Kardinäle : Wir herrschen nicht!

Kardinäle sollen keine Kirchenfürsten sein – und das Fegefeuer gibt es wirklich: Ein Gespräch mit dem Erzbischof von München, Reinhard Marx, der von Oktober an Papst Franziskus berät.

DIE ZEIT: Herr Kardinal, haben Sie eigentlich das Kanzlerduell im Fernsehen geguckt?

Reinhard Kardinal Marx: Erst habe ich gezögert, wegen der Länge. Aber als es anfing, hat es mich doch gereizt.

ZEIT: Die Kirche sollte aber keine Wahlempfehlung geben?

Marx: Nein, und das halte ich auch für einen Fortschritt, den das Zweite Vatikanische Konzil gebracht hat. Wir haben in Deutschland wie in anderen Ländern die Erfahrung gemacht, dass hier größte Vorsicht geboten ist. Ganz abgesehen davon, dass es ohnehin nie eine Partei gibt, die zu hundert Prozent vertritt, was sich etwa der Erzbischof von München und Freising von der Politik wünscht. Wichtige Bereiche sind für die Kirche der Schutz des Lebens und die besondere Förderung von Ehe und Familie, aber auch der Blick auf die Armen und Schwachen. Die Ziele der Politik sind aber nicht beliebig, über die Wege kann man unterschiedlicher Auffassung sein.

ZEIT: Es gab allerdings auch die Empfehlung im Wahlkampf 1980, Schulden abzubauen, das war gegen die SPD gemünzt ...

Marx: ... Helmut Schmidt regte sich damals sehr auf, das hab ich noch aus meiner Zeit als junger Priester in Erinnerung. Heute hat sich die Forderung nach Schuldenabbau als Einsicht weitgehend durchgesetzt.

ZEIT: Wenn die Kirche heute noch mächtiger wäre, wäre auch die Versuchung größer, ihren Gläubigen mehr Vorschriften zu machen?

Marx: Ich würde aus grundsätzlichen Überlegungen widerstehen wollen. Die Kirche, das ist nicht nur das, was die Bischöfe sagen. Deswegen sollten wir als Bischöfe zurückhaltend sein, wie wir uns einmischen in die persönlichen Entscheidungen der Einzelnen. Natürlich, wir müssen sagen, was dem Evangelium gemäß ist, aber wir dürfen nicht von oben herab bedrängend auf die Leute einwirken.

ZEIT: Klingt schön, aber ...

Marx: ... doch, das ist schon entscheidend: Wir Katholiken glauben, jeder Gläubige nimmt teil am Priesteramt, am Königsamt, am Prophetenamt Christi. Jeder, das heißt: nicht nur die Bischöfe, nicht nur die Priester. Es wäre ein Rückschlag für die Kirche, wenn auch nur der Anschein entstünde, dass wir die Gläubigen quasi als Untertanen behandeln und wir ihnen erst mal Bescheid geben müssen, weil sie selber nicht klug genug sind.

ZEIT: Haben Sie im Laufe Ihres Lebens als Priester und Bischof die Laien mehr schätzen gelernt?

Marx: Ja, wahrscheinlich ist das so.

ZEIT: Kardinäle gelten immer noch als Kirchenfürsten.

Marx: Nein, dieser Eindruck dürfte nicht entstehen, auch wenn die äußeren Zeichen das vielleicht befördern. Aber ein Kardinal herrscht so wenig über die Kirche wie ein Priester über die Gläubigen. Es kursiert bei uns manchmal noch eine weitere Vorstellung, die ich für verfehlt halte: Erst muss ein Priester da sein, sonst passiert Kirche nicht – Unsinn! Kirche beginnt, wo zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind.

ZEIT: Wie viel von der aktuellen Krise der Kirche ist selbst verschuldet?

Marx: Ich höre immer wieder den Vorwurf: Eigentlich will die Kirche nicht, dass wir frei leben. Sie will uns in Bahnen lenken, die wir selber nicht wollen. Da müssen wir uns als Kirche auch fragen, wo wir bei der Verkündigung falsche Akzente gesetzt haben. Viele Ältere sind ja noch aufgewachsen mit der Vorstellung von Kirche als moralischer Anstalt und mit dem Bild eines Gottes, der erst dann gnädig ist, wenn wir die Gebote halten. Doch Gott sagt nicht: Wenn du brav bist, dann bin ich auch gut zu dir. Jesus verkündet einen Gott, der sagt: Ich liebe dich, du sollst leben. Damit schenkt er mir die Freiheit, zu entscheiden, ob und wie ich seine Liebe erwidere. Wenn ich sie wirklich erwidere, wird mein Leben verändert und wird gut.

ZEIT: Die Kirche wieder zu einer Kirche der Gläubigen zu machen und weniger zu einer Kirche des Apparats – ist das das Ziel des neuen Papstes, das Franziskus-Projekt sozusagen?

Marx: Ein halbes Jahr ist in der Kirchengeschichte noch nicht viel. Mit einem Papst beginnt die Kirchengeschichte nicht ganz neu. Franziskus ist sicher selber noch auf dem Weg. Aber die Grundrichtung seines Pontifikats ist schon sehr früh sichtbar geworden: Hier geht einer auf die Menschen zu. Es ist ein Weg, bei dem die Seelsorge Priorität hat.

ZEIT: Was hat sich bereits verändert?

Marx: Die Kirche hat irgendwie Schwung bekommen. Das ist überhaupt keine Kritik am Vorgänger. Die Wirkung von Benedikts Pontifikat wird langfristig und nachhaltig sein. Aber es ist eine neue Atmosphäre da. Möglichkeiten öffnen sich.

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Kommentare

47 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Das fegefeuer gibt's wirklich. Echt jetzt?

Ein Atheist stirbt und kommt selbstverständlich in die Hölle. Er wacht auf, und alles ist wunder-, wunderschön: Er liegt am Strand, die Sonne scheint, eine nette Bedienung bringt kühle Getränke, abends gibt es ein mehrgängiges Dinner und danach legt er sich in ein komfortables Bett. Am nächsten Tag geht der Atheist spazieren. Hinter einem Hügel entdeckt er ein furchtbares Inferno: In einem Schwefelsee werden schreiende Menschen gargekocht. Der Atheist ist ein wenig irritiert und zieht sich in seinen Liegestuhl am Strand zurück, wo ihm sein Gastgeber, ein hinkender Mann mit Pferdefuß, einen gut gemixten Tequila Sunrise serviert. Der Atheist fragt ihn, was es mit den armen Menschen im Schwefelbad auf sich habe. „Tja“, antwortet der Hinkefuß, „uns gefällt das auch nicht, aber die Christen wollen es nicht anders.“

Mehr differenzieren!

Ich glaube, dass Sie das zu eng sehen.
Erstens: Ja, Gott liebt uns wie wir sind, aber das heisst doch nicht, dass er alles was wir tun mag. Das ist genauso wie bei Kindern. Die werden von ihren Eltern im Regelfall auch ueber alles geliebt, aber wenn sie etwas tun, was die Eltern nicht akzeptieren koennen, werden die Eltern sie dazu bringen, sich bei den Geschaedigten zu entschuldigen und so etwas in Zukunft nicht mehr zu tun. Zweitens braucht eine Institution wie die Katholische Kirche eine Zentrale braucht, sei es fuer Organisation, Buchhaltung, oder sonstwas (dass diese Zentrale aus Prunk- und Herrschaftssucht entstanden seien mag, ist eine andere Sache). Und zum dritten Punkt kann man nur sagen, dass es sich um komplett andere Dinge handelt, die aus theologischer Sicht ganz anders zu bewerten und nicht vergleichbar sind.

humanistische E°°°k, ...

erklärt nicht den Grund unseres Hierseins ( regelt allerdings das Zusammenleben aus Erfahrungswissen _ welches zu Konservation neigt _ statt dessen jetzt gutes "panta rhei" um die römische Zentralkirche? )???

... an der Definition des "Guten" werden die Bischöfe vor der Ewigkeit scheitern, für die einzelnen Lebensituationen der Individuen in den metaphern_getragenen Vergleichen aus dem Bibelkontext (... welche teils in arabischen Ländern verboten ist)?
Anleitung kann man in den Worten finden, absolut annehmen kann ich die Worte nicht direkt, wenn diese sich nicht auch vor dem Allmächtigen richtig anfühlen?

... der Kirche zu schaden kann einfach sein, ..., manchmal schon, wenn man eine eigene, kleine Meinung hätte???

Papst Franziskus ist der erste Papst, mit Namen Franziskus

... Dies alles sahen die Genossen, die am Wege warteten
( Wer kennt's? ) und vielleicht können Wir etwas franziskanisches hier wiederfinden _ schaden tät's den Managern wohl nicht???

) Energiewende (

Themen?
http://german.ruvr.ru/201...
http://katholisches.info/...

sagt wer?

Wer sagt, dass Gott nicht als Vater mit "Erziehungsauftrag", wie Sie es nennen, in Erscheinung tritt? In der Bibel wird er naemlich als genau der beschrieben. Das er so von Nichtchristen nicht wahrgenommen wird, ist klar, sonst waeren sie ja keine. Und auf die "Zentrale" kann man zur Zeit durchaus stolz sein, wenn man Katholik ist - denn auch viele Katholiken waren in den letzten Jahren verstaendlicherweise schwer enttaeuscht von ihr. Da es nun Zeichen einer Kursverbesserung unter Franziskus gibt, haben sie nun durchaus Grund zur Freude. Und falls Sie Ihre Meinung serioes einbringen wollen, sollten Sie vielleicht darauf verzichten, den Vatikan auf die Buchhaltung zu reduzieren nur weil ich sie als Teil des Ganzen erwaehnt habe. ;-)
Zum dritten Punkt: Diese theologische Sicht (die auf das interkonfessionelle Abendmahl) wird die ganze Zeit ueber hinterfragt, allerdings ist es zur Zeit der Konsens unter den meisten Kirchen, dass man dieses nicht ausgeben sollte. Und, wie gesagt, aus theologischer Sicht voellig unterschiedliche Dinge wie die Ablehnung des interkonfessionellen Abendmahls und das Priesteramt von Glaeubigen widerspruechlich zu nennen, passt einfach nicht.

Authentisch

Darf ein Kommunist Milliardär sein, und Menschen für 3,50 Euro die Stunde beschäftigen?

Ist man ein guter Christ wenn man die NPD wählt?

Liebt Gott wirklich alle gleichermaßen? Wollen Sie das überhaupt.

Sicher nicht. Sie machen da wahrscheinlich ein ganz egoistische Rangliste, nach ihren eigenen Bedürfnissen.

Die Regeln des Christentums, wie die Regeln jeder politischen Ideologie, sollen die egoistischen Bedürfnisse der Menschen auf die Bedürfnisse eingrenzen, die anderen Menschen nicht schaden. Die Bibel, soll ja Gottes Wort sein, befindet nunmal manche Bedürfnisse gut, andere schlecht.

Wollen Sie das Gott alle Sünder gleichermaßen liebt, müssen sie ein Liberaler, also FDPler sein....