DIE ZEIT: Mister Roberts, Sie haben vor einiger Zeit mit Ihren neu gestalteten Karten der Londoner Tube für Aufsehen gesorgt (ZEIT Nr. 3/12). Jetzt haben Sie das Streckennetz von New York in eine Art Tortenstück verwandelt. Das sieht ja schön aus, aber: Wozu soll es gut sein?

Maxwell Roberts: Bei diesen Entwürfen geht es mir immer darum, das Design der Pläne und damit auch ihre Nutzbarkeit zu verbessern. Angefangen hat es im Grunde als Spielerei. 1999 habe ich zum ersten Mal versucht, den Plan der Londoner U-Bahn zu verbessern – ein Entwurf, den ich übrigens heute für ziemlich misslungen halte, deshalb habe ich ihn gut versteckt. Mittlerweile sind mehr als hundert Pläne zusammengekommen, zum Beispiel für Berlin, Paris, Madrid, Chicago, Liverpool.

ZEIT: Dabei werden Sie dafür nicht einmal von den Städten offiziell beauftragt, sondern beschäftigen sich als Psychologe mit den Karten. Welche Kriterien sind dabei aus Ihrer Sicht besonders wichtig?

Roberts: Genau genommen sind es fünf: Einfachheit, Kohärenz, Harmonie, Ausgewogenheit und geografische Genauigkeit. Eine Karte sollte die Wirklichkeit, all diese gewundenen, einander wild kreuzenden Linien vereinfachen, sie in schöne, ordentliche Strecken übersetzen. Die meisten Pläne leisten aber genau das nicht. Die Pariser U-Bahn-Karte zum Beispiel übersetzt die Komplexität der Streckenführung einfach in einen Haufen Zickzacks.

ZEIT: Und Sie meinen, mit Ihren Plänen findet man sich besser zurecht?

Roberts: Ich denke schon. Streckennetzpläne werden noch immer nach den Designprinzipien gestaltet, die schon in den dreißiger Jahren zugrunde gelegt wurden: horizontale Linien, vertikale Linien, 45-Grad-Winkel ... Als ich Anfang des Jahres probiert habe, die neue Londoner Circle Line in eine circle map, eine Karte aus konzentrischen Kreisen, zu übersetzen, gab es viele positive Rückmeldungen im Internet. Die Leute schrieben mir, wie gut ihnen der Plan gefalle und wie viel übersichtlicher er London mache. Aber mit solchen Aussagen muss man vorsichtig umgehen.

ZEIT: Inwiefern?

Roberts: Wir haben zum Beispiel Probanden zwei Karten der Pariser Metro vorgelegt – die offizielle und einen radikal anderen Entwurf. 90 Prozent der Testpersonen sagten, sie fänden das neue Design zugänglicher. Als wir fragten, welche Karte sie für ein Wochenende in Paris benutzen würden, entschied sich allerdings nur etwa die Hälfte für den neuen Entwurf. Das ist für mich als Psychologe interessant: Wie funktioniert Wahrnehmung? Wenn ein Proband die neue Karte tatsächlich übersichtlicher findet, müsste er sie ja benutzen wollen. Aber vielleicht fand er nur die Farben schöner? Oder sie entsprach eher seinen Erwartungen? Dennoch ist die Testperson der Überzeugung, sie habe ausschließlich die Nutzbarkeit beurteilt.

ZEIT: Woran liegt es eigentlich, dass Menschen U-Bahn-Pläne so gern mögen? Das Tube-Netz von London findet man ja auf zahllosen Souvenirs ...

Roberts: Nun, eine gute Karte hat etwas unglaublich Strukturiertes, Aufgeräumtes. Wie ein Bild von Mondrian. Menschen mögen Muster. Sie dekorieren ihre Wände damit, kritzeln sie auf Papier, während sie telefonieren. Eine wirklich gute Karte zeigt eine Stadt als etwas Ordentliches.

ZEIT: Gibt es überhaupt einen U-Bahn-Plan, den Sie für gelungen halten?

Roberts: Wenn ich ehrlich bin, habe ich noch nie eine Karte gesehen, an der ich nichts verbessern wollte. Das geht mir aber auch bei meinen eigenen Entwürfen so. Die russischen Karten haben mir immer gefallen. St. Petersburg etwa hat zwar ein überschaubares Streckennetz, wird aber auch in ein einfaches, schönes Design übersetzt. Die Moskauer Karte ist schon ein bisschen komplizierter, doch sie hat einen schönen Kreis in der Mitte, der das Zentrum rahmt. Leider mag ich die deutschen Karten gar nicht.

ZEIT: Warum?

Roberts: Weil die Deutschen – wie die Amerikaner – für jede Linie eine eigene Farbe benutzen, selbst bei parallel verlaufenden Strecken. Franzosen und Briten fassen sie zusammen. In Frankfurt etwa führt dieses System dazu, dass sich im Zentrum dieses unfassbare dicke Hufeisen bildet – weil der Streckenverlauf der Linien identisch ist.

ZEIT: Warum interessieren sich die Verkehrsbetriebe eigentlich nicht für Ihre Pläne?

Roberts: Ach, in den meisten Städten ist der öffentliche Personennahverkehr ja eine sehr bürokratische Angelegenheit. Und es gibt nichts, was Bürokraten mehr hassen als einen Außenseiter, der daherkommt und sagt: Guckt mal, ich kann euren Job viel besser machen als ihr. Ich erstelle meine Karten zu Forschungszwecken und weil es mir Spaß macht.

ZEIT: Mögen Sie eine Ihrer Karten besonders gern?

Roberts: Die New-York-Karte ist im Moment mein absoluter Favorit. Ich ging zunächst davon aus, dass sie gar nicht funktionieren würde, weil New York im Gegensatz zu den meisten europäischen Städten kein rundes Stadtzentrum hat. Diese Karte hat mich bis in meine Träume verfolgt. Und ich bin davon überwältigt, wie gut das Prinzip der circle maps auch hier funktioniert. Die Linien auf dieser Karte scheinen zu strahlen!

ZEIT: Sie wirkt fast wie ein Bild ...

Roberts: In meinem Büro habe ich einen Ausdruck über meinem Schreibtisch. Wenn ich einen meiner früheren Entwürfe danebenhänge, fällt er von selbst runter und rollt sich zusammen, weil er sich für seine Mittelmäßigkeit schämt.