5 Jahre Finanzkrise : Bitte nicht schon wieder

Fünf Jahre nach dem Finanzkollaps ist die Ursache klar: Die Banken haben die Welt in die Überschuldung getrieben. Eine Wiederholung ist nicht ausgeschlossen.

Adair Turner hat im Auftrag Ihrer Majestät Regierungskommissionen gegen den Klimawandel, die Altersarmut und die Arbeitslosigkeit geleitet. Der grauhaarige Lord aus Ipswich ist eine Geheimwaffe gegen Probleme aller Art. Als in New York die Investmentbank Lehman Brothers kollabierte, hatte man ihn gerade zum Chef der britischen Finanzaufsicht ernannt. Turner tat, was die ganze Welt damals tat: Er rettete Banken und baute Bollwerke gegen künftige Krisen. In der vergangenen Woche zog er Bilanz – und sie fällt dürftig aus. Die Staatengemeinschaft habe sich um die eigentliche Krisenursache "immer noch nicht ausreichend" gekümmert.

Fünf Jahre sind seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vergangen. Fünf Jahre, in denen die Weltwirtschaft nur dank milliardenschwerer Konjunkturprogramme am Leben gehalten werden konnte. Fünf Jahre, in denen jede Menge neuer Vorschriften für die Banken verabschiedet wurden. Von den 47 Regularien, die die Staaten der G 20 auf dem Höhepunkt der Krise beschlossen haben, um die Finanzmärkte zu zähmen, sind die meisten umgesetzt – allerdings zum Teil mit Abstrichen.

Eine einzelne Bank könnte heute nicht mehr das ganze System zum Einsturz bringen, versichert Finanzminister Wolfgang Schäuble. Ob er damit recht hat, kann heute niemand sagen – aber vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig. Weil es eigentlich um etwas anderes geht.

Denn fünf Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers diskutiert die Politik zwar vor allem die Frage, wie sicher die Banken sind. Doch für Experten wie Adair Turner ist klar: Lehman Brothers war Auslöser, nicht aber Ursache der Krise. Die Pleite konnte nur so dramatische Folgen haben, weil mit der Weltwirtschaft etwas grundsätzlich nicht in Ordnung war. Und noch immer nicht ist.

Zwischen 1980 und 2008 verdoppelte sich in den USA der Anteil der Verschuldung der privaten Haushalte an der jährlichen Wirtschaftsleistung. In Spanien verdreifachte er sich sogar. In den Jahren vor der Krise ist in den Industriestaaten ein riesiger Schuldenberg herangewachsen. Die Menschen wollten Geld, und die Banken haben es ihnen geliehen. Die Risiken versteckten sie in verschachtelten Finanzkonstruktionen. Diese Schuldenexzesse sind der Kern der Krise.

Die Politik hat der Entwicklung tatenlos zugesehen. Sie vertraute darauf, dass die Marktkräfte die Sache schon regeln würden. Ökonomen philosophierten schon über das Ende der Konjunkturzyklen und den immerwährenden Aufschwung. Eine grobe Fehleinschätzung, wie man heute weiß. Denn weil die Geschäfte gut liefen, gingen die Banken immer riskantere Wetten ein. Die Kreditspirale drehte sich schneller und schneller – bis die Darlehen nicht mehr durch reale Werte gedeckt waren. In den USA, in Spanien oder in Irland stiegen die Preise für Immobilien auf ein Vielfaches des eigentlichen Wertes.

Private, nicht staatliche Schulden haben die Wirtschaft beinahe ruiniert

Mit den Spätfolgen der geplatzten Blase kämpft die Wirtschaft noch heute. Normalerweise erholt sich die Konjunktur nach einem tiefen Einbruch schnell wieder. Diesmal nicht. In vielen Staaten hat die Wirtschaftsleistung heute noch nicht einmal das Vorkrisenniveau erreicht – dazu gehören die meisten Mitgliedsländer der Euro-Zone. Der Grund: Die überschuldeten Haushalte müssen kürzertreten, weil sie ihre Schulden abbauen. Und die maroden Banken können nicht mehr genug Kredite ausreichen. Das nicht vorhergesehen zu haben sei das eigentliche "Versagen der Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaftspolitik" gewesen, sagt Turner.

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