BosnienkriegFeigheit wird bestraft

Srebrenica: Die Niederlande sprechen ihre UN-Blauhelme schuldig von Christine Brinck

Achtzehn lange, quälende Jahre nach dem Verbrechen steht fest: Der niederländische Staat ist für den Tod dreier Muslime im bosnischen Srebrenica 1995 verantwortlich. Der Oberste Gerichtshof der Niederlande bestätigte jetzt dieses Urteil eines Haager Zivilgerichtes aus dem Jahre 2011.

Das ist eine historische Zäsur. Die niederländische Regierung hatte stets argumentiert, das holländische Bataillon (Dutch Bat) im Bosnienkrieg und sein Befehlshaber Thom Karremans könnten nicht belangt werden, da sie den Vereinten Nationen unterstanden – und die seien immun. Diese "Wir haben damit nichts zu tun"-Lesart wurde nun in der letzten Instanz gekippt. Die holländischen Soldaten haben demnach nicht nur im Auftrag der UN gehandelt, sondern auch in dem der niederländischen Regierung.

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Die muslimischen Bosnjaken, die seit 2002 gegen den niederländischen Staat klagen, sind der Elektriker Rizo Mustafić, der für das Dutch Bat gearbeitet hat, und Hasan Nuhanović, der für die Holländer als Dolmetscher arbeitete. Beide hatten ihre Angehörigen auf die holländische UN-Basis geholt. Doch die Holländer zwangen sie, den sicheren Stützpunkt zu verlassen. Nuhanovićs Vater, Mutter und Bruder wurden getötet. Der Hauptvorwurf der Kläger: Die Blauhelme haben nach dem Fall der muslimischen Enklave Srebrenica nichts getan, um ihr bosnisches Personal und ihre Familien vor den serbischen Truppen zu beschützen. Jetzt haben sie Recht bekommen.

Diese drei Angehörigen hätten leben können, aber auch Tausende andere Menschen, wenn die Niederländer nicht nur mehr Verantwortung, sondern auch mehr Courage gezeigt hätten. Als Schutzbehauptung wurde stets die Übermacht der Serben unter General Ratko Mladić vorgeschoben. Doch haben die sich nie auf den Stützpunkt getraut, über dem die UN-Flagge wehte. Die Abschreckung funktionierte.

Während draußen bereits die serbischen Erschießungskommandos wüteten, herrschten auf der UN-Basis grauenvolle Zustände: kaum sanitäre Anlagen, Sommerhitze, Frauen, Männer, Kinder zusammengepfercht und in Todesangst, auf der Suche nach Schutz. Tausende Bosnjaken waren nach Srebrenica geströmt, weil es eine entmilitarisierte, eine UN-Schutzzone war.

Gewiss: Die Holländer waren von der humanitären und logistischen Lage überfordert; sie wären am liebsten abmarschiert. Doch die UN ließ sie nicht, erst sollten die Flüchtlinge weg. Aber wohin? Die galt es nun loszuwerden. Draußen vor dem Stützpunkt standen die wild entschlossenen Serben, drinnen die unentschlossenen Holländer. Die meisten Männer und Jungen endeten in Massengräbern, die auch heute, 18 Jahre später, noch nicht alle gefunden sind. Nuhanović hat 13 Jahre lang nach den Überresten seiner Angehörigen gesucht. Den kleinen Bruder, den er nicht retten konnte, hat er als Letzten begraben können.

In einem Interview mit der ZEIT sagte Nuhanović: "Offensichtlich sind die Serben die Mörder, aber die anderen taten, was sie nie hätten tun dürfen. Sie haben die ihnen Anvertrauten nicht beschützt."

Besonders krass wird das holländische Versagen, wenn man auf einen ähnlichen Vorfall aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg zurückgreift, wo kanadische Blauhelme Wache standen. Es tobte die "Operation Sturm", mit der die Kroaten Knin zurückerobern wollten. Tausend serbische Flüchtlinge suchten Schutz auf dem Stützpunkt der UN-Truppe. Die kroatischen Kräfte umzingelten die Enklave und forderten die Herausgabe der Männer. Der kanadische Oberst des Bataillons antwortete mit einem harten Nein; die kroatischen Killer kamen in den Stützpunkt nicht rein. Dabei war Knin weder eine entmilitarisierte noch eine Schutzzone.

Der Vorfall in Knin zeigt, dass der Truppenchef durchaus "wirksame Befehlsgewalt" über seine Leute hatte – nicht die UN. Und genau das ist die Begründung des niederländischen Urteils. Dass Truppen, die von der Weltgemeinschaft eingesetzt werden, nicht gerichtlich belangt werden können, ist in den Augen des Obersten Gerichtshofs "inakzeptabel".

Elf Jahre hat es gedauert, bis es zu diesem Urteil kam. Um Schadensersatz geht es den Klägern am wenigsten. Es wäre jetzt eine gute Zeit für eine Entschuldigung des niederländischen Staates bei den Angehörigen der Srebrenica-Opfer. Für Entschuldigungen ist es nie zu spät, wie vergangene Woche die Bilder aus Oradour-sur-Glane – Joachim Gauck und der französische Präsident Hollande Hand in Hand – uns lehrten.

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Leserkommentare
  1. diesem heuschlerichen Verein Namens UN unterstellt, dem ist nicht mehr zu helfen.

    Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierten, argumentativen und sachlichen Kommentarstil. Weitere Kommentare dieser Art werden von der Moderation entfernt. Die Redaktion/mak

    Eine Leserempfehlung
  2. vor Ort, bei den Hollaendern nicht. Was einzelne Leute durch Feigheit, Inkompetenz und Nichtstun zu verantworten haben, scheinen manche gar nicht fuer moeglich zu halten.
    Ein "Nein, ihr kommt hier nicht rein" haette moeglicherweise genuegt, wer weiss.

    4 Leserempfehlungen
    • Even
    • 20. September 2013 11:21 Uhr

    Es ist interessant, dass der Journalist aus einigen Jahren und einigen Hundert Kilometer Entfernung in seinem Büro zum Schluss kommt, dass die UN Abschreckung funktioniert, auch wenn vor den Toren ein Ratko Mladic mit einer Armee hausiert. Aus dieser Distanz heraus ein Urteil zu kritisieren, von dem möglicherweise das Leben aller, der Schutztruppe wie der Schutzbedürftigen abhängt mit dem lapidaren Hinweis, 'die Abschreckung' hätte 'funktioniert', ist billig. Die 3 Schutzbedürftigen in den Tod geschickt zu haben, ist fürchterlich, aber wer masst sich an, an der Stelle des Kommandierenden die richtige Entscheidung zu treffen. Dass einige Juristen auf Grund internationaler Bestimmungen zum Schluss kommen, es sei Unrecht getan worden, wird der Situation in keiner Weise gerecht. Leider.

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    bewaffnete Soldaten irgendwo hinschickt damit sie dort eine Schutzzone errichten sollten diese fähig und willens sein, diese Waffen auch einzusetzen. Sonst sind sie im falschen Beruf am falschen Ort.
    Das Foto des niederländischen Kommandeurs auf dem er mit den Schweinen auf ihren Sieg anstößt kennen Sie?

    • Case793
    • 20. September 2013 11:26 Uhr

    Auf der einen Seite wird anhand des Beispiels Knin gesagt, "dass der Truppenchef durchaus "wirksame Befehlsgewalt" über seine Leute hatte – nicht die UN". Andererseits heißt es, dass die niederländischen Soldaten abrücken wollen, "(d)och die UN ließ sie nicht". Das widerspricht sich doch.

    Außerdem wird behauptet, dass die Übermacht der Serben nur vorgeschoben worden sei. Als Beleg wird dann angeführt, diese hätten "sich nie auf den Stützpunkt getraut, über dem die UN-Flagge wehte." Da stellen sich mir zwei Fragen:

    1.) War es tatsächlich die Abschreckung der UN oder gab es für die Serben nur keinen Grund den Stützpunkt zu betreten, nachdem die Bosnjaken ausgeliefert waren?

    2.) Hätten die Serben, den Stützpunkt auch nicht angegriffen, wenn die Auslieferung verweigert worden wäre und durfte/musste der niederländische Kommandeur davon ausgehen, dass sie dies nicht tun würden?

    Allgemein möchte ich noch sagen, dass man mit einem Begriff wie "Feigheit" vorsichtig sein sollte, wenn man nicht selbst in der Situation war und nur gemütlich und sicher einen Artikel schreibt. Die wenigsten können von sich ehrlich sagen, dass ganz sicher in einer solchen (Ausnahme)Situation anders reagiert hätten.

    4 Leserempfehlungen
    • Snorrt
    • 20. September 2013 12:35 Uhr

    Die UN ist eine von Sitzfleisch dominierte Heuchelei-Bürokratie. Seit dem Skandal in Ruanda sollte sie die Institution "Blauhelm" einfach einstellen. Wäre ehrlicher. Wer sehen will, wie eine internationale Weltpolizei aufs peinlichste und kläglichste versagt, weil Sesselfurzer aus ihrem klimatisierten Büro in Amerika gerade den moralischen Anstand vermissen lassen, weshalb sie eigentlich auf ihren Sesseln sitzen, der schaut sich einfach mal die Dokumentation "Shake hands with the devil" an.

    http://www.agenda21-treff...

    Widerlich. Aufpassen, die Doku führt zu massivem Realismusüberschuß im ideologisierten Denken und kann Brechreiz über die Rasse der Nacktaffen auslösen, der wir leider angehören.

  3. bewaffnete Soldaten irgendwo hinschickt damit sie dort eine Schutzzone errichten sollten diese fähig und willens sein, diese Waffen auch einzusetzen. Sonst sind sie im falschen Beruf am falschen Ort.
    Das Foto des niederländischen Kommandeurs auf dem er mit den Schweinen auf ihren Sieg anstößt kennen Sie?

    8 Leserempfehlungen
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    • Case793
    • 20. September 2013 13:41 Uhr

    auch in genügender Anzahl mit ausreichender Bewaffnund und zuverlässige Unterstützung dahinschicken. Ansonsten sollte man nicht von ihnen erwarten, dass sie ihr Leben riskieren, schon garnicht um die Versäumnisse der politischen Führung auszubaden.

    haben Srebenica damals, nachdem die Dschihadisten wochenlang umliegende serbische Dörfer gebrandschatzt hatten, einfach aufgegeben. Naser Oric verließ die Stadt im Hubschrauber. D.h. eine Stadt die zuvor Garnison von Terroristen war enthält von einem Tag auf den anderen nur noch (mutmaßliche) Zivilisten. Ganz zufällig ist die anwesende Schutztruppe nicht gewillt diese zu schützen. Clinton, Isetbegovic und die UN haben damals bewusst eine Falle gestellt. Wem? Den bosnischen Zivilisten und der serbischen Miliz. Wie auch jetzt in Syrien inszenieren diese Großen der Weltpolitik bloß Schlachtfeste für ihre Auftraggeber. Eine Konstante ist übrigens der faschistische Islamismus = Dschihad, sowie amerikansiche Waffenlieferungen und Bombardements.

    • Case793
    • 20. September 2013 13:37 Uhr

    Wichtig bzgl. der militärischen Lage des Dutchbat ist noch folgendes (Zitat aus Wikipedia):

    "In Anbetracht dieser Eskalation forderte der Kommandant der Blauhelme, Thomas Karremans, mehrfach NATO-Luftunterstützung an. Umfassende Luftunterstützung blieb jedoch aus. Zwei niederländische Flugzeuge der NATO bombardierten einen Panzer der bosnischen Serben und setzten diesen außer Gefecht. Sofort darauf drohten die bosnischen Serben, bei Fortsetzung von NATO-Luftangriffen würden sie die UNPROFOR-Soldaten, die sie bereits als Geiseln interniert hatten, ermorden. Ferner würden sie die zusammengedrängten Flüchtlingsmassen gezielt unter Beschuss nehmen. Daraufhin wurden alle Bemühungen eingestellt, die eindringenden bosnisch-serbischen Truppen durch Luftangriffe zu stoppen."

    Für den niederländischen Kommandanten stellte sich die Lage also wie folgt dar:
    Er war von zahlenmäßig weit überlegenen Truppen eingekreist, die ihre Rücksichtslosigkeit schon unter Beweis gestellt hatten, und durfte nicht auf Unterstützung hoffen.

    Es mag nun jeder für sich selbst entscheiden, wie er/sie in dieser Lage gehandelt hätte.

    8 Leserempfehlungen
    • Case793
    • 20. September 2013 13:41 Uhr

    auch in genügender Anzahl mit ausreichender Bewaffnund und zuverlässige Unterstützung dahinschicken. Ansonsten sollte man nicht von ihnen erwarten, dass sie ihr Leben riskieren, schon garnicht um die Versäumnisse der politischen Führung auszubaden.

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    Antwort auf "Wenn man"

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  • Schlagworte Blauhelm | Vereinte Nationen | Niederlande | Srebrenica
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