Berliner MusikfestEs lebe die Vielfalt

Stimmt es, dass die großen Orchester sich in ihrem Klang immer mehr angleichen? Beim Berliner Musikfest, dem wichtigsten Orchestertreffen der Welt, stellt sich das Gegenteil heraus. von Volker Hagedorn

Anne-Sophie Mutter, Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin

Anne-Sophie Mutter, Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin   |  © Berliner Festspiele, Kai Bienert

Im einen Orchester gucken sie streng wie Gralsritter, im anderen spielt ein fröhliches Team. Mal sitzen die Celli gleich neben den Geigen, anderswo ihnen gegenüber. Die Amsterdamer Violinen sind fast gänzlich weiblich besetzt, in München findet man Frauen erst ab Pult drei und an den klassischen Dameninstrumenten Harfe und Flöte. Wer ein paar Spitzenorchester innerhalb weniger Tage auf demselben Podium sieht, erlebt komplett verschiedene Kollektive. Und wer sie hört? Immer häufiger klagen Musikfreunde, man könne die großen Sinfonierchester klanglich kaum noch unterscheiden, erst recht im Vergleich mit den Ensembles der "historischen Aufführungspraxis".

Schon vor mehr als zehn Jahren bat die Uni Wien 930 Leute zum Blindtest. Man wollte herausfinden, ob die Wiener Philharmoniker im Vergleich noch akustisch identifizierbar sind – immerhin ein Traditionsorchester, das sogar spezielle Blsasinstrumente verwendet. Das Ergebnis war ein ziemlich knappes Ja und räumte den Verdacht nicht aus, dass Tonträger, ein knapp bestücktes Dirigentenkarussell und Marktzwänge die Charaktere nivellieren, die die großen Orchester in weit mehr als hundert Jahren entwickelt haben. Zumindest die Repertoires ähneln sich oft erschreckend. Dagegen geht freilich das Berliner Musikfest an, bei dem sich jetzt gleich 20 Orchester trafen.

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Es ist das wohl größte sinfonische Meeting der Welt in einem ihrer besten Säle, Scharouns Philharmonie, aber es ist kein Zirkus, bei dem jeder Artist seine Lieblingsnummer zum Besten gibt. Damit käme man nicht weit in einer Stadt, in der ohnehin schon sieben Orchester konkurrieren. Winrich Hopp, künstlerischer Leiter des Festivals, ist ein Mann subtiler Konzepte. Diesmal war ein Fokus des Festivals auf Witold Lutosławski gerichtet, den vor 100 Jahren in Warschau geborenen Meister nicht nur der polnischen Avantgarde, einen Mann, der noch als Bewunderer Béla Bartóks groß wurde und die Erneuerungswehen der Nachkriegszeit wie deren politische Pressionen in seiner Musik nachzeichnet.

Sein Respekt vor der musikalischen Vergangenheit, seine Liebe zu deren Instrumenten, sein "altmodischer" Formwille, mit dem er selbst Zufallsprozesse steuert, machen ihn zum modernen Idealkomponisten gerade dieser Orchester, die ja auch alle ihre Geschichte haben. Und die, wie sich in Berlin erweist, auch in der Gegenwart höchst unterscheidbar sind. Ausgerechnet zwei, die sich den Chefdirigenten teilen, könnten nicht verschiedener wirken – obwohl ihr Chef Mariss Jansons einer der Suggestivsten ist. Das Concertgebouworkest, 1888 gegründet, trat in Berlin ohne ihn auf, aber es lag nicht am Pultgast Daniele Gatti, dass die Amsterdamer so wunderbar demokratisch klingen wie vor hundert Jahren unter Mengelberg (und fast so viel Vibrato machen).

Verschiedene Mentalitäten erzeugen differenzierte Sounds

Fast die Hälfte des Orchesters ist mit Frauen besetzt, das vertieft den Eindruck, hier verschiedene Mentalitäten zu erleben, die sich zu einem räumlich differenzierten, farbenreichen Sound addieren. Das führt in der Musique funèbre, die Lutosławski auch unter dem Eindruck des Aufstands in Ungarn 1956 schrieb, zu unglaublichen Clusterklängen. Da wird einmal ein Zwölftonakkord aus einem Ambitus von sechs Oktaven auf eine Septime zusammengepresst, und man glaubt das entstehende Material greifen zu können, wie Holz, das von Glas umschlossen ist. Aus solchen Blöcken werden dann wiederum mitteilende Gesten – typisch für diesen Komponisten.

So etwas gelingt den Musikern aber eher gegen als mit Dirigent Gatti, der an dem Stück nur flächig herumpinselt und in Bartóks 3. Klavierkonzert die wirkliche künstlerische Leitung dem Farbenzauberer Yefim Bronfman überlässt. Freilich würde man das in einer Tonaufnahme ebensowenig bemerken wie die unzähligen Nuancen, bei denen sichtbare und hörbare Interaktionen nicht zu trennen sind. Die Omnipräsenz von Tondokumenten lässt uns leicht vergessen, dass sie allenfalls die halbe Wahrheit bieten. Es gibt immerhin Dirigenten von Blomstedt bis Boulez, die ihre eigenen Aufnahmen nicht wiedererkennen ...

Nach den Amsterdamern wirkt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, in dem nur ganz wenige Frauen spielen, geradezu monolithisch, aber um so spannender ist die Tektonik, die Mariss Jansons in Bewegung setzt. Im Konzert für Orchester, mit dem Lutosławski 1954 auf das gleichnamige Abschiedswerk Bartóks von1943 antwortet, herrscht im Finale eine Spannung zwischen Restromantik und Neubeginn wie zwischen Kontinentalplatten. Jansons fächert den opaken, vibratoarmen Grundklang der Münchner auf mit tänzerisch leichter Gestik und erreicht gerade dadurch eine existenzielle Wucht, nach der Bartóks Vorlage fast schon straussisch genießerisch klingt.

Ausgerechnet das Pittsburgh Symphony Orchestra, 1898 gegründet, hat die "amerikanische" Sitzordnung aufgegeben, die sich nach dem Ersten Weltkrieg durchsetzte und die Streicher der Tonhöhe nach von links nach rechts plazierte. Man sitzt jetzt wieder "deutsch", die Celli gleich neben den ersten Geigen und denen gegenüber die zweiten. Doch die Geigentöne kommen wie Creme aus der Tube, so homogen wird gespielt, unschlagbar perfekt ist die Intonation auch der Bläser. Und unter der Leitung von Manfred Honeck, dem Chef aus Österreich, genießt man im Heldenleben von Richard Strauss das "Amerikanische" des Sounds erst mal wie einen Edelporno: seidig, straff, tolle Kurven.

Leserkommentare
  1. ihn prägenden Mustern arbeiten kann ein Orchester seine Wirkung als Eins und dem Zusammenfliessen authentisch erhöhen

    • js.b
    • 21. September 2013 17:41 Uhr

    Die Frage, inwiefern Orchester heute noch einen eigenen "Sound" haben, geht leider in - sorry - allzu blumigen Worten ohne viel belastbare Substanz weitgehend unter. (Warum kommt ein solcher Artikel heutzutage nicht längst ohne sowas aus? Zugegeben, es klänge weniger elitär.)

    Ein belastbarer Vergleich funktioniert nicht mit grundverschiedenem Repertoire unter verschiedenen Dirigenten, in verschiedenen Streicheraufstellungen und dergleichen. Da "hört" man dann, was man sieht. Auch ein paar sehr gewagte Aussagen verursachen Stirnrunzeln: Tonaufnahmen bieten "nur die halbe Wahrheit"? - Wenn man wollte, könnte man genau umgekehrt argumentieren: Tonaufnahmen bieten die Konzentration auf das Wesentliche, nämlich den Klang der Musik (darum geht's, richtig?), ohne optische und andere Ablenkungen wie im Konzert, die für einen objektiven Vergleich nur stören. Aber da Balance-, Klangfarben- und andere aufnahmetechnische Beeinflussungen einen Vergleich unmöglich machen würden, führt das natürlich auch nicht weiter.

    Der zitierte Test mit den Wiener Philharmonikern ist wegen der sehr charakterischen und für die meisten Orchester untypischen Instrumente (Oboen, Pauken, Hörner, ...) ausgerechnet kein geeignetes Beispiel. Dieses Orchester hört man u. U. tatsächlich heraus, das ist aber kein Wunder.

    Aber vielleicht ist ein wissenschaftlich wirklich belastbarer Vergleich gar nicht gewünscht... Illusionen wollen schließlich erhalten bleiben, vor allem in der Kunst - das ist menschlich.

    Eine Leserempfehlung
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    Ich sehe das sehr ähnlich,wie Sie. Viel blumiges Gerede und wenig belastbare Aussagen in diesem Artikel.
    Auch gerade die Frage nach der Sitzordnung ist nicht zu unterschätzen. Wenn zweite Geigen, wie in der deutschen Sitzordnung rechts aussen sitzen, klingen sie automatisch gedämpfter (weil Hauptabstrahlrichtung nicht mehr in Richtung des Publikums) dafür sind die Celli präsenter. Hierauf, also auf spezifische Klangfärbungen geht der Artikel überhaupt nicht ein, dafür wird viel über "das Deutsche" oder das "Amerikanische" eines Klanges geredet, ohne genau darauf einzugehen, sehr schade.

    Tonaufnahmen geben m.E. vor allem die Klangästhetik eines Labels wieder. Man vergleiche einmal Aufnahmen der Deutschen Grammophon mit Aufnahmen bspw. von Decca oder Teldec.. Die Unterschiede sind gewaltig, egal welches Orchester zu hören ist. Ich würde so weit gehen, und behaupten, dass ich eine DG Aufnahme aus anderen leicht heraushören würde..

    Mich würde tatsächlich mal ein Blindvergleich mit den gleichen Stücken, dem Chefdirigent, möglichst demselben Raum interessieren. Wie gut ist es tatsächlich möglich die verschiedenen Ensembles voneinander zu unterscheiden. Klangfarblich und interpretatorisch.

  2. El rocio
    en el candido
    viento, una
    fresca poesía
    donde el sol
    pasajero describe
    el morir de una
    hoja de otoño.

    Francesco Sinibaldi

  3. Eine 46 Jahre alte Komposition also "umfasst unsere Zeit". Wie alt ist der Autor? 92 Lenze? Das klingt eher nach dem krampfhaften Versuch, dieser in die Jahre gekommenen Musik einen aktuellen Bezug zu verleihen. Ich stelle mir vor, wie Beethoven bei der Fertigstellung der 9. Sinfonie in einer Rezensionszeitschrift lesen muss, dass Mozarts 31. Sinfonie "unsere Zeit umfasst".

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