Gelb schimmert der verschmutze Fluss in Jiaxinx, in der südostchinesichen Provinz Zhejiang. Er fließt an einer Fabrik für Schrauben und Muttern vorbei. © Stringer/Reuters

DIE ZEIT: Das Verhältnis zur Natur, so heißt es, wird in der frühen Kindheit geprägt. War das bei Ihnen auch so?

Michael Otto: Nur was man liebt, das schützt man. Ich war immer viel in der Natur. Als 16-Jähriger habe ich meine erste große Radtour nach Schweden und Norwegen unternommen, durch riesige Wälder und Seengebiete. Bis heute finde ich in der Natur zu mir selbst.

ZEIT: Ihr Engagement ist durch den Bericht des Club of Rome ausgelöst worden: Die Grenzen des Wachstums. Wie kam das?

Otto: Der Bericht hat seinerzeit erstmals mit Zahlen, Daten und Hochrechnungen die Gesamtentwicklung auf unserem Globus aufzuzeigen versucht. Das war für mich eine große Bewusstseinserweiterung. Ich dachte: Es muss was passieren, und jeder muss bei sich selbst anfangen. Darum haben wir Ende der siebziger Jahre bei Otto die ersten Projekte zum Thema Umweltschutz begonnen.

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Mich wundert bis heute, dass erst die Mathematik manchen Menschen die Augen für den rapiden globalen Naturverbrauch geöffnet hat. Noch dazu eine fehlerhafte Mathematik: In der Formel, die Dennis Meadows verwendet hat, war die Industrieproduktion an die Umweltverschmutzung gekoppelt. Die Reaktion darauf war aber richtig: Wir mussten uns um die Entkopplung der Umweltzerstörung vom Industrie-Output kümmern.

ZEIT: Hat das Handeln genug bewirkt?

Otto: Schadstoffausstoß und Wachstum wurden zumindest in den Industrieländern stark entkoppelt. Aber weltweit nehmen Umweltverschmutzung und der CO₂-Ausstoß leider nach wie vor zu.

ZEIT: Auch weil wir unsere emissions- und schadstoffträchtigen Industrien in Entwicklungsländer exportiert haben?

Otto: Nicht unbedingt. Aber richtig ist: Wenn wir Waren importieren oder die Produktion in andere Länder verlagern, müssen wir dort Mindeststandards einfordern.

ZEIT: Kann ein Unternehmen allein das leisten?

Otto: Nein, dafür brauchen wir globale Allianzen. Als wir in den Neunzigern bei der Otto Group Sozialstandards für den weltweiten Import eingeführt haben, haben wir damit nur die Lieferanten erreicht, für die wir Großkunde sind. Also habe ich 1998 die Vorstandsvorsitzenden aller großen deutschen Handelsunternehmen eingeladen und mit ihnen die Grundlage für den späteren BSCI-Standard entwickelt. Der wird heute von über tausend Unternehmen in Europa und darüber hinaus eingesetzt.

ZEIT: Es gibt aber auch Lieferanten, die ihn meiden ...

Otto: Firmen, die unsere Standards einhalten, sind am Ende viel besser organisiert als die Billigkonkurrenz!