Und deshalb wird er nach Frankfurt zur Buchmesse kommen, um sein Buch vorzustellen. Er will keine Chance ungenutzt lassen, um eine breite Koalition zu schmieden, die eine Revolution der Unternehmenskultur herbeiführen würde, mit Macht: Die Zivilgesellschaften werden gebraucht, die NGOs, die Regierungen, jeder. Natürlich auch Journalisten.

Zu seinen Mitstreitern zählt der frühere Puma-Chef Jochen Zeitz

Sukhdevs Agenda lautet: Wenn der Feind Nummer eins "Business as usual" heißt, dann sind die Freunde Nummer eins die neuen Unternehmer, mit ihrem grünen Sinn für Verantwortung. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Puma, Jochen Zeitz, ist sein Paradebeispiel. Der hat in seiner Amtszeit weltweit zum ersten Mal die Umweltkosten berechnet und transparent gemacht. Der brasilianische Kosmetikkonzern Natura oder das indische Unternehmen Infosys sind Sukhdevs andere Lieblingsbeispiele, aber er ist sich aus zahllosen Gesprächen mit CEOs sicher, dass der Wertewandel überall unterwegs ist.

Auch deswegen zitiert Sukhdev gern die indische Schriftstellerin Arundhati Roy: "Eine andere Welt ist möglich. Sie hat sich bereits auf den Weg gemacht. An ruhigen Tagen kann ich sie atmen hören." Möglich sei diese andere Welt, weil die entscheidenden Akteure verstanden hätten, dass es mit dem Wachstum nicht weitergehe wie bisher. Wachstum oder Postwachstum, das ist für ihn nicht die Frage. Er wird ungeduldig, wenn er diese Alternative nur hört. Die Ärmsten der Welt haben nicht mal Grundsicherheit. Beides muss sein, gleichzeitig: "Wir brauchen Rahmenbedingungen für eine Unternehmenskultur, die menschliches Wohlbefinden und soziale Gleichheit wachsen lässt, während sie Umweltrisiken und ökologische Knappheiten nicht anwachsen lässt."

Wer solche Wünsche und Ziele seit 30 Jahren hört, ohne dass sich beim Energieverbrauch der Welt irgendetwas zum Besseren geändert hätte, im Gegenteil, wird leicht ungeduldig, wenn wieder ein Ökonom meint, die Unternehmen würden es richten, gar freiwillig. Ziehen die Bürger nicht längst als dezentrale Energieselbstversorger an ihren Regierungen vorbei? Sind die Riesen wie Vattenfall oder Exxon nicht unbeweglich? Und haben die Bürger mit all ihren Initiativen des Teilens, Anbauens, Bastelns nicht längst die Rückverwandlung vom Konsumenten in den Bürger, den Menschen begonnen?

Es reiche nicht, auf die Freiwilligkeit der Unternehmen zu setzen, meint auch Sukhdev. Kontraproduktive Subventionen gehören abgeschafft, öffentliche Eigentümerschaft an Gemeingütern soll nicht länger als Marktversagen gelten, öffentliche Investitionen sollen sich auf eine ökologische Infrastruktur konzentrieren, Ressourcen an der Quelle, nicht an der Nutzung besteuert werden, und der Verlust von Arbeitsplätzen ist zunächst unausweichlich – das ist keine Agenda des Weiter-so. Aber wer hat wirklich die Macht? Da wirkt Sukhdev auf einmal heiter, und man merkt, dass er ursprünglich ein Mann der indischen NGOs war, der wegen der Korruption nicht in die indische Politik ging. Er ist erkennbar zufrieden: Der Druck kommt von allen Seiten, jetzt reicht er endlich bald aus.

Im Werkzeugkasten der politisch einflussreichen Instrumente hat Pavan Sukhdev zudem ein unerprobtes Gerät gefunden, auf das er setzt: das internationale Bilanzierungswesen mit seinen Institutionen und Körperschaften, wie etwa das International Accounting Standards Board. Er selbst schmiedet Koalitionen zwischen allen Akteuren, von Januar 2014 an sitzt er auch im Board der Global-Reporting-Initiative. Ein ganzes Spektrum an Mess- und Rechenmethoden existiere bereits, jetzt gelte es nur noch, sie zu verankern, in einen Standard zu verwandeln. Nur noch. Können Buchhalterbilanzen die Welt retten? "Ja, das liegt im Bereich des Möglichen."

Sukhdev verlässt sich auch darauf, dass es nicht wirkungslos bleibt, wenn einer mit 25 Jahren Erfahrung als Banker spricht. "Wer die Visitenkarte eines ausgewiesenen Bankers hat, findet überall bei den Mächtigen Gehör."

Sukhdev ist in Indien aufgewachsen, er sagt, er habe in seinem Milieu im Grunde nur die Wahl zwischen vier Ausbildungen gehabt: die zum Anwalt, Arzt, Banker oder Ingenieur. Es könne auch nichts schaden, reich zu sein, fügt er mit geradem Blick hinzu. Er hat, das deutet er an, einiges privates Geld in seine Arbeit gesteckt. Dann erzählt er, dass er seit der Trennung von seiner Frau, seitdem die erwachsenen Töchter in New York sind, vor allem bei seinen alten Eltern in Indien lebe. Er erzählt von seinem Vater, einem Sicherheitsbeamten, der habe oft gesagt, gute Arbeit sei Belohnung genug. Seine Mutter, Kind einer Juristenfamilie, habe in ihm die Sehnsucht geweckt, seine Arbeit exzellent zu machen. Er hält einen Moment inne. "Vielleicht wäre ich auch gern Förster geworden. Aber wer hört einem Förster schon zu?"