Rebellenkämpfer in der nordsyrischen Stadt Raqqa (Archiv) © Mezar Matar/AFP/Getty Images

Es ist eine Idee, wie es sie in der Weltgeschichte noch nicht gegeben hat: ein gewaltiges Abrüstungsprojekt mitten im Krieg. Syriens Chemiewaffen, so ist aus Washington, Moskau und sogar Damaskus zu hören, sollen internationaler Kontrolle unterstellt und vernichtet werden. Geht das überhaupt?

Das ist ein technisches, organisatorisches, militärisches und politisches Problem. Von seiner Lösung hängt viel ab. Die Tragfähigkeit des Kompromisses zwischen den drei Mitspielern. Die Glaubwürdigkeit Amerikas, das den Einsatz von Chemiewaffen ahnden will. Und nicht zuletzt die regionale Sicherheit. Der syrische Bürgerkrieg droht weiter zu eskalieren, und niemand kann ausschließen, dass sich Trupps von Al-Kaida Teile des brandgefährlichen Arsenals aneignen. Was kann also geschehen – und wie schnell?

Zunächst wäre zu klären, wer denn da kontrollieren soll. Korrekterweise müsste die Überwachung in die Hände der Organisation für das Verbot chemischer Waffen gelegt werden, die den Vereinten Nationen angegliedert ist; ihren Inspektoren müsste freier Zugang zu allen deklarierten Standorten gewährt werden.

Damit wäre man schon beim nächsten Problem: Können wir Assad Glauben schenken, dass er alle Waffenstandorte angeben würde? Oder würde er nicht lieber eine stille Reserve beibehalten wollen, für den äußersten Notfall? Gut möglich, dass aus diesem Problem ein nicht enden wollendes Tauziehen wird, wie man es vom Streit um das iranische Atomprogramm kennt. Was übrigens in Assads Interesse wäre: Er würde Zeit gewinnen und wäre über viele Verhandlungsrunden hinweg als Partner anerkannt.

Je mehr Standorte betroffen sind, desto aufwendiger wäre außerdem ihre Überwachung. Die Schätzungen rangieren von 20 bis 60 C-Waffen-Depots. Darin liegt ein Dilemma: unmöglich, neben jedem Munitionslager eine Fabrik zu errichten, um die Waffen zu beseitigen. Einhellig wiederum raten Waffenexperten von der Idee ab, die Gifte durch das Land zu einer zentralen Anlage zu transportieren, noch dazu mitten durch den Bürgerkrieg. Untunlich auch, sie allesamt außer Landes bringen zu wollen, etwa nach Russland oder nach Europa: Der Landweg scheidet wegen des Krieges aus, Schiffe wiederum oder gar Flugzeuge kommen erst recht nicht infrage.

Auch die Amerikaner entschieden sich, als sie die Abrüstung ihrer Chemiewaffen planten, in den neunziger Jahren dazu, die tödliche Fracht so wenig wie irgend möglich zu bewegen. Ihre Überlegung: Falls sich ein Unfall ereignen sollte, dann besser innerhalb bekannter und umschlossener Militärareale als irgendwo unterwegs.

Am besten wäre vielleicht eine mittlere Lösung: für die Vernichtung der, wie die Franzosen schätzen, 1.000 Tonnen Nervengas insgesamt etwa fünf Zentren in Syrien zu errichten. Möglicherweise ist das Material ja in geeigneten Transportbehältern gelagert. Wenn nicht, müsste es erst einmal umgepumpt werden, was hochriskant ist und daher viele Monate dauern könnte. Und dort, wo bereits Trägersysteme mit Gift befüllt sind, müssen diese zunächst von Robotern demontiert und ausgeleert werden, ein hochkomplexer und vor allem zeitraubender Vorgang. Sodann würde sich die Frage nach gut befahrbaren und sicheren Routen stellen. In Syrien nicht gerade trivial.

Außenminister Guido Westerwelle bot bereits an, dass Deutschland sich technisch an der Beseitigung der Gifte beteiligen könne: "Wir haben bei der Vernichtung von Chemiewaffen Erfahrung und entsprechende Programme." Um die enormen Chemiewaffen-Bestände aus dem Kalten Krieg vernichten zu helfen, hat die Bundesrepublik am Bau und Betrieb von vier Beseitigungsanlagen mitgewirkt. Eine Lehre aus diesem Engagement lautet, dass es Jahre braucht, bis solche Arsenale unschädlich gemacht sind. Allein die Anlagen zu bauen dauerte in Russland jeweils rund drei Jahre. Schließlich sind Bauzeiten nicht nur technisch bedingt, sie hängen vor allem vom Umfeld ab.

"Nehmen wir einmal an, in Syrien würden fünf Anlagen errichtet", sagt der Ingenieur Uwe Neumann von der Firma Eisenmann, die Industrieanlagen in aller Welt baut. "So etwas gibt es nicht von der Stange, man müsste sie eigens konstruieren. Wir haben das schon gemacht; ich schätze, so eine Anlage, die 250 bis 300 Tonnen Waffen pro Jahr wegschafft, ließe sich innerhalb eines Jahres bauen. Im Idealfall. Da muss aber auch wirklich alles gut gehen." Nur geht in Syrien eben gar nichts gut.