Da stimmt doch was nicht. Die Erklärung, mit der Josef Ackermann am vergangenen Donnerstag aus dem Zurich-Konzern ausschied, erschien vielen dubios, rätselhaft und unvollständig. Der Präsident tritt zurück, weil ein Untergebener sich das Leben nimmt? Weil dessen Familie ihm eine Mitverantwortung gibt? Weil sie womöglich meint – so Ackermanns Sprache –, "ich solle meinen Teil der Verantwortung hierfür tragen, ungeachtet dessen, wie unbegründet dies objektiv betrachtet auch sein mag"? Wirklich? Der schnelle und kampflose Rückzug vom Spitzenamt beim sechstgrößten Versicherungskonzern Europas passte doch kaum zu jenem Josef Ackermann, den man zu kennen glaubte. Der Probleme lächelnd durchsteht und Widerstand wegbeißt, sturer Kern, gewinnendes Auftreten.

Der Fall zeigt eben auch, wie wenig die breite Öffentlichkeit darüber weiß, was auf den Teppichetagen der Wirtschaft wirklich los ist. Gerade deshalb prägen Klischees den Eindruck. Da herrschen Bilder von einer Männergesellschaft, in der jeder Rückzug als Niederlage, jedes Eingeständnis als Verlust und jede Abweichung vom ewigen Drang nach oben als Absturz gilt. Aber Josef Ackermann selbst hat in seiner Karriere schon vorgemacht, dass man verlieren, abdanken und dies nach außen als Zeichen der Integrität verkaufen kann. Im Sommer 1996 trat er nach einem verlorenen Machtgerangel als Chef der Schweizer Großbank SKA zurück – wobei er als Erklärung durchsickern ließ, er habe den geplanten Abbau von 5000 Arbeitsplätzen nicht mittragen wollen, und im Übrigen könne er sich gut auch ein Leben als Hochschuldozent vorstellen. Dann tauchte er ab in einer Bodensee-Klinik, um sich einer Heilfasten-Kur nach ganzheitlicher Methodik zu unterziehen, Stärkung für Körper und Geist.

"Was ich mag: Leistung, die auf Willen, Anstrengung und Leiden beruht"

Dass keineswegs bloß eiserne Machtmenschen, gierige Karrieristen oder asketische Marathonmänner die Verhältnisse in den Konzernspitzen prägen, hat die Schweiz in den vergangenen Wochen ohnehin zu spüren bekommen. Ackermann trat zurück, weil sein Finanzchef zerbrochen war. Pierre Wauthier, 53 Jahre alt, seit zwei Jahren CFO der Zurich-Versicherungsgruppe, hat sich am 26. August in seinem Haus erhängt. Er war Zeit seines Lebens nur in Fachkreisen bekannt, aber sein Schicksal weckte plötzlich enormes Interesse. Denn es stand in einer unglückseligen Reihe. Erst vier Wochen zuvor hatte Carsten Schloter seinem Leben ein Ende gesetzt, und der war als Chef des dominierenden Telekommunikations-Konzerns des Landes, der Swisscom, eine bekannte Figur gewesen. Auch er hatte sich erhängt.

Man konnte sich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass es in der vermeintlich strahlenden Lebenswelt da oben dunkle Ecken gibt – dass eben etwas nicht stimmt. Kaum vergessen ist nämlich auch, dass sich zwei Jahre zuvor der Firmenleiter von Ricola, dem Alpenbonbon-Produzenten, vor den Zug geworfen hatte. Und im Trubel der Finanzkrise 2008 hatte sich Alex Widmer erhängt, der Chef der größten Schweizer Privatbank Julius Bär und einer der prominentesten Bankiers im Lande.

Wer wollte – und das taten viele –, konnte nun umgehend über die Einsamkeit an der Spitze oder die Überlastung der Manager nachsinnen. Über die Unfähigkeit, Hilfe zu suchen. Über den Tunnelblick auf Zahlen oder auf den unbedingten Erfolg. Und überhaupt, haben nicht Studien bewiesen, dass die Topmanager überdurchschnittlich oft narzisstische Persönlichkeiten sind? Und belegen nicht andere Studien, dass die Selbstmordneigung gerade bei diesen Charakteren weit verbreitet ist? Doch so einfach ist es nicht. Genauer besehen, verbindet die Todesopfer wenig – oder allenfalls, dass sie erstaunlich gleichaltrig waren, nämlich zwischen 49 und 53 Lebensjahren. Es ist ein Alter, in dem Männer laut Statistiken tatsächlich etwas verstärkt zum Suizid neigen. Aber sonst?

Pierre Wauthier, der verstorbene Zurich-Finanzchef, wurde als eher zurückhaltender, überaus korrekter Zahlenexperte beschrieben, als bescheidener Mensch. Alex Widmer erschien auf der anderen Seite als rundlich-barocker Lebemann, was ihn auch zum Außenseiter in der grauen Bankiersszene von Zürich machte. Dass er zu Depressionen neigte, wurde da gar nicht erst bemerkt. Swisscom-Chef Carsten Schloter wiederum entsprach dem Abziehbild des Dynamikers unter Dauerstrom. In einem Fragebogen schrieb er mal: "Was ich mag: Leistung, die auf Willen, Anstrengung, Überwindung und Leiden beruht. Was ich nicht mag: Leistung als solche dargestellt, die jedoch vor allem auf Glück und Zufall aufbaut." Und nach diesem Selbstbild lebte er: Immer erreichbar, immer unterwegs, immer auf Vollgas. Auf ein eigenes Büro verzichtete er, weil er den mobilen Menschen verkörpern wollte. Und um sich zu beweisen, wie gut er ist, stieg er auf jeden Gipfel, raste jede Piste runter, strampelte jeden Pass hoch. Seine Heldentaten ließ er regelmäßig in den Hochglanzpostillen dokumentieren.

Aber dieser Rastlosigkeit, die er selbst an sich konstatierte, fiel seine Ehe zum Opfer – und seine Gesundheit. Schloter taten gegen Ende seines Lebens alle Gelenke weh. Er hatte es zu weit getrieben. Zudem hatte er sich mit der Übernahme des italienischen Telekommunikationsunternehmens Fastweb, die er unbedingt wollte, verspekuliert. Die Swisscom musste gut eine Milliarde Euro abschreiben. Das wollte Schloter nicht hinnehmen – und übernahm 2010 monatelang selbst die Führung der Tochtergesellschaft, ohne ein Wort Italienisch zu sprechen. Eine Tortur, die ihn sehr viel Kraft und den Nimbus des Alleskönners kostete. Was Schloter selbst wusste. Er sagte öffentlich, er könne "nicht mehr abschalten", er hatte buchstäblich schlaflose Nächte. Offenbar fand er aus dem Widerspruch zwischen den eigenen Erwartungen und den Resultaten keinen anderen Ausweg mehr als den Freitod.