SprachensterbenDa fehlen einem die Worte

Es gibt 6.500 Sprachen – noch: Die Hälfte ist vom Aussterben bedroht. Frank Seifart kämpft gegen das Vergessen. von 

Als er endlich ankam, war das Gerücht schon da: "Da kommt einer, schreibt ein dickes Buch über uns, bekommt viele Dollar dafür, und wir sehen nichts von dem Geld." So redeten sie im Dorf. Frank Seifart ließ sich davon nicht abschrecken, dafür war die Anreise zu lang. Er war in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, in eine kleine Propellermaschine gestiegen, hatte sich zu einem Nest am Amazonas mit fragwürdiger Landepiste fliegen lassen, war umgestiegen in ein Motorboot, war zwei Tage lang stromaufwärts gefahren, bis er das Indianerdorf erreichte. Im Gepäck hatte er nicht nur die obligatorischen Gummistiefel und eine Hängematte, sondern einen Packen Notizbücher, ein Aufnahmegerät, 20 Tonbandkassetten und eine Mission: eine vom Aussterben bedrohte Sprache zu dokumentieren und so vor dem Vergessen zu bewahren.

Es war die erste Feldforschungsreise von Frank Seifart, 42 Jahre alt, Linguist am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. 1999 war das, sein Studium an der Freien Universität Berlin, Germanistik, Linguistik, Spanisch und Soziologie, hatte er schon abgeschlossen, in Bogotá setzte er noch eine zusätzliche Magisterarbeit drauf, über Miraña, eine Indianersprache, die am Verschwinden war. Seitdem ist Seifart über ein Jahrzehnt hinweg immer wieder in den kolumbianisch-peruanischen Regenwald aufgebrochen, um dem Sprachentod ein Schnippchen zu schlagen. Dokumentiert hat er dabei auch das Resígaro, das nur noch zwei Menschen sprechen, Mutter und Tochter. Ein Dritter versteht es noch: Frank Seifart.

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Über 6.500 Sprachen gibt es auf der Welt. In weniger als 100 Jahren wird die Hälfte davon ausgestorben sein, schätzen Linguisten. Jeder zweite Mensch verständigt sich in einer der knapp 20 großen Sprachen wie Chinesisch, Englisch, Spanisch, Arabisch oder Deutsch. Die andere Hälfte der Menschheit hat eine Muttersprache, die nur wenige sprechen. Sei es Savosavo auf den Salomonen mit noch 3.000 Sprechern, Tima im Sudan mit 7.000 oder Bora in Kolumbien mit 1.000 Sprechern. In Deutschland steht Niedersorbisch auf der roten Liste.

Um das große Vergessen aufzuhalten, haben sich Linguisten aus der ganzen Welt zusammengetan, haben in Wüsten, Gebirgstälern und Regenwäldern Wörter und Sätze gesammelt. "Dokumentation bedrohter Sprachen" heißt das Projekt, das von der Volkswagen-Stiftung vor 14 Jahren angeschoben und mit Millionen Euro finanziert wurde. Diesen Sommer ist es ausgelaufen, aber die Wissenschaftler haben ein gewaltiges digitales Archiv geschaffen: eine Arche Noah für Sprachen. Sie findet sich im Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen; Unmengen an digitalisierten Ton- und Videoaufnahmen von rund 100 Sprachen warten dort auf nachfolgende Forschergenerationen. Sei es ein Wiegenlied aus der Südsee oder eine Fallenbeschreibung aus Südamerika. Auch Frank Seifart hat seine Aufzeichnungen auf diese Arche Noah gebracht.

Sprachretter: Weltweit unterwegs

Seit 14 Jahren arbeiten Linguisten an einem Mammutprojekt: der "Dokumentation bedrohter Sprachen", kurz Dobes. Initiiert und finanziert wurde das Projekt mit 28 Millionen Euro von der Volkswagen-Stiftung. Rund 100 Sprachen von allen Kontinenten haben die Forscher dokumentiert, mit Block, Tonbandgerät und Videokamera.

Das Förderprojekt läuft bald aus, aber die Wissenschaftler haben ein gewaltiges digitales Archiv geschaffen.

Eine neue Arche Noah

Das digitale "Language Archive" steht im Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen. Wissenschaftler legen dort mit Audio- und Videodateien lebendige Sprachdokumente an, sei es ein Wiegenlied aus der Südsee, eine Fallenbeschreibung aus Südamerika oder eine Erzählung aus Afrika. IT-Spezialisten haben eine Software entwickelt, mit der die Linguisten ihre Videoclips mit Untertiteln, Kommentaren und Übersetzungen versehen können.

Sechs, sieben Wochen dauerten seine Forschungstrips. Länger sei es nicht gegangen, sonst wäre er krank geworden, "der Magen machte dann nicht mehr mit". Seifart, der selbst nur zwei Fremdsprachen spricht, sitzt in seinem Büro im Max-Planck-Institut, auf den ersten Blick erinnert hier wenig an seine Amazonasreisen. Überhaupt: Auch wenn er gleich erklären wird, wie man auf zwei Holztrommeln das Nachbardorf auf ein Hirschessen einlädt – das Klischee des etwas zauseligen und eigentümlichen Sprachforschers im Feld unterläuft er überzeugend. Er ist smart, glatt rasiert, trägt ein modisches schwarz-weiß kariertes Hemd. Nur angeschlagen ist er etwas, in den Tagen davor hat seine Abteilung einen großen Linguistenkongress organisiert. Aber die Erzählungen von der Feldforschung machen ihn munter. Er zieht eine Schublade auf, in einer großen Plastiktüte hat er Tonbandkassetten seiner ersten Reisen aufbewahrt. Er zeigt auf die Wand gegenüber, hier sind einige Regalmeter gefüllt mit Notizbüchern, Disketten, Videokassetten. Dokumente seiner Reisen ins Zentrum der Welt, so sehen es die Bewohner im Nordwesten Amazoniens. "Menschen der Mitte" nennen sie sich.

Das Gerücht über das viele Geld konnte Seifart entkräften, in langen Gesprächen mit den Dorfautoritäten. Das Vertrauen war da, er durfte sich an die Arbeit machen. Und wenn er schon hier sei, könne er gleich noch Alphabetisierungskurse anbieten – in Spanisch und in Maraña. Er bekam einen Platz für seine Hängematte in einem Familienhaus, "wurde gut versorgt". Meist gab es Reis, Maniok und Flussfisch zu essen. Ungefähr 150 Menschen wohnten in dem Dorf, zehn Familien, verteilt in Holzhäusern auf Pfählen. Man solle sich das aber nicht zu weltfern vorstellen, sagt Seifart, die Leute hörten Radio, redeten über Fußball – alles auf Spanisch. Deshalb war er ja da.

Leserkommentare
  1. ... seiner Identität".

    An alle "Schlaumeier", die sagen, dass Migranten zu Hause deutsch sprechen sollen. NEIN, sollen sie eben NICHT. Sie sollen zweisprachig aufwachsen und beide Sprachen lernen, statt ein Misch Masch.

    5 Leserempfehlungen
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    ... soweit die Eltern nicht perfektes Deutsch sprechen, ist es wesentlich besser, wenn die Kinder türkischer, polnischer, russischer Einwanderer zu Hause von ihren Eltern korrektes Türkisch, Polnisch, Russisch lernen, als falsches Deutsch.

    Korrektes Deutsch können sie dann leichter in der Schule lernen, wenn sie nicht zuerst das evtl. falsche Migrantendeutsch der Eltern verlernen müssen.

    Voraussetzung ist allerdings, dass die Kinder nicht in einer von der überholten Einwanderungspolitik geplanten "Gastarbeitersiedlung" aufwachsen, in dem auf dem Schulhof kein korrektes Deutsch mehr gelernt werden kann, mangels Hochdeutsch sprechender Mitschüler.

    Das ist in Deutschland leider häufig nicht gegeben. Da baden wir heute die Sünden der Väter aus.

    ganze wirkt wie ein Versuch die Geschichte einzufrieren, was aber nicht klappen wird, wie die Menschen werden Sprachen kommen und gehen. Es wird immer Wissen verloren gehen und mal ehrlich ist es wirklich relevant ob in 200 Jahren eine bestimmte Sprache noch existiert oder nicht...

    • Urrzeit
    • 24. September 2013 0:42 Uhr

    ich sehs im prinzip genau so, aber es sollte dennoch etwas differenzierter ausgedrückt werden: sie sollten zu hause die sprache sprechen, für welche für sie die besten kommunikationspartner hinsichtlich korrektheit und authentizität bereit stehen. in der realität ist dass zwar in den meisten fällen die muttersprache, muss aber nicht immer so sein.

    davon unabhängig stimme ich aber damit überein, dass die muttersprache definitiv nicht zugunsten der verkehrssprache eines landes vernachlässigt werden sollte. dies hat keine positiven auswirkungen zu folge für die sozio-kulturelle wie auch kognitive entwicklung des menschen. eine möglichst gleich gute beherrschung beider sprachen ist erstrebenswert.

  2. ... soweit die Eltern nicht perfektes Deutsch sprechen, ist es wesentlich besser, wenn die Kinder türkischer, polnischer, russischer Einwanderer zu Hause von ihren Eltern korrektes Türkisch, Polnisch, Russisch lernen, als falsches Deutsch.

    Korrektes Deutsch können sie dann leichter in der Schule lernen, wenn sie nicht zuerst das evtl. falsche Migrantendeutsch der Eltern verlernen müssen.

    Voraussetzung ist allerdings, dass die Kinder nicht in einer von der überholten Einwanderungspolitik geplanten "Gastarbeitersiedlung" aufwachsen, in dem auf dem Schulhof kein korrektes Deutsch mehr gelernt werden kann, mangels Hochdeutsch sprechender Mitschüler.

    Das ist in Deutschland leider häufig nicht gegeben. Da baden wir heute die Sünden der Väter aus.

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    • Menina
    • 24. September 2013 0:34 Uhr

    Was ist das und wer spricht es?

    "das evtl. falsche Migrantendeutsch" ist nichts anderes als das Ergebnis des Zusammentreffens von zwei verschiedenen Sprachen (auch Sprachkontakt) und damit ein ganz natürlicher Prozess.

    "in dem auf dem Schulhof kein korrektes Deutsch mehr gelernt werden kann, mangels Hochdeutsch sprechender Mitschüler."

    Ich bin Berlinerin und schreibe fast immer korrektes Standarddeutsch. Ich bin auch eine eifrige Verfechterin von korrekter Rechtschreibung und Grammatik in Publikationen. Aba ansonstn rede ick, wie mia de Schnabl jewachsn is. Weil dit einfach zu mia jehört, ick so uffjewachsn bin und oooch übahaupt keen Grund sehe, mia mein Dialekt abzujewöhn. Que viva la diversidad!

  3. 3. .Das.

    ganze wirkt wie ein Versuch die Geschichte einzufrieren, was aber nicht klappen wird, wie die Menschen werden Sprachen kommen und gehen. Es wird immer Wissen verloren gehen und mal ehrlich ist es wirklich relevant ob in 200 Jahren eine bestimmte Sprache noch existiert oder nicht...

    3 Leserempfehlungen
  4. ... die gelernt und befolgt werden. Mir geht es um Kinder, die diese Regeln, egal welchen deutschen Dialekts, nicht lernen können, weil die Eltern sie nicht beherrschen und ihnen statt dessen eine Grammatik vormachen, die absolut beliebig, und weder Berlinerisch noch "Hochdeutsch" noch sonstirgendwas ist.

    Antwort auf ""perfektes Deutsch"?"
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    • Menina
    • 24. September 2013 11:49 Uhr

    die absolut beliebig [...] ist."

    Diese Grammatik kommt Ihnen nur beliebig vor, ist es aber nicht. Sätze wie "Ich bin U-Bahn." oder "Kommst du Park?" entstehen, weil es z. B. im Türkischen keinen bestimmten Artikel und auch nicht die Ihnen aus dem Deutschen bekannten Präpositionen gibt. Und so wird eben ein Teil der Struktur der türkischen Muttersprache beim Deutschlernen übernommen. Diese Sprachform hat nicht keine grammatischen Regeln, sondern ihre eigenen.
    So wie Sprachen aussterben, entstehen durch den Kontakt verschiedener Sprachen eben auch wieder neue Sprachformen.

    • Menina
    • 24. September 2013 11:49 Uhr

    die absolut beliebig [...] ist."

    Diese Grammatik kommt Ihnen nur beliebig vor, ist es aber nicht. Sätze wie "Ich bin U-Bahn." oder "Kommst du Park?" entstehen, weil es z. B. im Türkischen keinen bestimmten Artikel und auch nicht die Ihnen aus dem Deutschen bekannten Präpositionen gibt. Und so wird eben ein Teil der Struktur der türkischen Muttersprache beim Deutschlernen übernommen. Diese Sprachform hat nicht keine grammatischen Regeln, sondern ihre eigenen.
    So wie Sprachen aussterben, entstehen durch den Kontakt verschiedener Sprachen eben auch wieder neue Sprachformen.

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    Was ich mit "beliebig" meinte, ist dass zwischen Grammatiken beliebig hin und her gewechselt wird. Selbst das ist noch nicht sofort ein Problem. Kinder die z.B. in gemischtsprachlichen Elternhäusern aufwachsen kommen meist gut damit zurecht, dass Mama ein komisches Deutsch spricht und Papa dafür nicht so ganz mitkommt, wenn man sich mit Mama allein unterhält.

    Das extreme Gegenteil sind dann aber Kinder, die weder die Muttersprache ihrer Eltern, noch Hochdeutsch lernen, weil ihnen für beides die Vorbilder fehlen. Und bei der Suche nach einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz ist es dann ein schwacher Trost, wenn die einzig beherrschte Sprache, die Familien- oder Kietzsprache, auch eigenen Regeln gehorcht.

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