Peter van AgtmaelZu Hause im Süden

Peter van Agtmael reiste von Verwandten in Stuttgart zu Bayerns größtem Flüchtlingslager von Milena Carstens und

ZEITmagazin: Herr van Agtmael, Sie sind Amerikaner. War dies Ihre erste Deutschlandreise?

Peter van Agtmael: Nein, ich war schon öfter hier. Mein Vater ist Niederländer, und sein Bruder zog in den siebziger Jahren nach Stuttgart. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mir den Süden Deutschlands zum Fotografieren ausgesucht habe.

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ZEITmagazin: Ihre Mutter ist Jüdin, hat das für Sie bei diesem Projekt eine Rolle gespielt?

Van Agtmael: Ja, deswegen bin ich auch nach Dachau gefahren. Ich hatte vorher nie ein Konzentrationslager besucht. Ich wollte das aber auch deshalb sehen, weil es ein ganz wichtiger Teil von unser aller Geschichte ist. Ich arbeite schon lange in Konfliktzonen und habe dabei erlebt, wie leicht Machtbesessene unmenschliche Verbrechen begehen. Das ist sicher nicht spezifisch deutsch. Ich würde sagen, ich misstraue mittlerweile der gesamten Erdbevölkerung.

ZEITmagazin: Wurde in Ihrer Familie viel über den Holocaust gesprochen?

Peter van Agtmael
Peter van Agtmael

Der 32-jährige, der in Washington aufgewachsen ist, studierte Geschichte in Yale, aber dann wurde ihm klar, dass er die Welt nicht nur im Rückblick betrachten wollte. Seit 2006 fotografierte er die Kriege in Afghanistan und im Irak; Deutschland kennt er über seinen niederländischen Onkel, der in Stuttgart lebt

Van Agtmael: Wir haben keine Verwandten im Holocaust verloren, ich hatte also nicht den direkten Einfluss durch Erzählungen meiner Großeltern, wie es bei vielen meiner Freunde der Fall war. Mein Vater ist katholisch, und die Familie meiner Mutter ist in den zwanziger Jahren aus Russland in die USA eingewandert. Wenn man der Enkel von Überlebenden ist, ist der Holocaust ganz anders in der Familiengeschichte verwurzelt. Ich habe vor allem im Hebräischunterricht vom Holocaust erfahren. Als ich die ersten Bilder sah, war ich noch sehr jung, etwa zehn Jahre alt. In diesem Alter hält man das fast nicht aus, ich konnte diese Bilder sehr lange nicht ansehen. In Dachau hatte ich dann merkwürdigerweise das Gefühl, ich wäre schon oft dort gewesen. Wenn du von Kindheit an konfrontiert bist mit dieser Geschichte, bist du letztlich gar nicht mehr so schockiert, wenn du dann wirklich selber an diesem Ort bist. Natürlich habe ich den besonderen Geist gespürt, den allgegenwärtigen Tod. Trotzdem muss ich sagen, dass mich der Besuch des Flüchtlingslagers in Würzburg fast mehr berührt hat als der in Dachau.

ZEITmagazin: Warum?

Van Agtmael: Weil es ein aktuelles Problem ist. Ich habe die US-Kriege aus der Perspektive der USA fotografiert, im Irak, in Afghanistan. Und nun fange ich an, die Folgen des Krieges zu fotografieren. Ich wollte sehen, wie die Afghanen und Iraker in der Diaspora leben.

ZEITmagazin: Waren Sie überrascht, dass die Flüchtlinge hier jahrelang leben ohne Aufenthaltsstatus und ohne Gewissheit, wie es mit ihnen weitergeht?

Van Agtmael: Das hat mich nicht wirklich überrascht, es ist kein Geheimnis, wie mit Migranten umgegangen wird, besonders wenn sie keine besondere Qualifikation oder Ausbildung haben. Sogar wenn du eine gute Ausbildung hast, ist es kompliziert. Meine Freundin zum Beispiel ist Italienerin, und wir haben gerade versucht, für sie ein Visum für die USA zu bekommen, mit dem sie auch arbeiten darf. Das war äußerst schwierig, obwohl sie eine sehr erfolgreiche Fotografin ist.

ZEITmagazin: Sie haben Geschichte studiert, ein Fach, bei dem man die meiste Zeit in geschlossenen Räumen über dicken Büchern verbringt. Wie kam es, dass Sie Fotograf wurden?

Van Agtmael: Genau aus diesem Grund: Ich habe früh gemerkt, dass das nicht meinem Naturell entspricht. Journalismus war für mich der Weg, Geschichte in dem Moment zu erleben, in dem sie passiert. Besonders prägend war für mich 9/11, da wusste ich, was ich in meinem Leben machen will.

ZEITmagazin: Ist es der Adrenalinkick, nach dem Sie suchen, wenn Sie in Kriegsgebiete reisen?

Van Agtmael: Nein – andererseits: Vielleicht spielt er eine gewisse Rolle. Ich denke, es hat schon etwas Verführerisches für jeden, der in diese Gegenden fährt. Bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Ich spüre ihn auch, das kann ich nicht leugnen. Es wird viel darüber geschrieben, aber letztlich kann man nicht wirklich sagen, warum man als Fotograf in diese Regionen fährt, was einen antreibt. Was mich auf solchen Reisen stark belastet, ist, Menschen sterben zu sehen. Das vergisst man nicht. Wenn man diesen Beruf für längere Zeit machen will, muss man sich Zeit geben, die Erlebnisse zu verarbeiten.

ZEITmagazin: Sie haben einmal gesagt, dass Sie als Kind Soldat werden wollten.

Van Agtmael: Mein Großvater mütterlicherseits war Soldat im Zweiten Weltkrieg, und ich wollte früher immer so sein wie er. Aber die furchtbaren Bilder vom Krieg, die ich gesehen habe, als ich jung war, haben bewirkt, dass ich an so etwas keine Mitschuld tragen möchte. Das ist wahrscheinlich genau der Grund, weswegen ich nicht Soldat geworden bin, sondern ein Fotograf, der in Kriegsgebieten arbeitet.

ZEITmagazin: Sie waren häufig mit der US-Armee unterwegs, also "embedded", wie man das nennt. Wie denken Sie heute über Soldaten?

Van Agtmael: Wenn jemand nach über zehn Jahren Krieg mit allen Konsequenzen und den heute bekannten Fakten immer noch freiwillig zum Militär geht oder deshalb Soldat wird, um zu kämpfen, dann verspüre ich dafür nicht viel Sympathie. Ich glaube, in Amerika gehen die Leute mit dem Thema Krieg eher locker um, aber wenn der Krieg und die Folgen dann in Form von Bildern zu Hause ankommen, reagieren sie sehr emotional. In Deutschland ist das anders, auch die Darstellung des Krieges in den Medien. Ich habe nie Bilder von toten deutschen Soldaten gesehen, auch nie von verwundeten oder kämpfenden Soldaten. Die große Enttäuschung für mich ist allerdings, dass die Fotos in Amerika nicht wirklich etwas verändert haben. Ich hatte gehofft, meine Bilder hätten mehr Einfluss auf die Kriege der USA, als sie es haben.

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    • Schlagworte USA | Flüchtling | Flüchtlingslager | Konzentrationslager | Dachau | Würzburg
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