Zum Beispiel dieses kleine silberne Aufnahmegerät. Wir müssten verstehen, was dieses Gerät für ein Mängelwesen sei, um zu begreifen, warum der Klimawandel aus dem Ruder laufe. In einem unscheinbaren Nebenzimmer in Bloomsbury wendet an diesem warmen Londoner Regentag Pavan Sukhdev mein Kassettengerät in seinen Händen hin und her, als handele es sich um den Apfel, in den einst im Paradies Eva biss. Dabei, sagt der Ex-Banker, sei es mit diesem Gerät nur wie mit fast allen anderen Gegenständen auch: Es steht nicht drauf, auf wessen Kosten das Ding hergestellt wurde. Wer es kauft, kann nicht erfahren, wie viel Natur seine Fertigung durch die Vernutzung von Rohstoffen, Boden, Wasser, durch den Ausstoß von Emissionen aufgezehrt hat und welche Folgen seine Entsorgung mit sich bringt. Der Wert der Natur taucht in Unternehmensbilanzen nicht auf. Das könne so nicht bleiben.

Ebenso ärgerlich sei es, sagt Sukhdev – und dreht dabei das Aufnahmegerät um, sodass die Kassettenklappe zu sehen ist –, dass dieses Gerät sich selbst unweigerlich abschaffe und ersetzt werden müsse, kaum dass es auf dem Markt sei, obwohl es doch nach wie vor funktioniere: Dieses hier etwa wolle mit Kassetten gefüttert werden, die inzwischen aber kaum jemand mehr fertige. Nirgends kann man beim Kauf erfahren, wie lange ein Gegenstand halten wird. Ein Gerät soll sich ja nutzlos machen, um des Unternehmenserfolgs willen, es soll qua Bauart bald obsolet sein, damit ein neues auf den Markt kommen kann. "Ich benutze meinen alten Blackberry weiter, als Zeichen meiner Freiheit als Konsument. Ich will nicht gezwungen werden, einen neuen anzuschaffen, wenn dem alten etwas fehlt."

Seinen Posten bei der Deutschen Bank in Indien lässt er ruhen

Unsere Wirtschaftsweise müsse sich nicht nur ändern, meint Sukhdev, die Veränderung müsse auch sehr schnell gehen. Bis 2020. Bis dahin will Europa die Energieeffizienz und den Anteil der Erneuerbaren um 20 Prozent steigern und die Emissionen um 20 Prozent senken. Sukhdevs Vorschlag: Der Gemeinwohlgedanke soll ins Privateigentum eingebaut werden, in die Bilanzen. Die Gesellschaft, auf die die Kosten bisher abgewälzt werden, soll sehen können, was Unternehmen zerstören, während sie wachsen. Sukhdev spricht schnell und druckreif, die Hand kann kaum mitschreiben. Das alte Aufnahmegerät wird gebraucht.

Pavan Sukhdev spielt gegenwärtig in den Augen von vielen die Rolle, in der vor vier Jahren der ehemalige Weltbank-Ökonom Nicholas Stern auftrat, als er mit der Autorität des Chefvolkswirts im sogenannten Stern-Report für die britische Regierung den Klimawandel als katastrophales Marktversagen bezeichnete. Die Öko-Alarm-Schrift Zehn Milliarden, die jetzt der Microsoft-Labor-Chef Stephen Emmott zuerst in London auf die Bühne gebracht und dann als Buch veröffentlicht hat, erteilt Pavan Sukhdev als einem der ganz wenigen namentlich genannten Experten das Wort: "Die Spielregeln, nach denen wir wirtschaften, müssen dringend geändert werden ..."

Dringend: Der Mann vermittelt jene interkontinentale mittlere Aufmerksamkeit, von der man nie genau weiß, wie viel Übermüdung seine Redeweise prägt, und einen Moment frage ich mich, ob er immer weiß, in welcher Stadt er sich gerade aufhält, zu welcher Tageszeit und mit wem er spricht. Aber er weiß es: "Leider lese ich kein Deutsch, aber ich kenne Ihre Zeitung. Das deutsche Publikum muss man ja nicht lange überreden, sich für neue ökologische Instrumente und meine Arbeit zu interessieren. Aber Sie haben bald Wahlen. Natürlich muss man auch deshalb die Themen jetzt zuspitzen."

Sukhdevs Entschlossenheit, keine Zeit zu verlieren, ist keine Attitüde. Sie ist eine Haltung. Es eilt, ja. Aber ohne Hektik, ohne Moralüberschuss. Wenn Sukhdev so pointiert argumentiert, geht von ihm der Eindruck aus, dass er doch ganz bei sich bleibt.

Er spitzt also zu. Seine Empörungsenergie bezieht er aus der Tatsache, dass die meisten Unternehmen unverändert dem kruden eigenen Profit hinterherrennen, als lebten wir im Jahr 1920, das heißt für ihn: mithilfe starker Lobbyarbeit, umfassender Werbung, aggressiven Einsatzes von Fremdkapital. Sukhdev zitiert das Buch The corporation von Joel Bakan. Heutige Unternehmen glichen Psychopathen, sie hätten keinen moralischen Kompass, verfolgten rastlos Macht und Profit, und alle Folgen gingen auf das Konto von anderen. Für ein ressourcenneutrales Wirtschaften fehlen die Anreize. Die muss man jetzt setzen: "Das ist die erste Priorität."

Um wirksam zu handeln, hat er selbst immer wieder die Akteursebene gewechselt: Deshalb hat er einen Chefposten bei der Deutschen Bank Indien ruhen lassen, deshalb hat er seit 2008 zunächst im Auftrag der EU-Kommission und Deutschlands, dann für die Vereinten Nationen das Forschungsprojekt Economics of Ecosystems and Biodiversity, TEEB, übernommen, das den Wert der Natur ermessen soll, deshalb auch hat er bis März 2011 für die UN die Initiative Green Economy geleitet und für den Bericht als Autor fungiert, deshalb hat er das Unternehmen GIST gegründet, das Regierungen und auch die Europäische Kommission berät, und er hat an der Universität Yale ein Stipendium genutzt, um ein Buch über die notwendige Kulturrevolution in der Unternehmensbilanzierung zu schreiben, das jetzt auf Deutsch erscheint: Corporation 2020.