Dieser Roman ist eigentlich kein Roman, sondern ein überbordendes Märchen, eine absurde Jetset-Story, eine dick aufgetragene Sinnsuche, die in Österreich beginnt und auf dem Mount Everest endet, wo hoch oben auf dem Gipfel die Erkenntnis liegt oder die Verzweiflung. Vielleicht die größte Freiheit, aber auch der größte Unsinn.

Nun besteht das Beruhigende an den 528 Seiten, die Thomas Glavinic geschrieben hat, darin, dass man sich an keiner Stelle fragen muss, ob alles mit rechten Dingen zugeht. In solchen dem Realen enthobenen Experimenten ist Glavinic einer der Besten, den die deutschsprachige Gegenwartsliteratur hat.

In seinem brillanten Roman Die Arbeit der Nacht entleerte er unseren ganzen Planeten von allem Leben. Nur ein junger Mann blieb übrig und lief so lange durch Wien, bis er sich vom Stephansdom stürzte. In Das Leben der Wünsche erfüllte Glavinic einem jungen Mann alle bewussten und unbewussten Bedürfnisse – was in einer Katastrophe endete. Die Figur beider Romane hieß Jonas, ein Name von alttestamentarischer Größe. Und dieser Jonas begegnet uns nun auch in Das größere Wunder, das als Abschluss einer Trilogie verstanden werden will.

Es ist ein zweigeteilter Roman. Glavinic erzählt vom Bergaufstieg des erwachsenen Jonas von Basislager zu Basislager. Hier herrschen existenzielle Minusgrade. Ein Ort, an dem Menschen vor Kälte die Augen aus dem Kopf springen, eine kuriose Euphorie um sich greift, es nach Schweißfüßen riecht und man pausenlos Tee trinken muss, um nicht verrückt zu werden. Die Besteigung des Mount Everest bildet die Rahmenerzählung, aus der der Erzähler chronologisch und cliffhangerreich die Umstände eröffnet, die Jonas dorthin geführt haben.

In den Rückblenden tritt Jonas uns als Wunderkind entgegen. Ein hochbegabter Junge, der Ansichtskarten an sich selbst schreibt und mit seinem behinderten Bruder bei einem Mann namens Picco aufwächst. Picco ist eine Art Mafioso, unbegrenzt reich, der neben dem Schutz auch die Losung für Jonas’ weiteres Leben ausgibt, die gleichermaßen als Erzählprogramm verstanden werden kann: "Antworten sind überschätzt."

Man muss also nicht verstehen, warum Jonas sämtliche Sprachen der Erde verstehen kann. Man muss nicht verstehen, warum Jonas mit seinem besten Freund Werner, ebenfalls von Genie befallen, eine Jugend voller entgrenzter Mutproben führt und sie gemeinsam eine telepathische Verbindung pflegen. Man muss nicht verstehen, was es mit dieser Burg auf sich hat, die Picco für die beiden errichtet hat, ein Haus mit sieben verschlossenen Zimmern, zu denen die Schlüssel wie von Geisterhand alle Jahre mal auf dem Tisch liegen – wer keinen Gefallen an Glavinics ausgeprägter Geheimnistuerei hat, sollte das Buch nicht lesen.

Es sind die Rätsel hausgebräuchlicher Metaphysik, die Jonas’ vermeintlich wunschlos glückliches Leben erschüttern: Wo komm ich her, wo geh ich hin? Beziehungsweise: Wie werde ich der, der ich bin? Das treibt die Erzählbewegung des Romans voran, sowohl die vertikale auf den Berggipfel als die kursorische durch Jonas’ Vergangenheit. Und wenn eine Figur Bonusflugmeilen für ihren Autor sammeln könnte, so hätte Thomas Glavinic, was Fernreisen betrifft, ausgesorgt.

Novalis hat einmal geschrieben, wir suchten immer das Unbedingte, fänden aber nur Dinge. In diesem Sinne ist auch Thomas Glavinics Roman zu verstehen, dessen Held sich zu einem Legionär des Augenblicks entwickelt, nachdem nacheinander Jonas’ Bruder, Jonas’ Seelenzwilling Werner und auch der Mentor Picco tragisch gestorben sind. Mit Piccos Vermögen macht sich Jonas auf seine Suche nach der Stunde der wahren Empfindung. Er fliegt nach Buenos Aires, um dort aufs Klo zu gehen. Er lässt sich ein mehrstöckiges Baumhaus im norwegischen Nichts erbauen. Er richtet sich ein Museum ein, nur für sich selbst, wo er Reliquien aus seinem Leben versammelt. In Rom kauft er sich eine Wohnung, die er zwei Jahre lang nicht verlässt. In Hamburg wird er kurz drogensüchtig. Irgendwann gehört ihm sogar eine Insel im Indischen Ozean.

Es ist einer der vielen guten Einfälle des Buchs: Anstatt seinen Helden auf den Boden der Tatsachen zu schicken, wo er dann erst nach dem Verlust aller Dinge erkennt, was er wirklich will, geht Glavinic den umgekehrten Weg. Das macht den großmäuligen Reiz dieser Prosa aus. Glavinic steigert die Erlebnisdichte seiner Figur in immer outriertere Dimensionen. Man kann Das größere Wunder als hyperbolisches Gegenwartsporträt lesen. Als das Porträt des erlebnisorientierten Größenwahns unserer Zeit, die den Individualextremismus als Parole ausgegeben hat. Die uns mit unbegrenzter Mobilität, der Aussicht auf sogenannte "magische Momente" und unendlichen Identitätsangeboten lockt und uns laufend verspricht: Nach diesem Erlebnis bist du ein neuer, ein glücklicher, ein ganzer Mensch.

Die Welt, die gehört ja schon ihm

Was wir für Jonas’ maximale Freiheit halten könnten, bläht Glavinic auf, mit dem Effekt, dass die Leerstelle in Jonas’ Leben, die Verlustmeldung seines eigenen Selbst, immer drängender und dunkler wird. Dafür muss der Autor die Gesetze der realen Welt angeberisch aushebeln. Dadurch erst erhält Jonas seine melancholische Größe. Die Welt, sie gehört ja schon ihm, sie ist käuflich und dauerverfügbar. Doch er starrt an die Zimmerdecke, in Kiel oder Rom, und fragt sich: Wozu das alles? In dieser Logik erschließt sich Jonas’ Aufstieg auf den Mount Everest als letzter Ausweg. Wenn er sich selbst in der intensiven Begegnung mit der Welt nicht erkennt, muss er sich so weit wie möglich von ihr entfernen. Er steigt ihr gewissermaßen aufs Dach.

Es versteht sich, dass auf dieser Erlösungsreise eine Frau nicht fehlen darf. Marie, eine Sängerin. Sie ist plötzlich da und dann wieder weg, Jonas’ große Liebe, von der ein eigentümlicher Zauber ausgeht und der all das manchmal überausführliche Sehnen und Erleben in Wahrheit gewidmet ist. So stark sich Jonas immer weiter auflöst in der exzesshaften Beliebigkeit der Orte, so verschwenderisch spielt Glavinic auf diesem Weg mit Motiven des Bildungs- und Entwicklungsromans. Und es sind die stärksten Passagen, in denen Jonas von einem kindlich-magischen Trotz umgeben ist, sich an seiner Allmacht berauscht, um schließlich alles als Unsinn zu verwerfen. Er selbst hat bisweilen das Gefühl, "in einer Zuckergussphantasie voller komplexer Verzierungen, in einem elegant kalkulierten Traum" gelandet zu sein.

Ohne den Preis des Kitschs ist so eine Fantasie schwer zu haben. Und es mag sein, dass Glavinic hier ein Spiel mit dem Kitsch inszeniert. Falls ja, dann übertreibt er es manchmal, und der Roman entwickelt besonders im letzten Drittel einen Hang zum Sentenziösen, je weiter Jonas von seinem bisherigen Leben entrückt: "Wir sind nichts. Wir sind so wenig, dass es eigentlich zum Totlachen ist. Aber genau darum ist das Leben so kostbar." Und so weiter.

Man ist an einigen Stellen hin- und hergerissen: Da ist einerseits Glavinics elegant dahinfließende Sprache, die glänzend beschriebene Weltverlassenheit im Angesicht des Berges, der mechanischen Abfolge von Trinken, Frieren, Schlafen, Klettern, Abenteuertourismus und tiefgekühlten Leichen. Andererseits stolpert man mitunter über Bremshügel von bistrophilosophischem Schwulst. Aber der erscheint im Gesamten verzeihlich – zumal, da wir uns ja in einem Märchen befinden.

Und am Ende überwiegt die Souveränität, mit der Glavinic seine Dialoge schreibt, seine Kunstfertigkeit, mit der er seinen Jonas auf die Spitze treibt. Das Finale auf den letzten Seiten, Jonas’ Atemlosigkeit und Todeserwartung, verdichtet Glavinic mit einer beeindruckenden sprachlichen Musikalität. Jonas, längst ohne Sauerstoff, dem Sterben nah, mit sorgenvoll plärrendem Funkgerät in der Tasche, schleppt sich wieder hinab. Dass dort Marie auf ihn wartet, muss eigentlich nicht erwähnt werden. Dass das eine vorhersehbare Pointe ist, auch nicht. Und noch weniger die literaturkritische Binse, dass große Romane immer auch Liebesgeschichten sind.