  4. @Anna Haller - Mal mag es tatsächlich der "Burn-Out" sein oder das Mobbing im Büro oder in der Schule oder ein Ideal, welches "man" entsprechen soll. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit.

    Es gibt soviele Gründe, warum jemand in eine Krise gerät und darüber in eine gefühlte "Ausweglosigkeit". Es ist sehr komplex und das Problem auch der Gesellschaft ist, sofort eine Lösung parat haben zu wollen oder noch besser, so schnell wie möglich "DEN Schuldigen" finden zu müssen.

    Wenn auch die Arbeits- und Lebewelt entschleunigt wird und sich einiges "bessert" wird es immer noch Menschen mit Krisen geben und auch immer noch Menschen, die in dem Tod die Lösung sehen.

    Es hilft mir als Krisenerfahrene nicht, wenn als Schuldiger, die Gesellschaft herhalten soll, denn dann ändert sich auch nicht viel. Es bedarf Aufklärung, nochmals Aufklärung und nochmals Aufklärung für Alle.

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    Ich denke schon, dass es etwas ändert, wenn man sieht, dass die moderne Gesellschaft menschliche Gefühle mit Füssen tritt ! Gerade die Sensiblen, Klugen und Mitfühlenden sind ja von Suizid bedroht, zb Robert Enke, was zeigt, dass sie den Druck der Gesellschaft am meisten spüren.
    LIeber Herr Kammer-Spohn, Sie sollten wirklich gepriesen werden für Ihre schwierige und belastende Arbeit. Vielleicht hilft es sich zu denken, dass die Angehörigen ja auch mit Schuldgefühlen und Zweifeln zu kämpfen haben und sich dan wie Ertrinkende an Jemanden wenden, der ihnen Halt versprechen muss (von Amts wegen) und das sind dann eben Sie.

  5. Ich denke schon, dass es etwas ändert, wenn man sieht, dass die moderne Gesellschaft menschliche Gefühle mit Füssen tritt ! Gerade die Sensiblen, Klugen und Mitfühlenden sind ja von Suizid bedroht, zb Robert Enke, was zeigt, dass sie den Druck der Gesellschaft am meisten spüren.
    LIeber Herr Kammer-Spohn, Sie sollten wirklich gepriesen werden für Ihre schwierige und belastende Arbeit. Vielleicht hilft es sich zu denken, dass die Angehörigen ja auch mit Schuldgefühlen und Zweifeln zu kämpfen haben und sich dan wie Ertrinkende an Jemanden wenden, der ihnen Halt versprechen muss (von Amts wegen) und das sind dann eben Sie.

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    ...ist ein sehr hoher Anspruch. Mir als Krisenerfahrene würde zunächst einmal genügen, dass überall Aufklärungsarbeit und darüber auch eine Entstigmatisierung von psychischen Leiden geleistet wird. Natürlich auch in den Betrieben, wo es zum Arbeitsschutz ebenso dazugehören sollte. Das sind Punkte, die kann man direkt anfahren, aber der Begriff "Gesellschaft" ist so weit und groß, da einen Ansatzpunkt zu finden, ist eine Herkulesarbeit.

    Aber direkt im Gesundheitssystem anfangen und zum Beispiel fordern, dass es zum Qualitätsstandard gehören sollte, dass in allen Kliniken und ambulanten psychiatrischen Einrichtungen und Angebote EX-IN ausgebildete Peerberater/Genesungsbegleiter mitarbeiten, um eben genau da ein Bindeglied zwischen Menschen, die sich in einer akuten Krise befinden und den Angehörigen, sowie Berufsprofessionellen, darstellen zu können. Mehr dazu über diesen Link: http://ex-in.de/?q=ausbil...

    Außerdem braucht es auch ein Paradigmenwechsel innerhalb der Psychiatrie im Denken von "Krank" und "Gesund", denn auch in einer Krise gibt es viele gesunde Anteile, die man als Ressource nutzen kann und den Krisenerfahrenen nicht im ganzen als "Krank" abstempeln sollte.

    Aufklärerische Hilfe bedarf es auch bei den Behörden, so auch bei den JobCentern, Arbeitsagenturen und Anderen ...

    Besser ganz konkrete Ansatzpunkte, als allgemein die "Gesellschaft" benennen, denn dann bleibt jeder zuhause sitzen.

    Werter Herr Kybernetik

    Die Leserin Frau Anna Haller hat in Ihrem Urteil Recht. Ich selber hatte vor 2,5 Jahren meinen ersten Zusammenbruch in einem psychotischen Ausbruch der beinahe in einem Suizid endete. Geholfen haben mir mehr als die wissenschaftlichen Theorien, die versucht wurden einem in den Kopf zu setzen wie man zu funktionieren hat, mein Verständnis der Welt in Zusammenhängen der naturwissenschaftlichen Gesetze, das ich mich an die Liebe meiner Eltern, trotz gescheiterter Ehe erinnert habe und Ihnen und mir für die begangenen Fehler verzeihen konnte, was mich auch frei gemacht hat wieder ins Leben zu starten, weil ich dann offen war für die Lehren die sie aus Ihrem Leben ziehen, und meine Grosseltern. Und dass ich seitdem anstrebe, diese Werte wieder zu erreichen. Vor allem auch das ich trotz keiner Ausbildung in Religion mich das zufällige Wissen der 10 Gebote ich inneren Zwängen und Drängen wiederstehen konnte. Aber ich habe auch verstanden, dass unser Geldsystem, dass wir haben, alle Menschen zu Verhaltensweisen zwingt ohne dass Wir es im Normalzustand bewusst wahrnehmen, die zu diesen Ausnahmesituationen führen. Unser ganzes Wesen als Mensch ist nicht für solch eine Lebensweise auf Dauer konzipiert. Leider bezieht die Psychatrie solche Grundlagen nicht in Ihre Betrachtunsweisen und entsprechende Handlungsoptionen mit ein. Zum Glück hatte ich Ärzte die weitestgehend wirklich am Wohl des Menschen interessiert waren. Auch wenn Sie die Komplexizität nicht verstehn

    Es freut mich, dass Sie aus ihrer Krise wieder gestärkt hervorgehen und dass sie ihre eigenen inneren Einsichten dazu als Ressource nutzen konnten.

    Es gibt sehr viele Ärzte, die tatsächlich an dem Wohl ihrer Patienten gelegen ist und auch viele Ärzte, die die mitgebrachten und vorhandenen Ressourcen erkennen und stützen.

    Auch bei der Genesung gibt es eben nicht "den einen Weg". Die Wege sind so vielfältig, wie die Krisen es selbst ebenso sind. Und was mir hilft, muss ihnen oder jemand anderem noch lange nicht helfen und ihr eigener Weg, mag für mich und meine Befindlichkeiten nicht passen, evtl. aber Teile daraus.

    Was ich selbst aber eben kritisiere, wenn man von "die Gesellschaft" redet, dann ist es dieses doch sehr Unkonkrete und Diffuse, so nach dem Motto: "Es ist die Gesellschaft schuld, ich bin ohnmächtig, kann nichts tun, der Schuldige ist genannt und gut".

    Erstens stimmt es nicht, das jede psychische Krise mit "es ist die Gesellschaft" begründet werden kann und zweitens ändert sich damit nichts, damit bleibt jeder nur eher zuhause sitzen. Nenne ich aber ganz genaue Ansatzpunkte, dann kann man daran arbeiten.

    Gerade weil sie erkannt haben, dass es so komplex ist, ist es eben auch schwer möglich hier den Schuldigen genau zu finden, es sind oft Systeme, die ineinander greifen. Jede Krise ist ganz individuell.

  6. ist ein zu hoher Anspruch, da die Psychotherapie, auch in ihrer dazugenommenen Bandbreite, ein begrenztes Tool ist.

    Eine Leserempfehlung
  7. Gerade in den psychiatrischen Kliniken herrscht oft ein Personalnotstand. Hinzu kommt nun im deutschen Gesundheitssystem die neue Abrechnungsbasis "PEPP", in dem die ersten Tage gut vergütet werden, dann aber die Pauschalen stetig abnehmen, welches dann zu kürzeren Aufenthalten führt.

    Aber auch ambulant herrscht ein Versorgungsnotstand, immer weniger psychiatrische Praxen, 4-6 monatige Wartezeiten bei psychotherapeutischer Behandlung, in manchen Gegenden sogar bis zu einem Jahr.

    Hinzu kommt, dass Leitlinien erstens meist ohne Mitwirkung von Selbsterfahrenen und Angehörigen erstellt werden, zweitens, durch die hohen Ansprüche an Studiendesigns, viele Studien nicht berücksichtigt werden, drittens immer noch mehr die biologische und hier eben dann die Pharmakotherapie eine der Hauptsäulen darstellen.

    Schon allein durch diese o. a. Situation wird es nur mehr um Symptombekämpfung gehen können (hier zentral Pharmakotherapie), als um eine ganzheitliche Behandlungsweise. Durch Kosten-Nutzen-Analyse wird es evtl. dann auch wieder mehr zu Zwangsmaßnahmen führen.

    Die ambulante Versorgung, die dann durch die verkürzte Klinikzeit greifen müßte, ist noch lange nicht ausgebaut. Die Integrierte Versorgung steht hier noch in den Kinderschuhen und es müssen da mit jeder Kasse einzelnd Verträge abgeschlossen werden.

    Skandinavische Länder gehen hier schon einen ganz anderen Weg. Hometreadment und Behandlung über "Offene Dialoge", Reflecting-Teams und Netzwerkversammlungen, mit Erfolg!

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