Sowohl dem Plan als auch seiner Ausführung geht Clark mit kriminalistischem Spürsinn nach. Er hält es für "so gut wie sicher", dass die serbische Regierung im Voraus über das Attentat von Sarajewo informiert war, obwohl das mehr eine Vermutung als ein durch Quellen erbrachter Beweis ist. Für seine Interpretation der Julikrise spielt das insofern eine wichtige Rolle, als er daraus das Recht der österreichisch-ungarischen Regierung ableitet, nun endlich mit den verhassten Serben abzurechnen.

Sehr kritisch betrachtet Clark auch die Haltung der Regierungen in St. Petersburg und Paris. Durch seinen Schulterschluss mit Belgrad seit 1913 habe der russische Außenminister Sasonow den großserbischen Nationalismus ermutigt, und durch seine Unterstützung der russischen Balkanpolitik habe wiederum der französische Staatspräsident Poincaré das Schicksal auch seines Landes mit der Krisenregion verknüpft. Der Autor spricht von einer "Balkanisierung des französisch-russischen Bündnisses", und er sieht darin eine der wesentlichen Bedingungen für das Krisenszenario von 1914. Beide Mächte hätten entlang der österreichisch-serbischen Grenze eine "geopolitische Zündschnur" gelegt, die das Pulverfass leicht zur Explosion bringen konnte.

Vor diesem Hintergrund fällt umso mehr auf, wie verständnisvoll, ja geradezu nachsichtig Clark über die deutsche Vorkriegspolitik urteilt. Kaiser Wilhelm II., der mit seinen martialischen Auftritten die Welt ein ums andere Mal schockierte, bescheinigt er die Allüren eines "aufgeregten Teenagers"; seine rhetorischen Entgleisungen werden als "albernes Geplauder" abgetan. Der Bau einer großen Schlachtflotte sei nicht nur gerechtfertigt gewesen, er habe die britische Regierung auch gar nicht besonders alarmiert, weil die Deutschen das Wettrüsten zur See ohnehin von vornherein verloren hätten. Kurzum: Nicht durch seinen eigenen weltpolitischen Aktionismus habe sich das wilhelminische Deutschland in die außenpolitische Isolierung manövriert, vielmehr hätten die germanophoben Politiker in London, Paris und St. Petersburg der stärksten Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent den legitimen Bewegungsspielraum nicht gegönnt.

Die Neigung des Autors, die Reichsleitung vor ihren Kritikern in Schutz zu nehmen, setzt sich bei der Darstellung der Julikrise verstärkt fort. Wohl erkennt er in dem "Blankoscheck" an Österreich-Ungarn vom 5./6. Juli 1914, also der Zusicherung deutscher Unterstützung für ein militärisches Vorgehen gegen Serbien, eine "Entscheidung von enormer Bedeutung". Doch habe man in Berlin das damit verbundene Risiko eines großen Krieges nicht für erheblich gehalten, weil man fest damit gerechnet habe, dass Russland nicht intervenieren würde, der Konflikt also lokalisiert werden könne.

"Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen"

Es ist merkwürdig, dass Clark zwar aus dem Tagebuch Kurt Riezlers, des Legationsrats im Auswärtigen Amt und engen Vertrauten des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, zitiert, die dort verzeichnete entscheidende Äußerung des Kanzlers am Abend des 6. Juli, die seiner Interpretation entgegensteht, aber unter den Tisch fallen lässt: "Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen." Das heißt, Bethmann Hollweg war sich sehr wohl bewusst, welch hochgefährlichen Kurs er eingeschlagen hatte.

Auch dass der Kaiser auf seine traditionelle Nordlandreise geschickt wurde und die führenden Militärs in den Sommerurlaub gingen, hält Clark nicht für eine täuschende List, um nach außen den Anschein von Friedfertigkeit zu erwecken, sondern er versteht es als ein Indiz dafür, dass man auf deutscher Seite die Situation eben gar nicht als bedrohlich empfunden habe. Nimmt man alles zusammen, so muss sich der Eindruck aufdrängen, dass die Reichsleitung im Juli 1914 den am wenigsten aggressiven Part gespielt hat.

Dem englischen Außenminister Edward Grey hingegen wirft Clark vor, einen Schlingerkurs zwischen Intervention und Nichtbeteiligung gesteuert, letztlich aber sich den höheren Imperativen der Entente untergeordnet zu haben. Als die am stärksten zum Krieg treibenden Mächte erscheinen demnach Russland und Frankreich. Es ist bezeichnend, dass Clark dem Besuch Poincarés in St. Petersburg vom 21. bis 23. Juli ein eigenes Kapitel gewidmet hat. Hier, so insinuiert er, wurde be-schlossen, das "Szenario des Katalysators Balkan" wirksam werden zu lassen, also die Lunte zu zünden, die man bereits 1913 gelegt hatte.

Folgerichtig wird nicht der deutsche "Blankoscheck" vom 5./6. Juli, sondern die russische Generalmobilmachung vom 30. Juli als die entscheidende Eskalationsstufe gedeutet. Etwas böse zugespitzt ließe sich sagen, dass der britische Historiker zum letzten Opfer der raffiniert eingefädelten Strategie des deutschen Reichskanzlers geworden ist, das Zarenreich "rücksichtslos unter allen Umständen ins Unrecht" zu setzen, wie es Bethmann Hollweg in einem Telegramm an Wilhelm II. vom 26. Juli gefordert hatte.

Clark hat recht, wenn er darauf hinweist, dass keine der europäischen Großmächte, auch nicht die deutsche Reichsleitung, zum Zeitpunkt des Attentats von Sarajewo den Beginn eines Angriffskrieges plante. Aber er unterschätzt den Einfluss, den das Drängen der führenden deutschen Militärs, allen voran des Generalstabschefs Helmuth von Moltke, auf einen Präventivkrieg in den kritischen Julitagen auf die politischen Entscheidungsträger in Berlin ausübte.

Die zur Paranoia gesteigerte Angst, das Reich würde der immer bedrohlicheren Macht Russlands militärisch schon bald nicht mehr gewachsen sein, sollte die Bereitschaft Bethmann Hollwegs, in der Julikrise ein extrem hohes Risiko einzugehen, entscheidend fördern. In diesem Sinne hat der Reichskanzler im Januar 1918, nur wenige Monate nach seinem Sturz, selbst von einem "Präventivkrieg" gesprochen: "Aber wenn der Krieg doch über uns hing, wenn er in zwei Jahren noch gefährlicher und unentrinnbarer gekommen wäre und wenn die Militärs sagen, jetzt ist es noch möglich, ohne zu unterliegen, in zwei Jahren nicht mehr. Ja, die Militärs!" Ein enthüllendes Eingeständnis, das man freilich in Clarks Darstellung vergeblich sucht.

Obwohl der Historiker aus Cambridge Russland und Frankreich de facto stärker belastet als Deutschland, bezeichnet er es am Ende als unnötig, "eine Rangordnung der Staaten nach ihrem jeweiligen Anteil an der Verantwortung für den Kriegsausbruch aufzustellen". Doch gerade darum kommt man nicht herum, und zwar nicht nur im Blick darauf, welche Macht am stärksten an der Eskalationsschraube gedreht, sondern auch, welche Macht am ehesten Möglichkeiten für eine Deeskalation besessen hat. Der Schlüssel zu Letzterem lag eindeutig bei den Akteuren in Berlin. Sie allein konnten Österreich-Ungarn von der militärischen Aktion gegen Serbien zurückhalten, die nach Lage der Dinge den großen Krieg mit hoher Wahrscheinlichkeit nach sich ziehen musste. Da sie das nicht taten, sondern im Gegenteil den Bündnispartner ermutigten, gegen Serbien rasch loszuschlagen, tragen sie tatsächlich die Hauptverantwortung für die Auslösung der Katastrophe. Diese Erkenntnis zu revidieren, dazu besteht auch nach dem Buch von Christopher Clark kein Anlass.