Der Schriftsteller James Salter © Gunter Glücklich

Es gibt viele Gründe für das Scheitern einer Ehe: Untreue, seelische Entfremdung, Trunksucht, wirtschaftlicher Ruin. Der neue Roman des 88-jährigen amerikanischen Schriftstellers James Salter lässt keinen aus. Und es zerbrechen in diesem Roman mit dem lapidaren Titel Alles, was ist wahrhaft viele Ehen. Genau genommen ist es bei keiner der zahlreichen, bisweilen kaum überblickbaren Neben- und Peripherfiguren mit einer einzigen Ehe oder einer bis zum Ende haltenden Liebe getan.

Diese eklatante Scheidungsrate ist insofern nicht ganz unrealistisch, als der Roman im April 1945 einsetzt und die Zeitspanne fast bis zum Ende des 20. Jahrhunderts umfasst. Er erzählt vom Leben eines Mannes, der Philip Bowman heißt und in einem erfolgreichen New Yorker Verlag als Lektor arbeitet. Alles, was ist spielt somit in der jüngsten Epoche der Sittenrevolution, die das Verbindliche der Ehe zugunsten des Vorläufigen entkräftete. "Sie war viermal verheiratet" ... "er hatte drei unglückliche Ehen hinter sich" ... "nach einer Ehe wollte sie nicht wieder heiraten" ... "sie war davor schon zwei- oder dreimal verheiratet gewesen" ... "sie war Beckermanns zweite Frau". Alle paar Seiten findet sich eine Nebenbemerkung dieser Art, ein Nebensatz, dessen Hauptmitteilung eine Zahl zu sein scheint, bis man beim Lesen plötzlich merkt: Hier ist ein Erzähler am Werk, der nicht dramatisiert, sondern bilanziert. Aus dem Unterschied ergibt sich für die Lebensphilosophie eines Romans aber eine entscheidende Aussage. Denn der bilanzierende Erzähler ist ein gleichgültiger Erzähler. Gleichgültig im wörtlichen Sinn: Eine Ehe gilt ihm so viel wie die nächste und die übernächste.

Die Stimmung eines elegischen Fatalismus, in dem der existenzialistische Zeitgeist der fünfziger und sechziger Jahre nachklingt, kennt man aus den Büchern des frankophilen James Salter. Aber so konsequent das desillusionierende Bilanzierungsprinzip als literarischen Kerngedanken anwendend hat man den unbekanntesten der bekannten Altmeister der amerikanischen Gegenwartsliteratur noch nicht erlebt. Es ist Salters erster Roman seit unfassbaren 35 Jahren, seit der Bergsteigertragödie In der Wand. Danach veröffentlichte er nur noch zwei Erzählbände und die Autobiografie Verbrannte Tage. Dass Salter jetzt noch einmal als Romancier auf die Bühne tritt, ist eine Sensation für sich. Wie radikal er das Genre des Alterswerks auslegt, ist mindestens genauso sensationell.

Für die deutsche Leserschaft ist es nicht ganz einfach, die Werkgeschichte des Amerikaners nachzuvollziehen. Denn Salter wurde hierzulande erst 1998 mit Lichtjahre entdeckt. Die Übersetzung kam mit einer Verzögerung von zweieinhalb Jahrzehnten über den Atlantik. In dichter Folge erschienen anschließend Salters Bücher auf dem deutschen Buchmarkt, wodurch der Eindruck entstehen konnte, der Autor verfüge neben einer faszinierenden Biografie auch über literarische Hyperaktivität. Letzteres stimmt gerade nicht. Ersteres allerdings schon. Denn Salters Berufsleben zerfällt in zwei Teile, einen militärischen und einen literarischen. Dem herrischen Wunsch seines Vaters folgend, ging Salter im Alter von siebzehn Jahren auf die berühmte Militärakademie West Point. Von 1945 bis 1957 diente er bei der Air Force, flog allein im Koreakrieg 100 Einsätze als Kampfpilot. Nach dem Abschied vom Militär war er eine Zeit lang Drehbuchautor in Hollywood, weil sich damit Geld verdienen ließ und weil James Salter einen ausgeprägten Sinn für eleganten Lebensstil und schöne Frauen besitzt. Diese Genüsse, ließ der Homme à Femmes gelegentlich vernehmen, seien aber noch idealer in Frankreich versammelt, wo es außerdem die beste Küche der Welt gebe.

Genießen, zumal Sex und Erotik, kann Salters Protagonist Philip Bowman ebenfalls. Er teilt mit dem Autor auch das Geburtsjahr 1925 und das Leben im Umfeld des amerikanischen Literaturmilieus. Aber die wichtigste Gemeinsamkeit ist eine andere: der Krieg als biografische Bruchstelle. Darum geht es im Kern des Romans. Um die Überschattung des Lebens durch die Erfahrung des Krieges in jungen Jahren. Ein paar Wochen im Frühjahr 1945 machen Philip Bowman zu einem Menschen, der äußerlich unversehrt ist, aber innerlich an jener Krankheit leidet, für die das moderne Denken den Begriff Unbehaustheit erfunden hat. Bowman hat den Tod erlebt, ist ihm durch Zufall entronnen und führt sein Leben durchaus mit Genuss- und Liebesfähigkeit, aber er dringt nicht ins Leben ein. "Er gehörte nicht dazu." Aus diesem Stigma der Vergeblichkeit ergibt sich der kühl-melancholische Sound von Salters Prosa.

Ihre atemberaubende Meisterschaft aber erweist sich an der Erzähltechnik des unfixierten Entgleitens, die das indifferente Leben des Protagonisten nachbildet. Mitten im Satz, mitten in einer Passage tauchen Menschen aus dem Nebel auf, die nichts zum eigentlichen Gang der Erzählung beitragen außer einer weiteren Scheidungszahl und genauso wieder verschwinden. Die Jahre Philip Bowmans addieren sich, wie sich viele der Sätze einfach addieren, und diesen wie jenen mangelt es auf eine leise Art an einem festen Zentrum und einem definierenden Zusammenhang. "Was war denn aus ihnen allen geworden? Sie hatten Berufe ergriffen. Ein paar waren Anwälte geworden. (...) Er dachte an seinen Lieblingslehrer, Mr. Boose, der jünger gewesen war als die anderen Lehrer, ein ernsthafter Einzelgänger, über den man sich hinter seinem Rücken lustig machte. Boozie nannten sie ihn. Er wäre mittlerweile in Rente, wenn er an der Schule geblieben war."