Wo ist sie denn, die Massenvernichtungswaffe? Bernd Klein läuft hektisch durch sein Institut und öffnet schließlich eine grüne Stahltür im Keller, die zum "Technikum" führt. Orangenfarbene Rohre ziehen sich durch den Raum, eine Seilwinde baumelt von der Decke, Geruch von Motorenöl und Männerschweiß hängt über den Fräsen und Drehbänken.

"Gestern lag sie noch hier", sagt der emeritierte Professor für Maschinenbau und zeigt auf ein Gerät. Eine Woche lang hämmerten gelbe Zylinder auf ein riesiges Stück Metall ein, um dessen Stabilität zu testen. Das Ding eine Waffe zu nennen ist vielleicht übertrieben – es handelt sich lediglich um eine Achse, die in einen Unimog montiert werden soll. Aber abgeholt hat sie die Firma Rheinmetall, ein Rüstungskonzern, der wie die Unternehmen EADS und Krauss-Maffei Wegmann zu Kleins Auftraggebern gehört.

Für die Gegner von Militärforschung ist der Professor mit der randlosen Brille und dem akkuraten Kurzhaarschnitt darum ein Rüstungsforscher, seine Untersuchungsobjekte sehen sie als Waffen. Schließlich werden sie in Kriegen eingesetzt, mit denen seine Auftraggeber Geld verdienen. Klein sieht seine Tätigkeit pragmatisch: "Ich mache Leichtbau und bin doch kein Panzergeneral", sagt er. Der Unimog, für den er die Achse getestet hat, könne auch als gepanzerte mobile Intensivstation durch Afghanistan oder Syrien fahren.

Zwei Rüstungsfirmen sind zu Fuß vom Campus der Uni Kassel aus erreichbar

Deutschland ist nach den USA und Russland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. Um weltmarktfähig zu bleiben, brauchen die Unternehmen Innovationen, und die lassen sie gern auch von Hochschulen entwickeln. Über eine Milliarde Euro gibt das Verteidigungsministerium für "Wehrforschung, wehrtechnische und sonstige militärische Entwicklung und Erprobung" pro Jahr aus. Ein großer Teil des Geldes fließt direkt an drei wehrwissenschaftliche Institute der Fraunhofer-Gesellschaft und an die Unternehmen. In den Jahren 2007 bis 2012 zahlte das Verteidigungsministerium nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa aber auch 35 Millionen Euro Drittmittel an zivile Hochschulen, 19 Millionen davon für Forschungsaufträge in der Wehrtechnik. Insgesamt wurden in dem Zeitraum 124 Hochschulprojekte gefördert, 30 wurden allein 2012 neu vergeben, darunter etwa auch eine Studie zur Bekämpfung von Aufständen, mit Empfehlungen an die Politik. Die Universität Kiel erhielt dafür vier Millionen Euro.

Gegen die zunehmende Militärforschung an deutschen Hochschulen formiert sich derzeit eine bundesweite Bewegung von Friedensaktivisten. Sie fordern eine Zivilklausel in den Universitätsstatuten, die militärische Forschung ausschließen soll. An rund einem Dutzend Universitäten gibt es sie bereits, unter anderem in Bremen, Frankfurt, Tübingen, Dortmund und an der TU Berlin. An anderen Standorten wird aktuell darum gestritten und gerungen, an den Unis in Kiel, Köln und Kassel, wo Professor Klein forscht. Die Frage ist: Darf eine öffentliche Hochschule mit der Bundeswehr oder Rüstungsfirmen kooperieren und dafür Millionen einstreichen? Oder widerspricht das dem Grundgedanken redlicher Wissenschaft?

In Kassel steckt der Konflikt regelrecht in den Mauern. Die Uni wurde vor vier Jahrzehnten auf dem Firmengelände der ehemaligen Henschel-Werke eröffnet – das Unternehmen goss auch Maschinen für die Rüstungsindustrie. Noch heute sind zwei der wichtigsten deutschen Rüstungsfirmen zu Fuß vom Campus aus erreichbar: Die grauen Produktionshallen von Krauss-Maffei Wegmann liegen auf der anderen Straßenseite, Rheinmetall Landsysteme ist nur drei Tramstationen entfernt. In Kassel werden Teile für den Radpanzer Fuchs produziert, hier wird der Schützenpanzer Marder gewartet. Insgesamt 2.500 Menschen leben von der Rüstungsproduktion in der Stadt. Auch die Hochschule profitiert von ihr.