Noch einmal klinke ich den Sicherungskarabiner in die Stahlseile an der Felswand. Noch ein paar letzte Schritte in den schweren Bergschuhen auf dem ausgebauten Klettersteig, eine kurze Traverse am Fixseil, dann habe ich es geschafft. Ich bin im Paradies. Angekommen auf dem "Buuch", einem Felsvorsprung hoch über dem Engelbergertal. Hier oben bieten die Alpen noch ein Abenteuer.

Das lauschige Plätzchen über dem Abgrund ist der Einstieg zu über 40 wunderschönen Kletterrouten. Entdeckt hat es vor zehn Jahren Matthias Trottmann, einer der besten Outdoorkletterer der Schweiz. Ich lege den Rucksack ab und will schon in den Klettergurt steigen, um die Wand in Angriff zu nehmen. "Langsam, langsam", sagt Trottmann, der mich hierherführte. Er setzt eine kleine Kaffeemaschine auf den Gaskocher, zwischen zwei Bäumen baumelt eine Hängematte über dem Abgrund. Wir trinken einen Espresso, gebraut mit frischem Quellwasser, und genießen die atemberaubende Sicht auf den Titlis.

Allein hätte ich diesen wunderschönen Ort nie gefunden. Ein sogenanntes Topo, ein Verzeichnis der Routen mit Beschreibung des Zustiegs, gibt es nicht. Den Weg zum "Buuch" findet nur, wer von ihm gehört hat. "Der Platz ist nicht geheim. Wenn man vom Tal hinaufschaut, dann sieht man sowieso, wenn jemand am Klettern ist", sagt Entdecker Trottmann. "Hier oben ist jeder willkommen, das ist ja Natur." Trotz all der hehren Worte: Auf den "Buuch" klettert nur, wer zu einem kleinen Kreis Auserwählter gehört.

Plätze wie diese gibt es in den Schweizer Alpen immer seltener. Dies liegt daran, dass immer mehr Gebiete in Kletterführern veröffentlicht werden. Die Gebiete, die nur Insidern bekannt sind, werden als Geheimnis gehütet. Und wehe dem, der diese ausplaudert.

Einer, der zu viel geplaudert haben soll, ist Chris Moser. Der passionierte Berggänger hält seine Kletter- und Bergtouren in einem Onlinetourenbuch fest, das vielen Sportkletterern als Informationsquelle dient. Anfangs publizierte Moser seine detaillierten Berichte ohne jegliche Bedenken. Aber als seine Website bekannter wurde, hagelte es bald wütende Kommentare und E-Mails. "Ich wurde sogar angefeindet, weil ich Kletterplätze publizierte, die man kannte", sagt Moser. Verschiedentlich wurde er von seinen Sportkollegen aufgefordert, Tourenberichte umgehend von seiner Seite zu entfernen. Nicht nur die Beiträge, sondern auch sämtliche Spuren in den Suchmaschinen sollte er löschen.

Wieso aber diese Aufregung um ein paar Kletterrouten im steilen Fels?

"Gewisse Leute sind sehr sensibel. Sie wollen bestimmen können, wer an ihren Wänden klettert", sagt Moser. "Sie setzen sich mit ihren Routen ein Denkmal." Meist seien es Einheimische, die solche Besitzansprüche anmelden. Wohl wissend, dass die Felswände ihnen kein bisschen mehr gehören als den Fremden, die aus dem Unterland in die Berge strömen.

Chris Moser ist nicht der Einzige, der mit solchen seltsamen Besitzansprüchen konfrontiert wird. Auch Verfasser von Kletterführern wissen oft von geheimen Plätzen – und können sie trotzdem nicht veröffentlichen. Da sie selbst die anspruchsvollsten Routen nicht ohne Weiteres klettern und bewerten können, wie etwa die auf den "Buuch" oberhalb von Engelberg, sind sie auf die Informationen der Entdecker angewiesen; und die geben sich häufig wortkarg. Andere respektieren die Wünsche der Pioniere freiwillig. Etwa Sandro von Känel, Autor der Sportkletterfibel Plaisir . Obwohl er viele unveröffentlichte Gebiete gut kennt und als starker Kletterer die Routen problemlos nachsteigen und veröffentlichen könnte, hält er sich an den Ehrenkodex der Szene: Ohne das Einverständnis des Erschließers wird eine Route nicht veröffentlicht. Ja, er klettert am "fremden" Fels nicht einmal eine Route, die der Entdecker selbst noch nicht durchklettert hat.

Aber die Eitelkeiten der Pioniere sind nicht der einzige Grund, weshalb gewisse Kletterrouten und -gebiete nicht veröffentlicht werden. Die vielen Kletterer, die sich heute in den Alpen tummeln, gefährden die Natur. Sie stören das Wild und verscheuchen seltene Brutvögel.

Im kürzlich erschienenen Zentralschweizer Kletterführer des Schweizerischen Alpenclubs (SAC) sind zahlreiche Klettergebiete am Luzerner Hausberg Pilatus bewusst nicht aufgeführt. Nur so, argumentieren die Verfasser, könne man die Naturschutzzonen, in denen die Felsen stehen, vor zu vielen Kletterbegeisterten schützen. In Klettergebieten, die Privatpersonen gehören, greift man zu drakonischen Maßnahmen – und verbietet das Klettern gleich ganz, wenn die Felswände zu viele Sportler anlocken. So geschehen im vergangenen Jahr im Tessiner Maggiatal. Der Grundeigentümer hatte genug vom Trubel, also sperrte er seine Wände.