InklusionWarum bekommt der so viele Extras?

Wie kann gemeinsamer Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern gelingen? Jeannette Otto begleitet eine Inklusionsklasse. von 

Eine Unterrichtsstunde, in der ausnahmsweise mal alle gleich sind: Im großen Theatersaal der Gesamtschule Ost (GSO) in Bremen werden die Rollen jede Woche neu verteilt. Der Lehrer Frank Dopp versucht dann zu vergessen, was er aus Fördergutachten und Diagnosen über seine Schüler weiß. Beim Theaterspielen gibt es keine Ein-, Zwei- oder Dreistern-Aufgaben, hier werden die Schüler nicht aufgeteilt in leistungsschwach oder -stark. Es geht um die Vorbereitungen für ein Stück, das Frank Dopp mit seiner Klasse auf Englisch aufführen möchte. Von Freundschaft soll es handeln und von Ausgrenzung. Die Schüler sollen Szenen entwickeln, die Geschichte immer wieder weiterspinnen. Für Dopp sind diese Stunden nicht nur Unterricht, er leistet hier Sozialarbeit für eine Gruppe von Kindern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Er schafft es, ihnen trotzdem das Gefühl zu geben, zusammenzugehören.

Vor zwei Jahren hat Frank Dopp seine erste Inklusionsklasse an der GSO übernommen. Fünf Schüler mit besonderem Förderbedarf saßen von nun an vor ihm. Man hatte bei ihnen Lern- und Sprachstörungen diagnostiziert, einige zeigten Verhaltensauffälligkeiten, ein autistischer Junge war auch dabei. Dopp hatte keine Erfahrung im Unterrichten solcher Kinder, er entschied sich trotzdem dafür, weil er glaubte, dass am Ende alle Schüler vom gemeinsamen Lernen profitieren könnten. Wie herausfordernd diese Aufgabe sein würde, hat der Lehrer jedoch erst begriffen, als es monatelang kaum möglich war, in gewohnter Weise zu unterrichten. Weil immer einer störte, vor sich hin sang, quietschte – und irgendwann alle anderen in den Lärm einstimmten.

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Im Juli 2012 haben wir über Frank Dopps erstes Schuljahr in der Inklusionsklasse berichtet (ZEIT Nr. 28/12, Das große Experiment). Nun interessiert uns, wie das Experiment weitergeht und wie es in einigen Jahren schließlich enden wird. Wir werden die Klasse von Frank Dopp immer wieder besuchen, um zu erzählen, wie es den Lehrern gelingt, eine Aufgabe zu meistern, für die die meisten von ihnen nie ausgebildet wurden. Und ob sich die Perspektiven für jene Schüler, die früher in Sonderschulen unterrichtet wurden, durch Inklusion wirklich ändern können.

Bremen hat 2009 als eines der ersten Bundesländer in Deutschland die inklusive Schule gesetzlich verankert und sich damit auf den Weg gemacht, die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 zu erfüllen. Demnach sollen alle Kinder gemeinsam zur Schule gehen, gesunde und behinderte, begabte und entwicklungsverzögerte, ruhige und verhaltensauffällige. Sie alle haben den gleichen Anspruch auf eine umfassende und unentgeltliche Bildung. Gleiche Chancen für alle Kinder. Am Beispiel von Alex, Tuna, Murat, Max und Elena* wollen wir überprüfen, ob das funktionieren kann.

Die fünf Inklusionskinder gehen inzwischen in die Klasse 7.3 an der GSO. Zurück aus den Sommerferien, stellte Frank Dopp fest, dass seine Siebtklässler schon fast an der "Schwelle zum Erwachsenwerden" stehen. Er weiß, dass sich dadurch noch einmal viel verändern kann. Doch im Moment überwiegt die Freude über das, was er geschafft hat. "Die haben sich auf die Schule gefreut, sie fühlen sich wohl in ihrer Klasse", sagt Dopp. Das sei ein gutes Gefühl. Am Anfang war das kaum vorstellbar. Die Lehrer schlingerten am Rande der Belastbarkeit durch den Schulalltag, sie zweifelten, zauderten und drohten im Sturm der neuen Herausforderungen unterzugehen. Wie sollte man all diesen Kindern gerecht werden? Das erste Schuljahr erklärten sie zum "sozialen Jahr", und Dopp beichtete auf dem Elternabend, dass er im Englischunterricht nur zwei Lektionen von acht schaffen würde.

Jetzt holt er auf. Und seine Schüler haben sich wie er darauf eingestellt, dass manche Kinder einfach anders sind, dass sie Dinge sagen, über die man sich wundern kann, dass sie vieles anders sehen und wahrnehmen und manchmal Grenzen überschreiten, die für andere ganz klar sind.

"Kirschtitten", rief ein Junge vor ein paar Monaten einem Mädchen beim Mittagessen hinterher. Es gab Quark mit Kirschen, und schnell waren Wort und Vergleich geschaffen. Die Geschichte beschäftigte Lehrer und betroffene Schüler wochenlang. "Die Kinder stecken mitten in der Pubertät, solche Beleidigungen sitzen dann tief", sagt Vanessa Fernandez, die seit der fünften Klasse Mathe unterrichtet, aber immer bereit steht, um in Konflikten zu vermitteln, zu trösten oder an einem heißen Sommertag einfach mal mit ihren Schülern Fußball zu spielen, anstatt Mathe zu pauken.

Vertrauen. Das ist das Schlüsselwort für die Lehrer in der 7.3. Mindestens vier von ihnen kennen die Klasse von Anfang an. Ein Glücksfall für die Schüler. So viel Verlässlichkeit ist an deutschen Schulen eher die Ausnahme. Jede Woche treffen sich die Lehrer zur Teamsitzung, freiwillig, außerhalb ihrer Arbeitszeit. Für Absprachen und Kooperationen sind keine zusätzlichen Gelder vorgesehen. "Wir haben uns im Mangel eingerichtet", sagt Frank Dopp. Ohne das Engagement des Teams wäre die Klasse längst nicht dort, wo sie heute steht. "Die Gefahr ist, dass es nach außen hin so wirkt, als funktioniere alles prima, und man den Behörden das Gefühl gibt, trotz all der vorhandenen Defizite genau so weitermachen zu können."

Die Bremer Schulpolitik glaubt, für den größten Schulversuch in der Geschichte Deutschlands reiche es aus, die Inklusionsklassen in einigen Unterrichtsstunden einfach "doppelt zu besetzen". Das heißt: Ein Sonderpädagoge unterstützt dann die Arbeit des Fachlehrers. In der 7.3 sind das von insgesamt 30 Unterrichtsstunden 14, in denen sich zwei Lehrkräfte gemeinsam um die Klasse kümmern. Die Schule sorgt aus eigenen Mitteln für Unterstützung im Theater- und Musikunterricht. Aber die offiziellen Ressourcen reichen dafür nicht.

Wo die Lehrer lernen sollen, ihren Unterricht in drei unterschiedlichen Leistungsniveaus zu halten, sagt ihnen niemand. Welche Bedürfnisse ein Kind mit dem Förderbedarf Lernen und Sprache hat, wissen die wenigsten. Auch wie ein verhaltensauffälliges Kind in eine Klasse zu integrieren ist, bleibt der Intuition des einzelnen Lehrers überlassen.

Leserkommentare
  1. Die Idee, Menschen, die eine Behinderung haben, mit Menschen die keine haben, zusammen zu unterrichten ist an sich sehr gut. Das größte Problem in der Gesellschaft ist mMn nicht bewusste Diskriminierung sondern einfach unerfahrenheit im Umgang mit Menschen, die etwas anders sind.

    Aber es gibt ein aber, und das hat nichts mit den ein einzelnen Menschen zu tun, sondern mit der Struktur: Es ist enorm billig, alle in die gleiche Schule zu schicken und einmal in der Woche eine Stunde eine zusätzliche (Fach?)Kraft zu bezahlen. Das ist vielleicht etwas übertrieben, aber eine zusätzliche Betreuung ist fast nirgendwo in dem Maße vorhanden, wie es nötig ist.

    Und darunter leiden letzlich alle, besonders die Mitte der Schüler. Denn die werden große Probleme bekommen, wenn sie dann ein oder zwei Jahre später einen anderen Englishunterricht bekommen, wenn einfach mal 3/4 der Kenntnisse fehlen. Den Leistungfähigeren, vielleicht auch denen aus "gutem" Hause fällt es leichter, das zu kompensieren, der "normale" Schüler hat ein Problem.

    Ich finde, da alle Menschen gleich viel wert sind, haben auch diese Schüler eine angemessene Betreuung verdient.

    Der ideologischen Umsetzung muss jetzt die Einstellung von entsprechend nötigem Personal folgen. Das wird teuer, aber man hat ja auch eine Menge gespart.
    Dann kann Inklusion gelingen und die Gesellschaft weiterbringen.

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    Die Definition von "normal" ist in diesem Artikel aber auch eine, die nicht der Norm entspricht. Offenbar geht man gern von sich aus, soweit das möglich ist, und zieht dann die Grenze irgendwo, beim Einkommen oder der Gesundheit, der Hautfarbe bzw. Herkunft, der sexuellen Identität. Ich glaube, die meisten zählen sich gern zu den "Normalen", weil sie dazugehören wollen, grenzen damit aber wiederum andere aus. Tolle Taktik. Ich wünsche mir mehr Menschen, die auf das Privileg "normal" zu sein, verzichten können, dann hätte jemand von den "Anderen" die Möglichkeit sich nicht als anders zu empfinden, sondern vielleicht doch als "normal", also irgendwie als in Ordnung.

    • Petka
    • 21. September 2013 1:02 Uhr

    Inklusion geht also auf Kosten der Mitte, der Normalen?

    Wer ist denn bitte schon normal? Die Wenigsten sind doch gleichzeitig "normal" in Deutsch und Mathe und Englisch. Die Meisten hingegen schwächeln da und sind stark dort.

    Wenn wir also mal von dieser realitätsnäheren "Normalität" ausgehen, dann liest sich der Artikel wie ein genialer Eingriff in die "Normal"pädagogik. Ich zitiere mal: "Die Lehrer haben in den vergangenen Jahren gelernt, in fast allen Fächern differenzierte Angebote zu machen, das ist viel Arbeit, aber der einzige Weg, die Kinder wach zu halten und sowohl bei den leistungsstarken Schülern als auch bei den lernschwachen eine permanente Frustration zu verhindern."

    Das ist doch exakt das, was man sich von Lehrern wünscht: ständige Wachsamkeit und Flexibilität. Eingehen auf Schwächen und Stärken der einzelnen Kinder. Ständiges Hinterfragen des eigenen Tuns, wie es Herr Dopp einige Sätze danach beschreibt.

    Hat eigentlich einer von euch bildungsbesorgten Bürgern den Artikel auch verstanden? Erst das Wort "Inklusion" (und das Integrieren von Kindern, die in eurer Generation oft genug einfach neben euch saßen) sorgt dafür, dass auch eure Kinder nicht ständig in der Nachhilfe sitzen müssen, weil der Lehrer in seinem "Normtrott" eine "Normlehre" durchgezogen hat und damit auch noch ohne irgend einen Ärger durchkommt.

  2. Die Schwester meiner Partnerin ist Lehrerin und hatte letztes Jahr einen Schüler, der aufgrund der Inklusionsregelung von einer Förderschule auf eine Mittelschule wechselte. Ich weiß nicht, welche Behinderung er hatte, sie äußerte sich jedenfalls in unkontrollierbaren Wutausbrüchen, Gewalttätigkeiten und einer extremen Trotzhaltung gegenüber allen Regeln und Vorschriften. Die Lehrerin hatte die Anweisung von den Eltern des Kindes und vom Direktor erhalten, die Tatsache zu verschweigen, dass dieses Kind aufgrund von Inklusionsmaßnahmen in die Klasse gewechselt ist und die anderen Kinder sollten nicht erfahren, dass dieser Schüler ein wenig anders ist. Das Problem dabei war nur, dass der betroffene Schüler ständig Schimpfwörter der übelsten Sorte mitten im Unterricht dazwischenrief und das Unterrichten fast unmöglicht machte. Die Lehrerin versuchte mehrfach ihn mit Engelszungen dazu zu bringen seine Aufgaben zu erledigen, was lediglich dazu führte, dass der Schüler seine Sachen nahm und quer durch die Klasse schleuderte. Andere Schüler beschwerten sich daraufhin mehrfach, dass die Lehrerin gegenüber besagtem Schüler ständig Nachsicht zeigte, den "normalen" Schülern gegenüber jedoch durchgreifen musste, um wenigstens noch ein absolutes Minimum an Unterrichtsstoff durchzubringen. Außerdem führte die Unberechenbarkeit dazu, dass der Schüler von den Mitschülern gemieden wurde und sich deshalb ausgegrenz fühlte.

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  3. Das Ende vom Lied? Die Lehrerin ist der Buhmann für die Schüler, da sie die Schüler unterschiedlich behandelt. Die Antwort des Direktors und der Eltern des Schülers: Sie solle entweder den anderen Schülern gegenüber ebenso Tolerant verhalten oder sich "etwas ausdenken". Es käme jedenfalls nicht in Frage, die Behinderung des Jungen der Klasse zu erklären und dementsprechend auf Nachsicht und Toleranz seitens der Mitschüler hinzuarbeiten. Die restlichen Schüler lernen nur die Hälfte vom Stoff und der betroffene Junge ist ein Außenseiter, der von allen gemieden wird.

    Ist das ein erstrebenswerter Zustand?

    Inklusion ist sinnvoll und richtig, aber sie ist nur bis zu einem gewissen Grad und nur dann, wenn von vornherein mit offenen Karten gespielt wird.

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  4. Der Schaden ist für die meisten Schüler doch größer als die Erkenntnis, dass
    es auch benachteiligte Menschen gibt. Die Erfahrung zeigt, dass für den Unterricht sowohl von Lehrer- wie auch von Schülerseite eine homogene Klasse am sinnvollsten ist. Ein Unterricht, der nur auf Kompetenzen abstellt ist nach Meinung von Pädagogen auch verfehlt. Die Schüler mit Handicap werden
    an allgemeinbildenden Schulen überfordert. Einen Nutzen kann man von dieser Art des Unterrichts für keinen der Beteiligten erkennen.
    Wenn man dann noch die aktuelle Meldung heranzieht, dass die Dax-Konzerne lieber Strafen für die Nichtanstellung von Behinderten bezahlen als sie anzustellen, fragt man sich , was die neue Mode der Inklusion in der Schule wirklich für alle Betroffenen bringt: nur Nachteile.

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    • horst91
    • 20. September 2013 23:21 Uhr

    Das funktioniert alles nicht. Man kann nicht mit Gewalt zusammenbringen, was nicht zusammengehört. Lieber wieder alle getrennt unterrichten, da haben alle am Meisten von.

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    Geht nicht. Alle wieder dahin zurück, wo sie hingehören... Moment, ganz so einfach geht das nicht. Es muss die Möglichkeit geben, dass gemeinsam gelernt werden kann. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Und auch zu früheren Zeiten waren nicht alle Schüler lieb, brav und nett und hatten keine Probleme. Und diese wurden doch auch akzeptiert. Nur sobald das Kind einen Namen hat, muss dieser Mensch raus aus der heilen Welt, dahin wo man es nicht sieht (ich hoffe, man erkennt meinen Sarkasmus).

    Ich wünsche mir aber insbesondere für die Kinder und auch die Lehrer, dass nicht einfach, wie so oft, am Schreibtisch über etwas entschieden wird. Sondern dass man das ganze einem, ich nenne es mal Praxistest, unterzieht. Und es muss, finde ich, auch die Möglichkeit geben, dass Kinder in einem geschützteren Umfeld lernen können. Aber bitte keine "Zwangsseparation". Die Zeiten sind vorbei!

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  • Schlagworte Lehrer | Schüler | Sprachstörung | Unterricht | Schule
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