FinanzkriseEs geht wieder was

Erstmals besteht in Europa die Chance auf eine Wende in der Krise. Wird sie verspielt? von 

Wie schnell es gehen kann. Vor ziemlich genau einem Jahr stand Europa am Abgrund, in diesem Sommer nun windet sich Europa aus der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Selbst in den südeuropäischen Krisenstaaten melden die Industrieunternehmen inzwischen bessere Geschäfte. Schon im Herbst dürfte die Wirtschaft in den meisten europäischen Ländern wieder wachsen.

Erstmals in dieser Krise besteht eine realistische Chance auf eine Wende zum Besseren – und Europa verspielt sie gerade.

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Die Menschen in den betroffenen Staaten spüren von der Erholung der Konjunktur zwar bislang noch wenig. Die Lage auf den Arbeitsmärkten in Italien, Portugal oder Spanien ist noch immer sehr angespannt, viel zu viele Jugendliche sind ohne Job. Doch das bedeutet nicht, dass sich nichts getan hat. Die Unternehmen schaffen aller Erfahrung nach erst neue Jobs, wenn die Wirtschaft wieder kräftig wächst und neue Leute eingestellt werden müssen, um die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen befriedigen zu können. Das war in Deutschland auch nicht anders.

Der Verweis auf die nach wie vor miserablen Arbeitslosenzahlen in Südeuropa ist also kein Argument gegen eine Wende in der Krise. Sie zeigen vielmehr, dass das Wachstum zwar noch nicht stark genug ist, die Richtung aber stimmt. Es wäre deshalb höchst gefährlich, der Konjunktur ausgerechnet jetzt die staatliche Stütze zu entziehen.

Doch genau dazu könnte es kommen. Das liegt zum einen an der Europäischen Zentralbank (EZB). Es ist ihr bislang nicht gelungen, den von den USA ausgehenden Anstieg der Finanzierungskosten für Unternehmen, Staaten und Haushalte zu begrenzen. Notenbankpräsident Mario Draghi hat zwar versprochen, den Leitzins in Europa über einen längeren Zeitraum hinweg niedrig zu halten. Doch das Zinsversprechen ist so weich formuliert, dass an den Finanzmärkten kaum jemand Draghi glaubt – und so verteuern sich die Kredite auch auf dem Kontinent, zumal viele Banken die Notkredite zurückzahlen, die die EZB auf dem Höhepunkt der Krise ausgereicht hat.

Das für die Finanzierung der Wirtschaft zur Verfügung stehende Geld wird also knapper – obwohl die Krise noch nicht überwunden ist und die Inflationsraten in Europa derzeit sinken und in einigen Ländern erheblich unter dem Zielwert der Notenbank liegen.

Aber das ist nicht die einzige Gefahr für die Konjunktur. Viele Krisenstaaten liegen bei der Haushaltskonsolidierung nicht im Plan. Italien etwa hat allein im August drei Milliarden mehr neue Kredite aufgenommen als im Vorjahresmonat. Nach Schätzungen der Commerzbank wird es dem Land nicht gelingen, das Staatsdefizit wie geplant in diesem Jahr unter die Obergrenze von drei Prozent zu drücken.

Um die Etatziele doch noch zu erreichen, müssten erneut Ausgaben gekürzt und Steuern erhöht werden. Das würde die Konjunktur belasten und könnte die Erholung der Wirtschaft gefährden. Dass Europa auf eine Wende hoffen kann, hat schließlich viel damit zu tun, dass die Sparauflagen – mit Zustimmung der Bundesregierung, die im Wahlkampf gute Nachrichten gebrauchen konnte – zuletzt erheblich gelockert wurden. Wenn Deutschland nun nach der Bundestagswahl wieder stoisch auf die Einhaltung der vereinbarten Ziele pocht, statt den Ländern die nötige Flexibilität bei der Haushaltskonsolidierung einzuräumen, dürfte der Aufschwung vorbei sein, bevor er richtig begonnen hat.

Wie gefährlich es ist, wenn der Staat sich nach einer Krise zu früh zurückzieht, zeigt die große Depression der dreißiger Jahre. Als sich die US-Konjunktur im Zuge der Hilfsmaßnahmen des New Deal im Jahr 1937 zu erholen begann, beendete die Notenbank ihre lockere Geldpolitik, weil sie einen Anstieg der Inflation befürchtete. Und die Regierung in Washington erhöhte die Steuern, um das Etatdefizit zu begrenzen. Ergebnis: Die Wirtschaft brach wieder ein.

Diese Krise hat den Europäern viel abverlangt. Wenn die Rezession zurückkommt, wird die Währungsunion mit großer Wahrscheinlichkeit Geschichte sein. Der Süden wird neue Hilfsprogramme mit noch mehr Sparauflagen nicht tolerieren, und der Norden wird keine zusätzlichen Milliardenrisiken mehr schultern wollen. Für den Aufschwung gilt deshalb: jetzt oder nie.

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Leserkommentare
  1. Im Süden gibt es eine Konjunktur, die darauf beruht das mehr Geld auszugeben als eingenommen wird.
    Und dieses Strohfeuer ist in Gefahr, wenn die Zinsen steigen und/oder die Sparauflagen gelockert werden?

    Oh weh.

    17 Leserempfehlungen
    • WolfHai
    • 13. September 2013 20:50 Uhr

    Autor Schieritz blendet aus, dass es sich bei der Eurokrise im Kern um eine Zahlungsbilanzkrise handelt, die z.T. die gleichen Symptome ausweist wie eine Konjunktur- und Beschäftigungskrise. Eine Zahlungsbilanzkrise (im Gegensatz zu einer Konjunkturkrise) lässt sich aber weder durch Austeritätspolitik noch durch niedrige Zinsen oder eine erhöhte Staatsquote heilen, sie ist "strukturell".

    Leser, die dies verstehen möchten, können sich das entweder bei dem eher konservativen Hans-Werner Sinn oder bei dem doch eher linken Heiner Flassbeck ankucken; ankucken sollten sie es sich aber. Dann wissen sie: Die jetzige Rettungspolitik hat nichts Nachhaltiges bewirkt; die Krise schläft und wird wiederkommen.

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  2. ... einsehen wird das Europa allerdings vielleicht erst in zehn Jahren. Aber egal wann, weh tun wird es allemal. Allen.

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  3. ... höchstens Kaffesatzleserei nach politischer Einstellung.

    Alles, was mir 4,5 Jahre lang als marxistische Gesetzmäßigkeit zwangserklärt wurde, landete auf der Müllhalde der Geschichte. Abertausende marxistische Ökonomen erklärten und unterrichteten den Blödsinn, überzeugt von dessen Wahrheit. Warum sollten wir glauben, dass die jetzigen Ökonomen mehr wissen als die damaligen. Die heutigen Ökonomen sind nicht mal in der Lage, die Ursachen der Schuldenkrise zu definieren.

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    Das Problem ist, dass sich die verfeindeten Lager (neolibs und keynesians) die Köpfe einschlagen (rhetorisch) und die Deutungshoheit über die Krise jeweils für sich beanspruchen. Die Theoriegebäude werden dabei gar nicht mehr hinterfragt, systemimmanente Fehler nicht erkannt.

    Da wäre das Zinssystem, was für eine permanente Umverteilung von unten nach oben sorgt. Zudem ist Zinswachstum exponentiell, ein unnatürlicher Zustand. Das passt schon mal nicht mit natürlichem Wachstum bzw. Entwicklung zusammen.

    Zudem hat sich herausgestellt, dass die höchste Evolutionsstufe unseres auf Wettbewerb basierenden Wirtschaftssystems Oligopolstrukturen sind. Wenige Große dominieren den Markt und lassen genau diesen "Wettbewerb" eben nicht mehr zu. Statt eines Innovations-Wettbewerbs findet dieser nur noch über Kosten statt. Die Großen haben den immensen Vorteil, ihre Prozesse schon so weit optimiert und automatisiert zu haben, dass es neue Konkurrenten ohne fremde Hilfe nie mit ihnen aufnehmen könnten. Hier werden wie gesagt Strukturen verfestigt. Über Gewinner und Verlierer dieses Systems muss man glaube nicht groß was sagen...

    Nach herrschender neolib-Ideologie verlangt man von Entwicklungsländern die vollständige Öffnung zum Weltmarkt, obwohl jedem klar sein muss, dass jedwedes Produkt gegen die etablierten Konzerne aus den Industrieländern nie und nimmer preislich mithalten kann.

    Kranke Welt.

    ...wurde mal gesagt, sie sei die einzige Wissenschaft, in der es für Wissenschaftler A einen Nobelpreis gibt, darauf dann für Wissenschaftler B - welcher genau das Gegenteil seines Kollegen A behauptet.

  4. ... wird es kein Ende der Krise geben. Da wird gerade eine Diktatur eingerichtet die unter allen Umständen die Völker Europas in die geeinigte Sklaverei treibt. Die einen werden gegen die anderen ausgespielt.
    Die Deutschen gegen den Süden, der Süden gegen die Nordländer und die Banken sowie die EU brüllen vor lachen.

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    ... Ihre Kristallkugel?
    Wieso setzen Sie die EU mit dem Euro gleich? Und existieren (leider) gerade die großen Banken nicht unabhängig von jedem Staatsgebilde? Wäre schön, wenn Sie Ihre Parolen und, sagen wir mal wohlwollend, Prognosen mit etwas Fakten unterfüttern. Ansonsten bleibt der Beitrag nichts weiter als eine Dystopie, die allenfalls beim nationalkonservativen Tea Party Enthusiasten vielleicht einen wohligen Schauer auslöst.

    • J-K-
    • 13. September 2013 21:39 Uhr

    Die Welt sieht bereits seit 2008 zu wie das westliche Finanzsystem krepiert. So einfach ist die Sachlage genau genommen. Wie wenn ein ertrinkender Mensch wild um sich schlägt so drückt Goldman Sachs seit gestern mal wieder den Goldpreis. Helfen wird das nichts.

    5 Leserempfehlungen
  5. Das Problem ist, dass sich die verfeindeten Lager (neolibs und keynesians) die Köpfe einschlagen (rhetorisch) und die Deutungshoheit über die Krise jeweils für sich beanspruchen. Die Theoriegebäude werden dabei gar nicht mehr hinterfragt, systemimmanente Fehler nicht erkannt.

    Da wäre das Zinssystem, was für eine permanente Umverteilung von unten nach oben sorgt. Zudem ist Zinswachstum exponentiell, ein unnatürlicher Zustand. Das passt schon mal nicht mit natürlichem Wachstum bzw. Entwicklung zusammen.

    Zudem hat sich herausgestellt, dass die höchste Evolutionsstufe unseres auf Wettbewerb basierenden Wirtschaftssystems Oligopolstrukturen sind. Wenige Große dominieren den Markt und lassen genau diesen "Wettbewerb" eben nicht mehr zu. Statt eines Innovations-Wettbewerbs findet dieser nur noch über Kosten statt. Die Großen haben den immensen Vorteil, ihre Prozesse schon so weit optimiert und automatisiert zu haben, dass es neue Konkurrenten ohne fremde Hilfe nie mit ihnen aufnehmen könnten. Hier werden wie gesagt Strukturen verfestigt. Über Gewinner und Verlierer dieses Systems muss man glaube nicht groß was sagen...

    Nach herrschender neolib-Ideologie verlangt man von Entwicklungsländern die vollständige Öffnung zum Weltmarkt, obwohl jedem klar sein muss, dass jedwedes Produkt gegen die etablierten Konzerne aus den Industrieländern nie und nimmer preislich mithalten kann.

    Kranke Welt.

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    oder wer immer mir da helfen kann.
    Was Sie d schreiben ist für mich zumindest hoch interessant.
    Was ich mich Frage:
    "... hat sich herausgestellt, dass die höchste Evolutionsstufe unseres auf Wettbewerb basierenden Wirtschaftssystems Oligopolstrukturen sind. Wenige Große dominieren den Markt und lassen genau diesen "Wettbewerb" eben nicht mehr zu."
    Ist das die Akkumulation des Kapitals nach Karl Marx?
    Und: Wie hängt das mit Stamokap, dem Staats- Monopol- Kapitalismus- Modell der 70´er Jahre zusammen.
    Manchmal suche ich bei der KPCh eine Antwort. Deren Ökonomen haben den Marxismus studiert und das kapitalistische System zum Teil übernommen (siehe grade jetzt: Sonderwirtschaftszone Shanghai).

  6. ... Ihre Kristallkugel?
    Wieso setzen Sie die EU mit dem Euro gleich? Und existieren (leider) gerade die großen Banken nicht unabhängig von jedem Staatsgebilde? Wäre schön, wenn Sie Ihre Parolen und, sagen wir mal wohlwollend, Prognosen mit etwas Fakten unterfüttern. Ansonsten bleibt der Beitrag nichts weiter als eine Dystopie, die allenfalls beim nationalkonservativen Tea Party Enthusiasten vielleicht einen wohligen Schauer auslöst.

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