Christoph Purps hat eine historische Nachricht zu verkünden. Die muslimische Gemeinde in Hagen feiert die Eröffnung eines neuen Gotteshauses, von einer aufblasbaren Hüpfmoschee tönt Kindergeschrei herüber, die Besucher essen, trinken Tee, kaufen Tombola-Lose. Trotz seiner historischen Nachricht ist der Kreisvorsitzende der CDU nicht gerade Mittelpunkt des Geschehens. "Wir haben", setzt Purps an, er klingt ein bisschen stolz, "die erste türkische, muslimische Bundestagskandidatin der CDU. Ich möchte sagen: Damit geht der Wahlkreis Hagen, Ennepe Ruhr Kreis I, in die Geschichte der CDU ein!"

Die Kandidatin heißt Cemile Giousouf, ist 35 Jahre alt, Referentin im Integrationsministerium von NRW und, wie sie selbst von sich sagt: ein politisch-strategisches Signal. Ein Signal in Richtung Migranten, zu den CDU-Stammwählern und tief hinein in die eigene Partei. In Hagen haben 40 Prozent einen Migrationshintergrund. In NRW fast 25 Prozent. Aber im Bundestag nur eine einzige CDU-Abgeordnete, Michaela Noll, iranischer Vater. Cemile Giousouf sagt: "Die CDU hat mich früher emotional nicht besonders angesprochen."

Nun zeigt die CDU guten Willen. "Bald werde ich mit meiner Frau eine Bildungsreise nach Istanbul machen", sagt Purps, "um Ihr Land näher kennenzulernen." Ihr Land? An der Ansprache kann die Partei noch arbeiten.

Die Strategie, Einwanderer in die CDU zu holen, kommt von oben. "Wir haben sehr lange Migranten gegenüber ausgestrahlt: Wir mögen euch eigentlich nicht", sagt Armin Laschet, CDU-Vorsitzender in NRW, "obwohl viele Zuwanderer konservative Werte richtig finden." Ihr Wählerpotenzial wächst, die CDU will es nicht länger SPD und Grünen überlassen. 2010 beschloss der Landesvorstand, je eine Abgeordnete türkischer Herkunft in den Landtag und in den Bundestag zu bringen. Die Landtagskandidatin Serap Güler schaffte es 2012. Die Bundestagskandidatin ist Cemile Giousouf.

Giousoufs Eltern kamen vor mehr als 40 Jahren nach Leverkusen, sie arbeiteten in einer Fabrik für Bremsbeläge. Viele Freiheiten musste Giousouf sich erkämpfen. "Ein Mädchen, das studiert und nicht bei den Eltern lebt – das gab es in der Welt, aus der meine Eltern kommen, einfach nicht", sagt sie. "Für mich war ganz klar, dass ich das machen würde, aber ich wollte meine Eltern auch nicht vor den Kopf stoßen."

Eine Muslimin in der CDU? Christoph Purps besprach sich mit dem Kreisvorstand. Was bedeutet uns das C eigentlich? "Für mich steht es für das christliche Menschenbild", sagt Purps, "und wenn ein Muslim sich zu dem bekennt, warum sollte er dann nicht für uns kandidieren?"

Nun sitzt er ein wenig steif mit seiner Kandidatin beim Moscheevorstand und nippt an seinem Tee. Ein junger Mann sitzt ihm gegenüber, auf den Knien den kleinen Sohn, mit dessen Hand er Purps zuwinkt und dem Kind dabei ins Ohr flüstert: "Sag mal doppelte Staatsbürgerschaft!" Ein Reizwort, die CDU ist dagegen. Aber wer sich öffnen will, muss auch seine Inhalte überdenken. Viele Migranten, auch Giousouf, wünschen sich von der CDU in dieser Frage eine andere Haltung. Im Grunde ist es mit ihrer Partei wie mit ihren Eltern: Sie will sie dazu bringen, ihr Weltbild zu erweitern, dazuzulernen. Aber ohne sie vor den Kopf zu stoßen.

Als muslimische Kandidatin ist sie eine Projektionsfläche: Für die Deutschtürken ist sie "eine von uns", die es geschafft hat. Für die anderen ist sie die moderne Muslimin ohne Kopftuch. Das ist ihre Stärke: Sie hat sich von der Welt ihrer Eltern emanzipiert, ohne sich loszusagen. Heikle Themen wie das Fasten vermeidet sie. Sie weiß: Es gilt beiden Seiten als Gradmesser für Religiosität. Ob sie fastet oder nicht, eine Seite wird es gegen sie auslegen. Also schweigt sie dazu.