"Night 3" von Agnès Geoffray aus dem Jahr 2005 © Agnès Geoffray

Die Angst, sagt man furchtlos, gehört zum Menschen einfach dazu. Sie gehört zur anthropologischen Grundausstattung, Angst reinigt die Seele, und der Wohlstandsbürger spürt wieder, was für ein verlorenes Wesen er doch ist.

Solche Angst-Philosophie ist leider ziemlich populär, aber man sollte sich mit ihren Binsenweisheiten nicht abspeisen lassen. Es ist eben nicht so, als würden die Menschen immer nur von denselben Dämonen gejagt. Selbst wenn sie sich wie eh und je vor Alter, Siechtum und Tod fürchten, so werden sie heute von Ängsten geschüttelt, für die man sie vor dreihundert Jahren noch für verrückt erklärt hätte.

Die Wiener Kunsthalle macht diese Revolution der Angst nun zum Thema, und wer sie verstehen will, der sollte sich zuerst eine Installation Kader Attias anschauen, eines algerisch-französischen Künstlers. Attia hat Zeitschriften aus der Kolonialzeit auf düster beleuchtete Metallregale verteilt, und ihre Titelzeichnungen zeigen, wie Eingeborene mit landesüblichen Stechwerkzeugen weiße Männer aufschlitzen, sie pfählen und vierteilen. Der böse schwarze Mann wirft die Gäste aus dem christlichen Abendland in den Kochtopf und frisst sie auf mit Haut und Haar. So machten die Journale Politik mit der Angst. Der Feind, hämmern sie dem Leser ein, kommt von draußen – er kommt aus der Wildnis.

Das war die Alte Welt. Inzwischen hat die westliche Wertegemeinschaft unter selbstlosem Einsatz von Bajonetten, Schlachtermessern und christlichen Kreuzen den Erdkreis einmal korrekt durchzivilisiert und das "Draußen" abgeschafft. Die Welt zerfällt nicht mehr – wie auf den um 1690 entstandenen Kunstkammerbildern Ferdinand van Kessels (Ansichten von vier Weltteilen) – in zwei Hälften, in Drinnen und Draußen, in Zentrum und Peripherie. Vielmehr bildet die Welt nun einen globalen Innenraum. Darin entspringen die Schrecken nicht mehr dem Fremden, sondern dem Eigenen. Wir, das ist die These der Ausstellung, bekommen Angst vor uns selbst, vor der Wildnis der Zivilisation.

The Seaman heißt ein Video, auf dem die in Casablanca geborene Künstlerin Bouchra Khalili einen Matrosen befragt, der auf allen sieben Weltmeeren unterwegs ist. Das Video ist mit surreal anmutenden Bildern aus dem Hamburger Containerhafen unterlegt, und schon nach wenigen Sätzen ahnt man: Die Ängste dieses Mannes waren vor einigen Jahrzehnten völlig unbekannt. Der Matrose fürchtet sich nicht vor Monsterwellen und Schiffsuntergängen; er fürchtet, dass die perfekt funktionierende Weltmaschine eines Tages zusammenbricht, Handel und Transport, die Steigerungsspirale des Wohlstands und das Just-in-time der Waren. Er hat Angst vor einer unkontrollierbaren Kettenreaktion – davor, dass das empfindliche Nervensystem der Weltrisikogesellschaft kollabiert.

Ökonomischer Zusammenbruch und kultureller Verlust – vielleicht sind das die neuen Urängste der weltweiten Moderne. Der Anfang August verstorbene Amerikaner Allan Sekula hat die polnische Community in Chicago fotografiert und lässt den American Way of Life frontal auf den bodenständigen Katholizismus der Zuwanderer prallen. Daneben zeigt Sekula Bilder von einem polnischen Bauernhof, er zeigt einen US-Luftwaffenstützpunkt und präsentiert ziemlich furchteinflößende Sätze des US-Strategen Zbigniew Brzeziński. Amerika ist das Versprechen der Freiheit, aber der kulturelle Universalitätsanspruch macht Sekula Angst. Vor ihm gibt es kein Entrinnen, der kapitalistische Geist weht überall.

Doch stimmt das? Die lettische Künstlerin Leva Epnere beobachtet, nein: bewundert auf einem Video-Triptychon den Alltag der Bäuerin Zenta, die weitab vom Schuss in ihrer winzigen Hütte ein Leben in Demut und Einsamkeit führt, zusammen mit ihren Hühnern, mit Heu und mit Stroh. Auf den ersten Blick ist es ein romantisches Idyll und ein fragiles Paradies. Aber die gesellschaftlose Abgeschiedenheit hat etwas Beklemmendes. Was ist, wenn Zenta Hilfe braucht? Wie weit ist es dann bis zur nächsten Stadt?