"Was wissen Sie über mich?", fragt der große, blonde Mann. Er steht auf einer provisorischen Bühne neben einer Metrostation. Rund 200 Menschen haben sich versammelt, Rentner sitzen auf weißen Klappstühlen, Kinder halten Luftballons in die Höhe. "Verändere Russland, beginne mit Moskau", steht darauf.

"Sie bekämpfen Korruption."

"Sie sind ein Blogger."

"Sie mögen Putin nicht."

"Sie saßen im Gefängnis!"

"Stimmt, und trotzdem stehe ich hier!", antwortet der Mann. Er heißt Alexej Nawalny, ist 37 Jahre alt, Anwalt, Blogger, Star des Anti-Kreml-Protests – und nun Kandidat für die Moskauer Bürgermeisterwahl am Sonntag. Das amerikanische Time Magazin setzte ihn 2012 auf die Liste der 100 weltweit einflussreichsten Menschen.

Nawalny begann seine Oppositionskarriere als Kleinaktionär, er forderte Einsicht in Unterlagen von Staatsunternehmen, stellte Korruptionsbeweise ins Internet und zerrte die Unternehmen vor Gericht. Mit Spenden finanzierte er einen Fonds zum Kampf gegen Korruption und stellte eigene Anwälte ein. Die Organisation deckte zahlreiche Verstöße auf, Aufträge in Millionenhöhe wurden storniert, die Enthüllungen zwangen Parlamentarier zum Rücktritt. Nawalny nennt Putins Staatspartei die "Partei der Gauner und Diebe". Aber kann er Putin wirklich gefährlich werden?

Am Morgen des 18. Juli schien Nawalnys Karriere beendet. Im Saal 112 des Lenin-Gerichts in Kirow, 900 Kilometer nordöstlich von Moskau, verkündete das Gericht: schuldig wegen Veruntreuung, fünf Jahre Lagerhaft. Wer die Staatsmacht reizt, müsse sich nicht wundern, wenn das Interesse an seiner Vergangenheit steige, kommentierte ein Sprecher der russischen Staatsanwaltschaft das Urteil. Angeblich hatte Nawalny als Berater eines Regionalgouverneurs eine staatliche Firma genötigt, Holz unter Marktpreis zu verkaufen. Aber der Hauptzeuge der Anklage vergaß vor Gericht immer wieder, was er Nawalny eigentlich vorwarf. "Diesen Prozess gibt es nur, damit das Staatsfernsehen berichten kann, was ich für ein Gauner bin", sagte Nawalny.

Am Abend nach dem Schuldspruch protestierten in Moskau mehr als zehntausend Menschen. Die Polizei sperrte Plätze und verscheuchte Touristen. Die Demonstranten hielten Schilder, auf denen zu lesen war: "Das Vorgehen gegen Nawalny ist ein Vorgehen gegen mich."

Am nächsten Tag kam der Putin-Gegner frei – zumindest bis das Urteil rechtskräftig ist. Warum nur? Die Moskauer redeten sich die Köpfe heiß. Hat die Staatsmacht Angst bekommen? Soll Nawalnys Kandidatur die Wahlen legitimieren? Ist er vielleicht doch ein Kreml-Kandidat, vorgeschoben, um die Opposition zu spalten? Oder soll er verlieren, um den eigenen Mythos zu zerstören?

Die Staatsmacht hatte diesen Mythos zuletzt kräftig genährt. Früher hat das Staatsfernsehen ihn ignoriert, aber seit dem Prozess wissen Russen im ganzen Land, dass es Nawalny gibt. Seit er systematisch vom Staat verfolgt wird, sind auch seine Kritiker innerhalb der gespaltenen Opposition leiser geworden. Seine Bereitschaft zum Märtyrertum kommt gut an – er hätte sich ja auch ins Ausland absetzen können.

Nun bekommt ausgerechnet dieser frisch Verurteilte Putin-Kritiker die Chance, Wahlkampf zu führen – und nutzt sie auf einzigartige Weise. Täglich trifft er Hunderte von Wählern. Mehr als 1,5 Millionen Euro an Kleinspenden soll er schon gesammelt haben. Fast 15.000 Freiwillige unterstützen Nawalny, meldet sein Wahlstab, und sie werben nicht nur an Ständen und im Internet, sondern auch in Staus und der überfüllten Metro. Er habe sich einiges von Obamas erstem Wahlkampf abgeschaut, erzählt Nawalny, der 2010 als Stipendiat in den USA lebte. In den Umfragen erreicht er über 20 Prozent. Fast jeder Moskauer kennt seinen Namen. Aber Alexej Nawalny muss auch kämpfen gegen das Bild des verurteilten Betrügers, das das Staatsfernsehen in jeden Winkel Russlands gesendet hat.