DIE ZEIT: Herr Ulbig, müssen wir uns von der Stadt verabschieden, wie wir sie kennen?

Markus Ulbig: Nicht ganz. Aber wir sollten uns langfristig von manchem verabschieden, was in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist. Wir müssen über die Zukunft mancher Gegend sprechen. Die Stadtränder sind vielerorts unattraktiv geworden, die Leute strömen in die City. Es gibt einen regelrechten Run auf zentrale Wohnlagen – nicht nur in Potsdam, Dresden oder Leipzig. Sondern gerade in den kleineren Orten mit 20.000 oder 30.000 Einwohnern. Immer mehr Leute möchten, wenn sie 60 Jahre alt sind, nicht mehr auf der grünen Wiese leben. Die wollen alles fußläufig erreichen. Geradezu direkt an den Marktplatz ziehen. Und wenn sie das wollen, müssen wir es möglich machen.

ZEIT: Und wie?

Ulbig: Indem wir die Zentren ausbauen – und im Zweifel weniger beliebte Wohngebiete in der Peripherie abreißen.

ZEIT: Woran merken Sie denn, dass die Lust aufs Zentrum wächst?

Ulbig: Sie müssen sich nur die Wanderungsbewegungen anschauen. Wenn in Pirna oder Bautzen ein Haus im Zentrum saniert ist, sind die Wohnungen schon weg, bevor die Bauarbeiten überhaupt angefangen haben. Wenn immer von einer neuen "Landlust" die Rede ist, kann ich nur sagen: Natürlich ziehen manche für eine bestimmte Lebensphase ins Grüne. Die Schwierigkeiten kommen, wenn sie später wieder in die Stadt wollen. Ich kenne Leute, die ihr Landhaus gerne loswerden würden. Aber sie finden keinen Käufer. Und nun schauen Sie sich an, wie unsere Marktplätze und Innenstädte aussehen: Im Osten, gerade in Sachsen, sind die wunderbar saniert, es reißen sich alle um diese herrlichen Wohnungen. In vielen Kleinstädten gibt es Wartelisten.

ZEIT: Aber die Einwohnerzahlen sinken doch?

Ulbig: So ist das, der Run auf die Innenstädte geht zulasten der Peripherie. Ich nehme zur Kenntnis: Die Bewohner der Industrienationen haben beschlossen, weniger Kinder bekommen zu wollen. Und immer mehr Bürger möchten urban leben. Dort, wo nur noch wenige Menschen leben, wird die Infrastruktur wiederum für jeden Einzelnen teurer. Das bedeutet, wir brauchen kompakte Städte. Dafür mache ich Politik.

ZEIT: Stadtumbau heißt längst vor allem, das Schrumpfen zu managen?

Ulbig: Stadtumbau heißt, die Rahmenbedingungen dafür zu organisieren, dass Leute glücklich sein können. Dafür müssen viele Städte in den neuen Ländern kompakter werden, ja. Stadtentwicklung war immer auf Expansion aus. Jetzt lernen wir, wie Schrumpfen funktioniert. Da sind wir, was Deutschland angeht, Pioniere. Auf den Westen kommt das noch zu, vielleicht wird er eines Tages von unseren Erfahrungen profitieren.

ZEIT: Muss man den Leuten auf dem Land ehrlicher sagen, dass die demografische Entwicklung ihr Leben ungemütlicher machen wird?

Ulbig: Ach, glauben Sie denn, die Menschen wüssten das nicht längst? Die Leute auf dem Land haben keine metropolitanen Ansprüche. Wer aufs Land zieht, erwartet kein Opernhaus in der Dorfstraße. Und die, die schon lange in den Dörfern leben, machen mit vielen Veränderungen ihren Frieden. Das bewundere ich. Sie leben damit, dass ihr Einkaufslädchen nicht mehr da ist. Man muss den Leuten sachlich erklären: Wer auf dem Dorf wohnt, kann nicht mit städtischer Infrastruktur rechnen.

ZEIT: Was kann das heißen?

Ulbig: Zum Beispiel, dass man sagt: Planen wir doch mit Brunnen und Kleinkläranlagen statt mit Wasser- und Abwasserleitung. Man kann nicht eine riesige Infrastruktur für sehr wenige Menschen vorhalten. Aber natürlich wird nicht alles schlechter: Mit dem Internet kommen Konsum- und Kulturangebote auf neuem Weg in die Regionen. Jugendliche müssen nicht mehr in die nächste Großstadt, zum angesagten Plattenladen, auch das läuft heute anders. Und der Staat muss neue Wege finden. Es gibt Gemeinden, die sagen: Wer bei uns im öffentlichen Dienst arbeiten will, muss Mitglied der Feuerwehr werden. Weil sich sonst keiner findet, der Brände löscht.

ZEIT: Sie können niemanden zum Umzug in die Innenstädte zwingen.

Ulbig: Das will ich gar nicht, könnte ich auch nicht. Wir haben inzwischen Plattenbaugebiete in Sachsen mit einem Leerstand von weniger als fünf Prozent – einfach, weil so viele leer stehende Platten abgerissen wurden. Jetzt sagen mir die Vermieter natürlich: "Unsere Gebäude sind attraktiv, Herr Minister! Was wollen Sie denn eigentlich?" Und trotzdem finde ich: Gerade die städtischen Wohnungsbaugesellschaften haben zu viel Eigentum am Stadtrand. Dadurch zerfasern die Städte, die Infrastruktur ist teurer als nötig. Nur sind die Leute, die jetzt noch in einer Platte wohnen, eben der harte Kern. Was ich gar nicht despektierlich meine.

ZEIT: Die, die schon ewig in Leipzig-Grünau leben.

Ulbig: Ja, oder wo auch immer. Wer das nicht kennengelernt hat, versteht es gar nicht. Aber die Plattenbauwohnungen waren mal Traumwohnungen. Ich erinnere mich an einen Oberbürgermeister in Görlitz. Der forderte, die Leute aus der Plattenbausiedlung Königshufen sollten doch bitte in die herrlichen Gründerzeithäuser der Innenstadt ziehen ...

ZEIT: ... ein Sturm der Entrüstung brach los.

Ulbig: Die Leute haben sich dagegen verwahrt. Die haben gesagt: "Wir leben gerne in Königshufen! Wir waren damals froh, so eine Wohnung bekommen zu haben!" Die wollten nicht ausziehen, die haben, so komisch das für manchen klingt, ihre Platte liebgewonnen. Also, mit Zwang geht es nicht. Wir müssen geduldig sein, Angebote machen. Die meisten Leute sind in den 1970er Jahren in die Platten gezogen. Die sind jetzt alle in einem höheren Alter. Es zieht wenig junges Publikum nach.