Wenn Anders Granberg aus dem Fenster schaut, die Datavägen runter, was übersetzt so viel heißt wie Computerstraße, sieht er die wirtschaftliche Zukunft Schwedens: Facebook hat dort ein riesiges Rechenzentrum bauen lassen, das erste außerhalb der Vereinigten Staaten, groß wie fünf Fußballfelder. Es ist der Tag vor der offiziellen Eröffnung, Granberg sitzt in seinem Büro in Luleå, einer kleinen Stahlstadt im Norden Schwedens, rund hundert Kilometer vom Polarkreis entfernt. Stahl, das war gestern, heute sagt Granberg: "Facebook ist unser Jackpot!"

Granberg arbeitet für The Node Pole, ein städtisches Unternehmen, das Softwarefirmen auf der ganzen Welt davon überzeugen will, ihre Rechenzentren in Luleå zu bauen. Sein Büro ist eine Mischung aus Start-up-Bude und Ikea-Katalog. Das Unternehmen hat ähnlich wie das Möbelhaus eine Nische erkannt und arbeitet lösungsorientiert: Das kalte schwedische Klima ermöglicht eine weitgehend natürliche Kühlung, die benötigte Energie liefern Wasserkraftwerke in der Region. Luleå ist ans Glasfaser-Datennetz angeschlossen, die Region dünn besiedelt. Mit diesen Voraussetzungen, so sieht es Granberg, ist Luleå Teil einer Lösung, nach der viele Unternehmen aus der Informationstechnik-Branche suchen.

Es ist kaum möglich, das Wachstum der Datenmengen in Zahlen zu fassen – so ungreifbar sind diese mittlerweile. 2005 betrug die digitale Datenmenge weltweit 130 Exabytes, 2015 sollen es knapp 8.000 Exabytes sein, die Kurve verläuft weiter exponentiell. Ein Exabyte ist eine Zahl mit 18 Nullen dahinter. Gigabyte, ein Begriff von früher, hat nur 9 Nullen.

Das Geschäft mit Daten ist schon allein wegen ihrer Menge das Geschäft der Zukunft. Immer mehr Menschen nutzen Smartphones und Computer und produzieren mehr und mehr digitale Informationen. Diese müssen irgendwo gespeichert werden, um jederzeit abrufbar zu sein, dafür braucht es Rechenzentren, groß wie Turnhallen, in denen Servertürme wie Aktenschränke nebeneinander stehen. Weil Server viel Hitze erzeugen und diese den Computern schadet, müssen die Hallen gekühlt werden. Das kostet Energie. Bei Google etwa gehe ein Großteil der jährlich benötigten 2,3 Terawattstunden Strom für die Kühlung drauf, berichtet das Unternehmen. Mit energieeffizienten Rechenzentren können IT-Firmen bis zu 80 Prozent ihrer Stromkosten sparen.

Nordländer wie Schweden wittern nun ihre Chance. In Luleå etwa gab es in den letzten 40 Jahren nur rund 180 Tage, an denen die Temperatur über 25 Grad Celsius lag. Sieben Monate im Jahr sinkt sie dafür unter den Gefrierpunkt. Das Rechenzentrum wird quasi gratis gekühlt. Facebooks Datenhalle kommt damit auf einen Wert, den Anders Granberg und die Männer von Facebook wie ein Mantra sagen: 1,07 PUE. Die Abkürzung PUE steht für power usage effectiveness; gemessen wird, wie effektiv die Energie in einem Rechenzentrum genutzt wird. Der ideale Wert liegt bei 1,0 PUE.

Die Schweden hoffen, dass dieser Wert viele Unternehmen aus der Hightechbranche überzeugen wird – und dass es läuft wie im amerikanischen Bundesstaat North Carolina: 2007 errichtete Google dort sein erstes Datenzentrum, wegen der "guten Kombination aus Energieinfrastruktur, Bauland und Arbeitskräften", so steht es auf der Internetseite. Eine gute Energieinfrastruktur bedeutet wohl den Mix aus billigem Atomstrom und Wasserkraft. Inzwischen sind 15 weitere Unternehmen gefolgt, unter anderem Apple und Cisco. Die Städte Raleigh und Charlotte zählen zu den am schnellsten wachsenden in den USA.

"Datenzentren bringen Wachstum", da ist sich auch Anders Granberg sicher. 2012 lag der Anteil der Onlinewirtschaft am schwedischen Bruttoinlandsprodukt bei knapp acht Prozent, 2017 werden es bereits zehn Prozent sein, Tendenz weiter steigend. Praktisch an dem Geschäft mit den Daten ist, dass sie einfach zu transportieren sind, es braucht ausschließlich Leitungen, keine Straßen oder Schienen. Damit wird auch eine abgelegene Region wie Nordschweden interessant.