StilkolumneLangsame Schuhe

Eine Stilkritik von 

Slipper von Longchamp, 280 Euro

Wer Slipper trägt, ist ein Freund kurzer Wege. Von Longchamp, 280 Euro  |  © Peter Langer

Wofür eine Monarchie gut ist, leuchtet nicht jedem sofort ein. Dabei macht es durchaus Sinn, ein paar Leute im Land zu haben, die sich mit nichts anderem beschäftigen als der Verfeinerung des Lebens. Manchmal kommt dabei nämlich eine brauchbare Erfindung heraus. Zum Beispiel der Slipper. Über dessen Ursprung erzählt man folgende Geschichte: Im Buckingham Palace schätzte man es nicht, dass die umliegende Hauptstadt so schlammig und schmutzig war. Um das Parkett und die seidenen Teppiche zu schützen, beauftragte Prince Albert, der Ehemann von Queen Victoria, seinen Schuhmacher, ihm mit Leder besohlte Schuhe zu entwerfen, in die er einfach schlüpfen konnte, sobald er die Türschwelle übertrat – damit seine dreckstarrenden Reiterstiefel draußen bleiben konnten. Die so entstandenen "Prince-Albert-Slipper" waren beim englischen Adel bald sehr beliebt. Sie wurden bei höfischen Anlässen getragen und als smoking slippers in einer Outdoor-Version angefertigt.

In den sechziger Jahren wurde der Slipper auch in den USA modern. Zu den Slipper-Fans gehörten damals Peter Lawford, Jack Lemmon und Dean Martin. Der Slipper übermittelte folgende Botschaft: Sein Träger verfügt über Stilbewusstsein, zeigt aber auch, dass ihn kein gesellschaftlicher Anlass dazu bringt, sich aus seiner persönlichen Komfortzone herauszubewegen.

Anzeige

Vor allem signalisierte der Slipper-Träger, dass er den Weg des geringsten Widerstands geht – keine steinigen Hänge und keine schlammigen Pfade. Und schon gar nicht würde er irgendwohin rennen, das geht in Slippern ja nicht. Kurzum, die Welt war für den Slipper-Menschen so etwas wie das Parkett des Buckingham Palace.

Stilkolumne
Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick   |  © Peter Langer

Diese entspannte Attitüde war allerdings in der Mode bald nicht mehr gefragt. In den siebziger Jahren setzten sich Sportlich- und Lässigkeit immer mehr durch. Mit dieser Entwicklung hielt der Slipper nicht Schritt. In jüngster Zeit sieht man allerdings mehr Slipper als in den sechziger Jahren. Anscheinend hätten wir es wieder gerne, unser Leben in Hausschuhen betreten zu können. Und überhaupt ist ja auch gar nichts dagegen zu sagen, sich in einem Schuh wohlzufühlen. Man muss die Slipper allerdings an der Türschwelle wechseln, sollte man zufällig den Dreck Londons an der Sohle kleben haben. Die Welt ist eben doch kein Teppich.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ... habe ich mein gesamtes Erwachsenenleben keum jemals etwas anderes als Schuhwerk getragen als ... – Slipper. Und so gut wie immer von der Marke mit dem langohrigen Hund. Egel, was Mode und "Stühle Direktoren" dazu zu sagen haben mochten/mögen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich hab dagegen noch nie Slipper getragen. Das ist für mich übrigens eine Frage des Stils und nicht des Geburtsorts.

  2. 2. @ 1

    Ich hab dagegen noch nie Slipper getragen. Das ist für mich übrigens eine Frage des Stils und nicht des Geburtsorts.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Stilkolumne
  • Schlagworte Bekleidung | Mode | Adel
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service