Für sein Lebenswerk mit dem Preis der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) ausgezeichnet zu werden, ist ehrenvoll. Der bekannte Berliner Soziologe und Politologe Claus Offe empfand darum "Freude und Befriedigung", als er den alle drei Jahre vergebenen Theodor-Eschenburg-Preis im vorigen September in Tübingen entgegennahm.

Allerdings erschien es Offe als Dilemma, dass die Annahme des Preises nicht nur ihn ehre, sondern auch Werk und Person des Namensgebers würdige – ja dies sogar durch den Preisträger selbst. Denn Theodor Eschenburg ist bei einem Teil der Fachkollegen in Ungnade gefallen. Offe nahm den Preis zwar an, forderte in seiner Festrede aber dessen Umbenennung. Ob es dazu kommt, wird der Oktober zeigen. Gabriele Abels, die Vorsitzende der DVPW, kündigte jetzt eine Entscheidung an. Damit steht der Verband vor einer Zerreißprobe.

Eschenburg war 48 Jahre alt, als er 1952 auf den neu geschaffenen ersten Lehrstuhl für Wissenschaftliche Politik in Tübingen berufen wurde. Er gründete mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Historiker Hans Rothfels die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, schrieb jahrzehntelang Artikel für die ZEIT, wurde in den Orden Pour le Mérite aufgenommen und als ein über den Parteien stehender Liberaler allseits geschätzt. 1999 starb der aus einer Lübecker Patrizierfamilie stammende Wissenschaftler 94-jährig in Tübingen. Den Eschenburg-Preis verleiht die DVPW seit 2003.

Eschenburg hat noch als Greis an seinen Memoiren geschrieben, die opulent in zwei Bänden 1995/2000 erschienen. Sie stehen unter dem Verdacht, dass darin dunkle Einzelheiten seines Lebens übergangen oder nur oberflächlich gestreift werden. Der Osnabrücker Politikwissenschaftler Rainer Eisfeld veröffentlichte 2011 die Ergebnisse eigener Nachforschungen.

Die Luxemburger Zeithistorikerin Anne Rohstock folgte 2012 mit einem Festschriftbeitrag. Als Dritte in diesem virtuellen Bunde legte die Greifswalder Politikwissenschaftlerin Hannah Bethke kurz vor der Preisverleihung ein Gutachten vor, das die von der Vergangenheitsdebatte aufgeschreckte DVPW in Auftrag gegeben hatte. Vorsitzender war damals Bethkes akademischer Lehrer, der Greifswalder Politikwissenschaftler Hubertus Buchstein.

Neu ist nicht, dass Eschenburg 1934 Mitglied der SS wurde. Die Öffentlichkeit weiß es seit 1988. Was sich in seinen Erinnerungen aber eher wie eine flüchtige Episode liest, erscheint in den genannten Beiträgen als die konsequente Fortsetzung dessen, was sich bei dem Gymnasiasten in den Anfängen der Weimarer Republik angebahnt hatte, durch eine frühe völkisch-reaktionäre Orientierung des Studenten verfestigte, den jungen Erwachsenen in abschüssiger Fahrt geradewegs auf die faschistische Spur lenkte und bis ans Ende des "Dritten Reichs" nicht mehr daraus herausführte.

Alle drei Beiträge kommen mehr oder weniger zu demselben Schluss. Eschenburg habe erst in der Nachkriegszeit "wirklich zur Demokratie gefunden", resümiert die Luxemburger Zeitgeschichtlerin in ihrem Aufsatz, der das Jahr 1945 im Leben des Politikwissenschaftlers als eine Art Stunde null markiert. Darüber hinaus greift Rohstock eine Entdeckung Rainer Eisfelds auf, die in den Vorwurf mündet, Eschenburg habe sich nach 1933 beruflich als regimetreuer Funktionär eines Wirtschaftsverbands betätigt und an der Arisierung des Betriebs eines jüdischen Unternehmers beteiligt.

Bethke nun konsultierte mehrere Archive, auch den Nachlass des Wissenschaftlers im Tübinger Universitätsarchiv. In ihrem Gutachten relativiert sie den Arisierungs-Befund (Eschenburgs Beitrag in diesem Verfahren habe "keine besonders große Relevanz" gehabt), kommt aber trotz eingestandener Lücken zu dem Schluss, dass er als "Mitläufer des NS-Regimes betrachtet werden muss", und sie empfiehlt der DVPW "die Abschaffung des Preisnamens".

Mit Sozialdemokraten gründete er den Kreis der Quiriten

22 Jahre alt war der Geschichtsstudent Eschenburg, als er nach drei Semestern in Tübingen und einem Zwischensemester in Frankreich im Herbst 1926 in Berlin eintraf, um sein Studium fortzusetzen.

In seiner Doktorarbeit interpretierte er zeithistorische Quellen, die ihm Außenminister Gustav Stresemann persönlich vermittelt hatte. Nach mehreren Begegnungen hatte sich eine freundschaftliche Beziehung zu dem Politiker entwickelt, der ihm für die Buchfassung der Dissertation sogar das Vorwort schrieb.

Im November 1929, einen Monat nach Stresemanns frühem Tod, holte Alexander Rüstow, ein Vordenker der sozialen Marktwirtschaft, den jungen Mann als politischen Referenten in die Grundsatzabteilung des Vereins deutscher Maschinenbau-Anstalten. 1931 nahm Eschenburg Rüstows Angebot an, Geschäftsführer des neu gegründeten Bundes für freie Wirtschaftspolitik zu werden. Im Frühjahr 1933 löste sich der Bund auf.