Man muss sich das einmal vorstellen: Da bekommt ein Mann die Diagnose Prostatakrebs mitgeteilt, viel schlimmer kann eine Nachricht nicht sein. Es wird alles getan, um ihm das Leben zu retten, eine aufwendige Operation oder eine Bestrahlung – und irgendwann danach stellt sich heraus, dass er an diesem Krebs gar nicht gestorben wäre, dass er mit ihm alt geworden wäre, ohne große gesundheitliche Probleme zu bekommen. Ihn vielleicht nicht einmal bemerkt hätte. Er hätte also die unangenehmen Nebenwirkungen der Behandlung gar nicht in Kauf nehmen müssen. Nicht die Impotenz, auch nicht die Inkontinenz und nicht die Angst.

Man muss sich aber auch den umgekehrten Fall vorstellen: Bei einem Mann wird ein Tumor in der Prostata gefunden, die weiteren Untersuchungen geben Entwarnung. Es müsse nichts weiter getan werden, als regelmäßig zu beobachten, sagen die Ärzte, keine Bestrahlung, keine Operation. Und dann wird dieser Tumor doch zu einem aggressiven Krebs, lebensbedrohlich, vielleicht sogar tödlich – der doch leicht auszumerzen gewesen wäre, hätte man ihn nur frühzeitig behandelt!

Das sind die beiden Szenarien, die US-amerikanische Wissenschaftler nun zu verhindern hoffen. Sie haben einen Test entwickelt, der mithilfe dreier Gene eine genaue Aussage darüber möglich machen soll, ob ein Prostatatumor so bösartig ist, dass man ihn behandeln sollte – oder eben nicht (Science Translational Medicine, online). Die Gene haben komplizierte Namen, FGFR1, PMP22 und CDKN1A, und sie zu testen ist auch nicht ganz so einfach, wie man es sich vorstellen mag – sie können nämlich nicht im Blut gemessen, sondern müssen aufwendig in Gewebeproben bestimmt werden. Diese sogenannten Biopsien entnehmen Ärzte Männern mit einem Verdacht auf einen Prostatakrebs aber ohnehin. Sollten die drei Gene eine derart große Aussagekraft haben, wie es die Studienautoren um die Onkologin Cory Abate-Shen vom Columbia University Medical Center in New York vermuten, dann ließe sich so einiges Leid ersparen.

Infrage kommen für den neuen Test viele Männer: Allein in Deutschland wird jährlich bei etwa 67.000 Patienten ein Prostatakrebs diagnostiziert. Und es könnten noch viel mehr sein: Experten schätzen, dass man bei bis zu 70 Prozent aller Männer über 50 Jahre einen sogenannten latenten Krebs in der Prostata finden könnte, wenn man nur danach suchte.

Gesucht wird heute oft sogar dann, wenn es keinerlei verdächtige Zeichen auf einen Prostatakrebs gibt, wie etwa Blut im Urin. "Früherkennung" oder auch "Vorsorge" heißt das dann, wobei das Zweitgenannte zu viel verspricht. Denn falsch ist der Eindruck, die Untersuchung könne verhindern, dass ein Krebs entsteht. Der Gedanke der Früherkennung ist hingegen, den Krebs so rechtzeitig zu erkennen, dass man ihn noch effektiv behandeln kann. Doch zum Aufspüren von Geschwulsten in der Prostata werden derzeit Verfahren eingesetzt, die alle große Schwächen in der Aussagekraft haben.

Am bekanntesten ist wohl die Bestimmung des Blutwertes PSA (Prostata-spezifisches Antigen). Ist das PSA auffällig hoch, kann das ein Zeichen dafür sein, dass tatsächlich ein gefährlicher Krebs heranwächst; oft ist es aber auch einfach nur ein Fehlalarm – der viel Angst auslöst.

Was auf einen erhöhten PSA-Wert in den meisten Fällen folgt, ist eine Biopsie. Diagnostiziert ein Arzt anhand dieser Probe nun Krebs, bedeutet das jedoch noch nicht, dass der betroffene Mann auch behandelt werden muss. Denn die meisten Prostatakrebse wachsen nur sehr langsam, manchmal sogar überhaupt nicht, und sie verbreiten auch keine gefährlichen Metastasen. Nur die wenigsten würden ihren Trägern irgendwann im Leben einmal Probleme bereiten, statistisch gesehen.

Individuell abzuschätzen, wie bösartig ein Prostatakrebs eines ganz bestimmten Patienten ist, ob und wie er sich entwickeln wird – das ist bislang noch eine große ärztliche Kunst. Und es gehört eine gehörige Portion Mut dazu, einem Patienten zu sagen: "Bleiben Sie ruhig, wir therapieren Ihren Krebs nicht, er ist harmlos."

Mit dem neuen Test könnte sich das nun ändern – wenn sich seine Zuverlässigkeit in weiteren Untersuchungen bestätigt. Studienautorin Abate-Shen ist optimistisch. Ärzte könnten bald gewährleisten, dass Patienten "weder überbehandelt noch unterbehandelt werden".