Wachstum : Baut Straßen!

Deutschlands Erfolge sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land und seine Wirtschaft von der Substanz leben.

Wer auch immer die Bundestagswahl gewinnt: Die Ausgangslage für die neue Bundesregierung scheint so gut zu sein wie selten zuvor. Deutschland ist nicht mehr der kranke Mann Europas, sondern ein Pol der Stabilität in einem instabilen Europa. Doch von dieser Stabilität sollte man sich nicht blenden lassen. Der Bundesrepublik stehen dringende strukturelle Reformen bevor, die von enormer Bedeutung für die wirtschaftliche Zukunft des Landes sind – weit über die nächsten vier Jahre hinaus.

Deutschland hat im vergangenen Jahrzehnt drei große wirtschaftliche Erfolge erzielt: auf dem Arbeitsmarkt, in der Wettbewerbsfähigkeit und bei der Konsolidierung der Staatsfinanzen. Aber alle diese Erfolge haben Schattenseiten und offenbaren Schwächen.

Die erste Schwäche betrifft den Arbeitsmarkt, wo viele Menschen Beschäftigung gefunden haben und die Arbeitslosenquote von fast 12 Prozent im Jahr 2005 auf heute unter 7 Prozent gesunken ist. Diese Leistung sollte nicht unterschätzt werden, denn sie wurde trotz zweier tiefer Finanzkrisen erzielt. Sie beruht sowohl auf strukturellen Arbeitsmarktreformen wie auf dem besonnenen Handeln aller Tarifpartner.

Marcel Fratzscher

ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin und Professor an der Humboldt-Universität

Dieser Erfolg ist jedoch nicht ohne Makel. Der Anstieg der Beschäftigung ist einhergegangen mit einer enttäuschenden Entwicklung der Produktivität. Zudem hat kaum ein Industrieland über das letzte Jahrzehnt eine so schwache Entwicklung der Reallöhne erlebt wie Deutschland. Die Kaufkraft der Einkommen vieler Deutscher ist heute nicht höher als vor zehn Jahren.

Der zweite große Erfolg ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exportunternehmen. Deutschland ist eines der ganz wenigen Industrieländer, deren globale Marktanteile trotz des starken Wettbewerbs mit den Schwellenländern weiter gestiegen sind. Die Exporte haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die deutsche Wirtschaft nach der globalen Finanzkrise von 2008/09 aus der Rezession zu ziehen.

Aber auch dieser Erfolg hat eine Kehrseite: Deutschland hat seit dem Jahr 2000 eine der schwächsten Wachstumsraten aller Industrieländer verzeichnet. Abgesehen von den erfolgreichen Exportsektoren sind vor allem viele Dienstleistungssektoren nur schwach gewachsen und bis heute wenig wettbewerbsfähig. Prognosen zufolge wird sich das mittelfristig nicht ändern: Das Potenzial für Wachstum, über das die deutsche Wirtschaft verfügt, bleibt demnach über die nächsten Jahre enttäuschend niedrig.

Die dritte wichtige Leistung ist die Verbesserung der Staatsfinanzen, die bereits im Jahr 2012 zu einem kleinen Überschuss der öffentlichen Haushalte geführt hat – während fast alle anderen Industrieländer noch immer riesige Defizite haben. Diese Verbesserung entstand hauptsächlich dadurch, dass die Einnahmen deutlich gesteigert wurden (aufgrund positiver Arbeitsmarktentwicklungen und niedriger Zinsen), und nicht durch Ausgabenkürzungen. Dabei ist es gelungen, die Balance zu halten zwischen Konsolidierung und der Notwendigkeit, die wirtschaftliche Erholung nicht zu gefährden.

Die Kehrseite ist, dass die öffentlichen Ausgaben für Bildung und Infrastruktur niedrig waren. Dadurch ist das Vermögen des deutschen Staates (nach Abzug der Schulden), das vor allem aus öffentlicher Infrastruktur besteht, von über 500 Milliarden Euro – so hoch lag es vor zehn Jahren – auf praktisch null gefallen.

Alle Kehrseiten haben eine gemeinsame Hauptursache: eine massive Investitionsschwäche. In den neunziger Jahren entsprachen die Investitionen mehr als 20 Prozent der Wirtschaftsleistung, heute sind es nur noch knapp 17 Prozent. Kaum ein Industrieland investiert so wenig. Eine Studie des DIW Berlin zeigt, dass Deutschland, mit seiner großen forschungs- und entwicklungsintensiven Industrie, 75 bis 80 Milliarden Euro mehr pro Jahr investieren müsste. Die öffentlichen und die privaten Investitionen sind also deutlich unzureichend.

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Kommentare

56 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

@ 1 + 2

Sie sorgen sich vornehmlich um die privaten Vermögen:
Klar, dass die sich sonstwo auf der Welt Investitionsmöglichkeiten suchen, die lukrativer sind, als hierzulande.
Im Artikel geht es eher um "Staatsknete" und den Bestandsschutz, bzw. -mehrung des Volksvermögens. Zu diesem Thema habe ich nicht viel im Wahlkampf gehört (vielleicht überhört?).
Hier habe ich gesehen, dass in jüngerer(?) Vergangenheit enorm viel Geld in den Sand gesetzt wurde zur Befriedigung einer unfassbaren und äußerst merkwürdigen Gigantomanie. Seien es Autobahnen im Niemandsland, öffentliche Gebäude oder Flughäfen.
Ich werde mal diesbezüglich eine Anfrage an meine BTW-Kandidaten hier vor Ort richten. Mal schaun was die dazu sagen.
(Btw: solcherart Anfragen lohnen sich immer, Antworten kommen in der Regel schnell).

Hallo WolfHai.

Stimmt.
Der Bundesrat gestaltet die europäische Finanzpolitik nicht.
Zusätzlich haben die Länder und Kommunen
ein Interesse an einer stabilen Währung
und an der gesicherten Finanzierung ihrer Aufgaben.

Also müssen Alternativen in der Bund.

Möglicherweise waren die Äußerungen der Bundeskanzlerin bezüglich "Alternativlosigkeit"
weniger eine Tatsachenbeschreibung bezüglich Währungspolitik,
sondern vielmehr eine Tatsachenbeschreibung
bezüglich der politischen Verhältnisse
in der Politik Deutschlands.
So eine Art Hilferuf. ;)

Dann wäre es an der Zeit,
diese im finanziellen Interesse Deutschlands zu verändern.
Auf Beifall und Buhs aus den "falschen Ecken"
ist man sowieso gewöhnt.
Das ist längst kein enst zu nehmender Gradmesser mehr.

Jedenfalls, Danke für die Info

und

Guten Tag.

Ach, übrigens, ...

... schrieb ich in #32,

"Außerdem fußt das deutsche Geld- und Garantien-System längst auf dem Euro. Alle Renten und Guthaben stecken da drin."

Und Sie schrieben dazu in #42,
das sei falsch,
weil sie lediglich in Euro "bewertet" seien.

"Nach dem Euro werden sie dann in der neuen Währung bewertet. Die Umstellung wird verlustfrei erfolgen. Genauer: Es werden bei der Umstellung Verluste "realisiert" werden (also buchhalterisch anerkannt), die schon längst angefallen sind und die auch bei Beibehaltung des Euro (wenn auch erst später) realisiert werden müssen; diese Verluste werden um so geringer sein, desto eher der Ausstieg aus dem Euro erfolgt."

Die Verluste sind weder "längst angefallen",
noch werden sie den Menschen
vor der Wahl zugemutet.
Oder meinen Sie,
die ESM-Bürgschaften mit Option auf mehr
plus angestrebte Schuldenunion
seien Spaßveranstaltung? ;)

Das deutsche Geld- und Garantien-System
fußt längst auf dem Euro.
Alle Renten und Guthaben stecken da drin.

Sehr leise tun sie das,
die Renten und Garantien - zugegeben.
Vermutlich stecken sie unter einer Decke. ;)

Nun gut

Wenn Dennis Meadows, den man durchaus als Pessimisten bezeichnen kann recht hat, dann ist der Zug abgefahren fuer einen Grossteil der Menschheit. Wir haben zu wenig gemacht, aber die Optimisten wuerden einwenden, irgendwie wird der Mensch das schon schaukeln. Ich weiss nicht wer recht hat, aber das drastische Massnahmen ergriffen werden koennen, ohne dass es gleich Aufruhr gibt zeigt die Energiepolitik in Suedkorea. Die Regierung hat letzten Herbst beschlossen, dass alle oeffentlichen Gebaeude im Winter auf maximal 18 Grad erhitzt werden duerfen (und es wird teilweise sibirisch kalt in Korea) und im Sommer auf hoechstens 30 Grad abgekuehlt werden duerfen (diesen Sommer war es bis zu 45 Grad heiss) Allein diese Massnahme hat der Regierung Mrd Einsparungen gebracht und damit konnte der Ausfall von mindetsens 6 Atomkraftwerken kompensiert werden. Zumindest die Koreaner neben das stoisch hin und ich muss sagen, gut im Winter ist hart im Buero aber man stirbt daran nicht. Und Klimaanlagen sind nach meiner Meinung sowieso nur was fuer Schwaechlinge.