Die Welt ist zugegebenermaßen großflächig mit dem Blödsinn bedeckt, mit dem die Leute Tag für Tag gegen ihre existenzielle Orientierungslosigkeit anreden. Dazu kann man zwei Haltungen einnehmen: sich mit Grausen abwenden und jenseits der blökenden Menschheit die bittere "Kälte des interstellaren Raumes" (Joyce) dräuen spüren. Oder man legt sich in das ganze Gequatsche rein wie in eine Hängematte und lässt sich tragen und fühlt, dass die unfassbare Redundanz und Flachatmigkeit ja vor allem so ziemlich das Verlässlichste ist, was diese Erde zu bieten hat.

Wie Karl Schmidt dazu steht, ist am Anfang des neuen Romans von Sven Regener noch nicht raus. Diese Figur muss man als alten Bekannten verstehen. In Regeners sehr erfolgreicher Trilogie über den archetypischen Berliner Gastro-Rumhänger Frank Lehmann gab es Karl als dessen besten Freund. Absolut unvergesslich gespielt von Detlev Buck in der Verfilmung des ersten Teils namens Herr Lehmann. Das war ein Kraftmensch mit Vokuhila, ein Künstler, der Altmetall zu Skulpturen schweißte, in dem es innerlich aber zitterte, wie man ahnte, während alle Kumpel aus den Kreuzberger Bars seine Rossnatur bewunderten, mit der er Tag und Nacht vor und hinter mehreren Tresen stand. "Denkt an die Elektrolyte", sagte er, "der Elektrolytmangel ist der größte Feind des Trinkers." Von Herrn Lehmann, dem Buch wie dem Film, kann man sagen, dass sie beide Kult waren, insofern sie ihren milieuähnlichen Lesern einige Redensarten mit auf den Weg gegeben haben. Diese zum Beispiel, die angewendet wird, wenn einer im Suff nach salzigem Essen verlangt.

Am Ende lieferte Herr Lehmann seinen Freund dann im Urban-Krankenhaus ab, nachdem der mehrere Nächte nicht mehr geschlafen und seine Kunstwerke eigenhändig zertrümmert hatte. Tags darauf fiel die Mauer, völlig überraschend für Lehmann und Karl aus Kreuzberg. Seitdem hat man von Schmidt nichts gehört, die beiden anderen Romane der Lehmann-Trilogie waren Prequels. Jetzt aber, in Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt ist er der Erzähler, und wir finden ihn Mitte der Neunziger in Hamburg-Altona wieder. Seit ein paar Jahren trocken, hat er neulich auch die Pillen abgesetzt, die er dazu brauchte, aber immer noch schwebt über ihm "das dunkle Gefühl". So drückt er sich durch die wattige Gegenwart therapeutischer Einrichtungen, seine "Drogen-WG" und seinen Job als Hausmeister-Gehilfe im Kinderkurheim Elbauen.

Sven Regener betätigt sich abermals als Protokollant charakteristisch idiotischer Dialoge. Da diskutiert zum Beispiel Karl Schmidt mit einer Sekretärin, die ihrerseits Schmidt heißt, was eben ein besonders zuverlässiger Name ist. Es geht um eine Mark achtzig für ein Telefongespräch: "›Das ist nun mal so‹", sagt Frau Schmidt, "›das muss immer gleich bezahlt werden, sonst kommt man da in Kuddelmuddel.‹ Wenn das hier ein Wettbewerb war, wer das dümmste Zeug reden konnte, dann war ich entschlossen, ihn zu gewinnen: ›Aber immer‹, sagte ich. ›Sie haben die Quittung sicher schon fertig.‹ – ›Was für eine Quittung? Von einer Quittung weiß ich nichts!‹" Regener hält so ein Hin und Her ohne Schwierigkeiten über drei Seiten durch. Man ist durchaus, auch während man das liest, vom schwelenden Schwachsinn bedroht, aber dann schlägt das um in Mitgefühl: "›Ja, ja, warten Sie, ich hab’s doch gleich‹, sagte Frau Schmidt und wühlte derweil weiter nach dem Quittungsblock, und irgendwie tat sie mir plötzlich leid, weil sie so dämlich war, die böse Tippmamsell, die Quittungsgeschichte machte ihr richtig Angst. ›Schon gut, Frau Schmidt, es geht auch ohne Quittung‹, sagte ich, ›ich hab’s mir überlegt, es geht zur Not auch ohne.‹" Solche winzigen kommunikativen Ambivalenzen inmitten der Oberflächlichkeiten können einen ziemlich erschüttern – in Sven Regeners Büchern wie in der Wirklichkeit. Man bemerkt sie zuerst gar nicht und geht handlungsgierig darüber hinweg, aber dann hängen sie einem tagelang nach, mitsamt dem Wort "Tippmamsell".

Die Milieus, in denen Regeners Bücher spielen, sind im Allgemeinen nicht des intellektuellen Tiefgangs verdächtig, der ältere Trinkeradel Kreuzbergs so wenig wie zum Beispiel die Bundeswehr in Neue Vahr Süd. Aber Magical Mystery bewegt sich dann in einer Szene, die an wucherndem Quatsch wahrscheinlich nicht mehr zu überbieten ist. Es sind nämlich, wie gesagt, die Neunziger, und Karl trifft im Eiscafé La Romantica einen Kollegen aus seiner früheren Band Glitterschnitter, der jetzt das Techno-Label BummBumm betreibt und ihn sofort engagiert. Und zwar als Fahrer, weil er ja sowieso nüchtern bleiben muss. Auf der "Magical Mystery Tour" des Labels wird er zehn DJs durch Deutschland karren, ihren Drogenkonsum überwachen und sie morgens aus den Partyhöllen der Republik klauben.

Magical Mystery Tour hieß ein Konzept-Film der Beatles, dessen Idee darin bestand, dass ein Bus mit der Band und Freunden durch die englische Landschaft fuhr, um etwas Magisches passieren zu lassen, was aber nicht eintrat, weil die Reisenden eben machten, was man auf Busreisen tut: schlafen und aus dem Fenster sehen. Das wurde gefilmt, und der Soundtrack dazu enthält I am the Walrus. Die Hits der neuen Magical Mystery Tour in Regeners Roman heißen HostiBrosti von den Hosti Bros und Ballon, Ballon – der Hit mit der Flöte. Dass nichts passiert, kann man so nicht behaupten. Die komische Crew kommt durch Bremen, Köln, München, Schrankenhusen-Borstel, Hamburg sowie Essen. Eines der beiden mitreisenden Meerschweinchen erleidet einen plötzlichen Tod. Karl Schmidt verliebt sich, und natürlich ist es ein Härtetest für den gewesenen "Multitox", zu Kaffee und Apfelschorle zu stehen, während alle anderen mit allen möglichen Drogen herumfuchteln. In Herr Lehmann fiel die Mauer, die historische Brisanz der Neunziger ist da vergleichsweise schwach. Aber immerhin hantiert Karl Schmidt mit den ersten Handys, prägt dabei das Wort "wegdrücken", und der Coffee to go wird erfunden. Spannung für den Fan-Leser ergibt sich aus der Frage, ob es ein Wiedersehen mit Frank Lehmann geben wird.