DIE ZEIT: Herr Kardinal, haben Sie eigentlich das Kanzlerduell im Fernsehen geguckt?

Reinhard Kardinal Marx: Erst habe ich gezögert, wegen der Länge. Aber als es anfing, hat es mich doch gereizt.

ZEIT: Die Kirche sollte aber keine Wahlempfehlung geben?

Marx: Nein, und das halte ich auch für einen Fortschritt, den das Zweite Vatikanische Konzil gebracht hat. Wir haben in Deutschland wie in anderen Ländern die Erfahrung gemacht, dass hier größte Vorsicht geboten ist. Ganz abgesehen davon, dass es ohnehin nie eine Partei gibt, die zu hundert Prozent vertritt, was sich etwa der Erzbischof von München und Freising von der Politik wünscht. Wichtige Bereiche sind für die Kirche der Schutz des Lebens und die besondere Förderung von Ehe und Familie, aber auch der Blick auf die Armen und Schwachen. Die Ziele der Politik sind aber nicht beliebig, über die Wege kann man unterschiedlicher Auffassung sein.

ZEIT: Es gab allerdings auch die Empfehlung im Wahlkampf 1980, Schulden abzubauen, das war gegen die SPD gemünzt ...

Marx: ... Helmut Schmidt regte sich damals sehr auf, das hab ich noch aus meiner Zeit als junger Priester in Erinnerung. Heute hat sich die Forderung nach Schuldenabbau als Einsicht weitgehend durchgesetzt.

ZEIT: Wenn die Kirche heute noch mächtiger wäre, wäre auch die Versuchung größer, ihren Gläubigen mehr Vorschriften zu machen?

Marx: Ich würde aus grundsätzlichen Überlegungen widerstehen wollen. Die Kirche, das ist nicht nur das, was die Bischöfe sagen. Deswegen sollten wir als Bischöfe zurückhaltend sein, wie wir uns einmischen in die persönlichen Entscheidungen der Einzelnen. Natürlich, wir müssen sagen, was dem Evangelium gemäß ist, aber wir dürfen nicht von oben herab bedrängend auf die Leute einwirken.

ZEIT: Klingt schön, aber ...

Marx: ... doch, das ist schon entscheidend: Wir Katholiken glauben, jeder Gläubige nimmt teil am Priesteramt, am Königsamt, am Prophetenamt Christi. Jeder, das heißt: nicht nur die Bischöfe, nicht nur die Priester. Es wäre ein Rückschlag für die Kirche, wenn auch nur der Anschein entstünde, dass wir die Gläubigen quasi als Untertanen behandeln und wir ihnen erst mal Bescheid geben müssen, weil sie selber nicht klug genug sind.

ZEIT: Haben Sie im Laufe Ihres Lebens als Priester und Bischof die Laien mehr schätzen gelernt?

Marx: Ja, wahrscheinlich ist das so.

ZEIT: Kardinäle gelten immer noch als Kirchenfürsten.

Marx: Nein, dieser Eindruck dürfte nicht entstehen, auch wenn die äußeren Zeichen das vielleicht befördern. Aber ein Kardinal herrscht so wenig über die Kirche wie ein Priester über die Gläubigen. Es kursiert bei uns manchmal noch eine weitere Vorstellung, die ich für verfehlt halte: Erst muss ein Priester da sein, sonst passiert Kirche nicht – Unsinn! Kirche beginnt, wo zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind.

ZEIT: Wie viel von der aktuellen Krise der Kirche ist selbst verschuldet?

Marx: Ich höre immer wieder den Vorwurf: Eigentlich will die Kirche nicht, dass wir frei leben. Sie will uns in Bahnen lenken, die wir selber nicht wollen. Da müssen wir uns als Kirche auch fragen, wo wir bei der Verkündigung falsche Akzente gesetzt haben. Viele Ältere sind ja noch aufgewachsen mit der Vorstellung von Kirche als moralischer Anstalt und mit dem Bild eines Gottes, der erst dann gnädig ist, wenn wir die Gebote halten. Doch Gott sagt nicht: Wenn du brav bist, dann bin ich auch gut zu dir. Jesus verkündet einen Gott, der sagt: Ich liebe dich, du sollst leben. Damit schenkt er mir die Freiheit, zu entscheiden, ob und wie ich seine Liebe erwidere. Wenn ich sie wirklich erwidere, wird mein Leben verändert und wird gut.

ZEIT: Die Kirche wieder zu einer Kirche der Gläubigen zu machen und weniger zu einer Kirche des Apparats – ist das das Ziel des neuen Papstes, das Franziskus-Projekt sozusagen?

Marx: Ein halbes Jahr ist in der Kirchengeschichte noch nicht viel. Mit einem Papst beginnt die Kirchengeschichte nicht ganz neu. Franziskus ist sicher selber noch auf dem Weg. Aber die Grundrichtung seines Pontifikats ist schon sehr früh sichtbar geworden: Hier geht einer auf die Menschen zu. Es ist ein Weg, bei dem die Seelsorge Priorität hat.

ZEIT: Was hat sich bereits verändert?

Marx: Die Kirche hat irgendwie Schwung bekommen. Das ist überhaupt keine Kritik am Vorgänger. Die Wirkung von Benedikts Pontifikat wird langfristig und nachhaltig sein. Aber es ist eine neue Atmosphäre da. Möglichkeiten öffnen sich.