DIE ZEIT: Herr Clark, die Frage nach der Schuld am Ersten Weltkrieg scheint niemanden mehr hinter dem Ofen hervorzulocken. Haben wir diese altmodische Debatte tatsächlich hinter uns?

Christopher Clark: Altmodisch ist das falsche Wort. Ich wollte in meinem Buch nur wegkommen von einer schuldorientierten Erzählung, wo gleich entschieden wird, wer der Verantwortliche ist – meistens Deutschland, in wenigen Fällen auch Russland –, und dann Beweismaterial gegen ihn gesammelt wird.

ZEIT: Was ist dagegen Ihr Ziel?

Clark: Ich will die Dynamik der Entscheidungssituation nachzeichnen, in der sich alle befanden. Die ersten Bücher, die ich über den Weltkrieg gelesen habe, handelten von Männern in Uniform mit Federbusch auf dem Kopf, kurz: von den Kuriositäten einer vergangenen und sehr, sehr fernen Welt. Das aber ist nur der äußere Schein. Die Handelnden waren mitnichten so ganz anders als wir. Sie haben mit Problemen gerungen, die es heute noch gibt. Die Menschen, die damals mehr oder weniger zufällig gerade an der Macht waren, haben Entscheidungen getroffen, die ja auch anders hätten ausfallen können. Die Julikrise, die zum Ausbruch des Krieges führte, ist in meinen Augen das komplexeste Ereignis der Moderne.

ZEIT: Was ist daran so komplex?

Clark: Sie müssen sehen, wie alles ineinandergreift, wie sich das gegenseitig hochschaukelt. Erst das Attentat auf den österreichischen Thronfolger und seine Frau in Sarajevo, Ende Juni 1914. Kurz darauf versichert das deutsche Kaiserreich dem Bündnispartner Österreich-Ungarn seine Unterstützung bei einer Strafaktion gegen Serbien, das man für das Attentat verantwortlich macht. Wiederum vierzehn Tage später ist die französische Regierung zu Besuch in St. Petersburg. Am 23. Juli übermittelt Wien ein Ultimatum an Serbien. Fünf Tage später erklärt es dem Land den Krieg. Daraufhin macht Russland mobil. Und am 1. August erklärt Deutschland Russland den Krieg.

ZEIT: Wie stürzende Dominosteine ...

Clark: Zu dieser dramatischen Zuspitzung und Verflechtung der Ereignisse im Sommer 1914 konnte es nur kommen, weil wir es mit fünf unabhängig handelnden Großmächten zu tun haben: Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland, Frankreich und Großbritannien. Wenn man Italien dazunimmt, sind es sogar sechs. Hinzu kommen Akteure zweiten Ranges wie Serbien und das Osmanische Reich. Allein aus den Interaktionen zwischen diesen fünf bis zehn Staaten ist die Krise in ihrer Ganzheit zu erfassen.

ZEIT: Also gibt es gar keine Schuldigen? Nur "Interaktion"?

Clark: Der Hamburger Historiker Fritz Fischer hat in den sechziger Jahren die These von der Hauptschuld der Deutschen am Krieg aufgestellt. Sie seien die Verantwortlichen gewesen, weil sie als Einzige den Krieg wirklich gewollt hätten. Noch heute argumentiert zum Beispiel der britische Historiker John C. G. Röhl in diese Richtung. So sagt er, dass die Deutschen sogar den Zeitpunkt für den Beginn des Krieges im Vorhinein festgelegt hätten. Wenn man das meint, dann ist das Attentat von Sarajevo natürlich vollkommen unwichtig für die Vorgeschichte des Weltkrieges.

Aber ich sehe das anders. Besonders interessant an der Krise im Juli 1914 ist doch, dass sich alle getrieben fühlten. Alle meinten, unter Druck von außen zu handeln. Alle meinten, der Krieg werde ihnen von den Gegnern aufgezwungen. Alle trafen jedoch Entscheidungen, die zur Eskalation der Krise beitrugen. Insofern tragen sie auch alle die Verantwortung, nicht nur Deutschland.