Das Syrien-DramaAuch der Menschenrechtskrieg ist ein Krieg

Die Lage in Syrien wirft uralte Fragen auf: Darf man im Namen der Humanität töten? Kann Gewalt Gewalt beenden? von 

In der nordsyrischen Stadt Aleppo steigt über den Bezirken Hanano und al-Basha während nächtlicher Kämpfe Rauch auf (Archiv).

In der nordsyrischen Stadt Aleppo steigt über den Bezirken Hanano und al-Basha während nächtlicher Kämpfe Rauch auf (Archiv).  |  © Javier Manzano/AFP/Getty Images

Die großen Kriege sind vorbei; der letzte – Armee gegen Armee – fand vor dreißig Jahren zwischen dem Iran und dem Irak statt. Der Preis nach acht Jahren: eine Million Tote, darunter 17.000 durch Gas. Der "Gewinn": ein Patt. Im 21. Jahrhundert herrscht der Binnen-, der Bürgerkrieg ohne Fronten, Führer und Formationen. Die "Guten" und die "Bösen" gruppieren sich zum Vexierbild. Wer heute von den einen gemordet und "gesäubert" wird, nimmt grausame Rache, wenn das Kriegsglück sich dreht. Unsere Freunde von gestern – die Taliban – richten morgen die geschenkten Waffen gegen den Westen.

Eindeutig erscheint allein die humanitäre Pflicht, die Schutzverantwortung. Denn in diesem neuen Krieg bluten vor allem die Wehrlosen – ob in Ruanda, Srebrenica oder Darfur. Heute sterben sie in Syrien, wo die Kombattanten nur einen Bruchteil der Massakrierten ausmachen. Die moralische Abscheu könnte leidenschaftlicher nicht sein, doch die tätige Abhilfe hinkt weit hinterher. In Afrika hat die Welt nicht eingegriffen, auf dem Balkan erst im neunten Jahr des Krieges. Jetzt will sie es in Syrien tun, genauer: vielleicht, und dann wollen nur Amerika und Frankreich; der Rest der Nato, Deutschland ganz vorn, wünscht ihnen viel Glück. Warum verweigern die demokratischen Mächte die schreiende moralische Pflicht? Weil der Menschenrechtskrieg Krieg ist. Das ist keine platte Tautologie. Auch der "gute" Krieg gehorcht nicht zuvörderst der Moral. Der Maßstab ist im wahrsten Sinne ein rechnerischer. Die Fragen lauten:

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1. Welche Pflicht fordert/rechtfertigt wie viele Opfer aufseiten der Retter? 2. Welche Mittel können/wollen sie aufbringen? 3. Wie hoch sind die Erfolgsaussichten? 4. Wie lange können sie die Intervention durchhalten? 5. Müssen sie wiederkommen?

Gemessen an dieser Elle, wird klar, warum der Westen in Serbien und Libyen dennoch interveniert hat. Diese Einsätze waren einfach – für uns. Aus luftiger Höhe geführt, forderten die Bombenflüge keine eigenen Opfer. Die Dauer war kurz – Monate, nicht Jahre wie im Irak und in Afghanistan. Das Eskalationsrisiko tendierte gen null, denn es lauerten keine größeren Mächte ante portas – wie heute Russland und der Iran an der Seite Syriens. Libyen und Serbien waren isoliert; die Intervention war "billig", wiewohl nicht für Serbien, dessen Infrastruktur und Wirtschaft die Nato-Bomber zertrümmert haben.

Doch schon Serbien wirft jenseits der buchhalterischen eine moralische Frage auf: Wie viele Kosten darf der Retter der Bevölkerung des Gegners aufbürden? Etwas hässlicher formuliert: Wie inhuman darf der Retter sein, während er seine humanitäre Pflicht erfüllt? Wie weit darf die Feuerwehr das Haus zerstören, um den Brand zu löschen? Diese Frage wächst mit der Größe des "Hauses".

Wer die Assad-Diktatur fällen oder doch lähmen will (oder morgen das Sissi-Regime in Ägypten, das einen Massenaufstand in Blut ertränkt), zerschlage Stromversorgung, Kommunikationsanlagen, Fabriken und Brücken à la Serbien; noch besser: Raffinerien, Benzinlager, Flugplätze und Häfen. Und nimmt, Präzisionswaffen hin oder her, Abertausende von Ziviltoten in Kauf. Ignorieren wir aber solche apokalyptischen Rechnungen, bleiben wir bei "maßgeschneiderten", "begrenzten" und "abgezirkelten" Schlägen, von denen Obama mit Blick auf Syrien gesprochen hat. Der Vorteil liegt hier beim Westen – mit seinen "intelligenten" Abstandswaffen, die das eigene Risiko gen null drücken.

Wozu derlei Minikrieg, der bescheidener noch wäre als der gegen Serbien und Libyen? Um dem Schurken einen "Schuss vor den Bug" zu verpassen, den nächsten Gasangriff abzuschrecken? Die gerechte Strafe wäre nicht das Ende der humanitären Tragödie. Selbst wenn wir unterstellen, Assad nach seinem jüngsten Ausweichmanöver die C-Waffen nehmen zu können (wie macht man das eigentlich in einer Kriegszone so groß wie das halbe Deutschland), ändert sich nichts an der strategischen Lage. Streumunition und Artilleriesalven sind "effektiver" als Gas, und das Tabu wurde längst gebrochen: im Jemen (durch die Ägypter), im Irak-Iran-Krieg, im Irak selber (durch Saddam Hussein gegen das eigene Volk). Die Schutzverantwortung fordert viel, viel mehr. Wer den sechs Millionen Flüchtlingen wirklich helfen will, muss dreierlei herstellen: eine No-fly- und No-move-Zone im ganzen Land, dazu Schutzzonen zumindest an den Grenzen, die nicht allein durch Marschflugkörper gesichert werden können, sondern Bodentruppen erfordern.

Leserkommentare
    • europat
    • 13. September 2013 19:03 Uhr

    Die Vereinten Nationen werden in ihrem für kommende Woche erwarteten Expertenbericht den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien bestätigen. Das teilte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in New York mit. Auch wenn der UN-Bericht keinen Verantwortlichen für den Giftgasangriff nennen werde, warf Ban dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad zugleich "viele Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor".

    3 Leserempfehlungen
  1. Gestern abend kam auf ZDF eine interessante Debatte. Es war en zwei gegen zwei Pro/Contra Intervention in Syrien.

    Pro-Redner:
    - Sadiqu Al-Mousllie (Mitglied des oppositionellen syrischen Nationalrats)
    - Udo Steinbach (Islamwissenschaftler)

    Contra-Redner:
    - Jürgen Todenhöfer (Journalist, Autor)
    - Michael Lüders (langjähriger Nahostkorrespondent für DIE ZEIT, berater des auswärtigen Amtes)

    Das muss man sich echt mal anschauen. Der Pressesprecher der US-freundlichen syrischen Kampfbrigaden und der transatlantische Hardliner Steinbach, sind argumentativ sowas von untergegangen. Ständig wurden Umfragen gemacht über Telefon und Internet und am Schluss waren über 2/3 gegen die Intervention.

    Hier entweder Highlights oder ganze Sendung ansehen:

    http://debatte.zdf.de/

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    • gokahe
    • 13. September 2013 20:51 Uhr

    zu empfehlen
    http://www.nachdenkseiten...
    Zu den(wahr und hier u. besonders heute nachvollziehbaren) Behauptungen dort, der sehr einseitigen Berichtserstattung(Eingreif(Kriegs)forderung in den deutschen Medien im Gegensatz zu Österreich/Schweiz ja sogar zu amerikanischen Medien, den englischsprachigen sowieso, eine Stellungnahme von Zeitonline/Joffe ist, ich weiß sehr realitätsfremd. Die Diskussion, das Interview(Link) ist aber auf jeden Fall interessant.

    Worte beider Seiten. Auf Seiten der Kriegstreiber stachen "Diktator" und "Kinder" hervor.

    Wenn Politiker das Wort "Kinder" auch nur in den Mund nehmen, kann man sicher sein, dass sie lügen.

    Steinbach auf die Frage eines Zuschauers, wofür wir uns eigentlich nach dem Krieg den internationalen Regeln und Gesetzen unterworfen haben (~32:00).

    Sensationelle Antwort für einen Staatsrechtler, finde ich, besonders so ab etwa 33:05...

  2. ...auch gleich das Land übernehmen und "zivilisieren". Hat damals funktioniert und ist der Grund warum einige Nationen weiter kamen und andere nicht.
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Die Redaktion/ls

    5 Leserempfehlungen
  3. ... einen Grund, einen Zwang zum Krieg herbeischreiben will, ungeheuerlich.

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    • Tubus
    • 13. September 2013 19:36 Uhr

    "Wie Herr Joffe hier auf Biegen und Brechen ...
    ... einen Grund, einen Zwang zum Krieg herbeischreiben will, ungeheuerlich"

    In der ganzen Weltgeschichte wurde noch kein Krieg für Humanität geführt, aber viele unter dem Vorwand der Humanität! Oder für das Seelenheil der Heidenkinder, oder für Gott und Allah und die Gerechtigkeit und wie die gesamten hohlen Versatzstücke alle heißen!

    Wenn es eine "Verantwortung zu Beschützen" gibt, was sit dann mit den anderen Ländern in den auch Rebellen von der Regirung beschossen und unterdrükt werden ?

    Ist es bei einer Verantwortung nicht fast schon von den Unterdrükten einklagbar das man hilft ?

    Nur wir wollen ebend nur da helfen von wo aus grad facebook mit bilder versorgt wird weil uns alle andere Konflikte nicht interessieren und nicht in der Nachrichten vorkommen.

    Aber was ist mit BArein, das ja auch demonstranten mit Militärischen truppen unterdrükt hat, oder Saudi-Arabien wo ebenfalls Demonstranten unterdrükt werden, oder all den Afrikanischen Ländern in denen grad Bürgerkriege herrschen ?

    Wir reden immer toll von einer Verantwortung die wir übernehmen sollten in Syrien, nur klammern dann auch gleich aus das uns all die anderen Länder interessieren.

    Also kann man eher von einen "Grund für die Intervention" ausgehen den wir immer dann vorzeigen wenn wir keine andere Argumente mehr haben.

    Als es im Irak klar war das man kein Giftgas finden würde, und dasn man micht als befreier wilkommen war, und das man keine Nuklearwaffen finden konnte, und das ebend doch keine Verbindung zum9/11 herzustellen war, kahm ja auch das Argument das wir dem Volk helfen sollten und so verflichtet waren den Krieg zu führen. Was voeher nch nicht mal erwähnt wurde, oder nur als angehängtes Argument benutzt wurde.

    • Anarion
    • 13. September 2013 22:39 Uhr

    Na also dieser Artikel ist jetzt kein Aufruf zum Krieg, er stellt nur, meiner Meinung nach, sehr gut die missliche Lage dar und was der Haken an diesen "militärischen Interventionen" ist. Er zeigt sehr gut dass Dilemma in dem sich die UNO und die Weltengemeinschaft seit Wochen befindet. In seiner Analyse beschränkt er sich nur auf den Krieg und lässt die Diplomatie außen vor, das stimmt.

    ...was mich, da ich seine typischen Artikel kenne, zwar wundert, aber er ist hier weit weg von seiner normalen naiven Kriegsrethorik.

    Das man dem Morden in einem Bürgerkrieg ein Ende setzen möchte ist ja verständlich, aber Herr Joffe zeigt eben die Kosten auf:
    - Jahrzentelange Besetzung des Landes mit gigantischen Truppenmengen (ca. 1 Infanterist je 100 Einwohner) um ALLE Bürgerkriegsparteien davon abzuhalten sich weiter an die Gurgel zu gehen.
    - In Syrien wären das ca. 220.000 Infanterist, jeder davon kostet im Jahr 500.000$
    -> 110 Millarden $ pro Jahr, jedes Jahr 30 Jahre lang

  4. 5. [...]

    Kommt jetzt schon täglich ein pro-Krieg Artikel von Herrn Joffe?

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    28 Leserempfehlungen
    • cipoint
    • 13. September 2013 19:27 Uhr

    Sofort alle Waffenlieferungen nach Syrien stoppen, ob legal oder illegal. Alle Söldner aus Syrien rausschmeißen. Giftgas unter Aufsicht bringen, den US-Amerikanern einen Angriff verbieten. Jegliche Gewalt, von wem auch immer, unterbinden. Dann alle Parteien an einen Tisch bringen und verhandeln.

    Dass dies nicht gemacht wird, liegt lediglich daran, dass es den meisten (wenn nicht allen) Teilnehmern an diesem Konflikt nicht um Frieden geht.

    8 Leserempfehlungen
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    Zitat:
    "Sofort alle Waffenlieferungen nach Syrien stoppen, ob legal oder illegal."
    - das wäre sicher irgendwie machbar aber..

    "Alle Söldner aus Syrien rausschmeißen".
    - Wie soll das bewerkstelligt werden? Mit einer unbewaffneten Opposition? Durch allierte Bodentruppen?

    "Giftgas unter Aufsicht bringen"
    - Wer soll das machen? Das Regime selbst? Die Opposition? Die Amerikaner? Die UNO? Und was wenn es dazu kommt das die "Kontrolleure" beschossen werden würden? Wer sichert deren Schutz?

    "den US-Amerikanern einen Angriff verbieten"
    - Ja ist klar, verbieten....

    "Jegliche Gewalt, von wem auch immer, unterbinden".
    - Indem sie Blümchen an alle verteilen? Indem Sie ein wenig Hesse oder Todenhöfer zitieren? Indem Sie Pornos verteilen?

    "Dann alle Parteien an einen Tisch bringen".
    Und wenn die gar nicht wollen? Wenn Sie es wollten hätte es ja Zeit für Gesprächsangebote schon geben oder nicht? Ja, und warum wollen die nicht verhandeln? Weil man mit Diktatoren nicht verhandelt !

    Ihre windelweiche Argumentation ermöglicht es IMMER dem, der Gewalt ausübt, es immer wieder zu tun weil er weiß das er nach all dem Morden noch lieb und nett bei Kaffee und Kuchen an den Verhandlungstisch gebeten wird.

    Es kann doch nicht sein das man dem Täter am Ende auch noch den Hintern pudert. Das ist aber wohl eine typisch deutsche Einstellung.
    Immer die moral Hochhalten, immer den Zeigefinger aber wehe es geht ums eigene Geld resp. den eigenen Arsch. Doppelmoral at its best.

  5. KEINE Intervention ist die einzige Lösung. Kein Krieg im Namen der Humanität. Als was sich ein solcher IMMER entpuppt: siehe Vietnam, siehe Irak, siehe Afghanistan.
    Und hören sie endlich mit der Kriegshetze auf.

    24 Leserempfehlungen
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    fuehrte letzlich dazu, das Leute wie Sie, heute so etwas schreiben koennen/duerfen und sollen...
    Die Geschichte dafuer als Zeugen aufzubieten und dabei die des eigenen Landes vergessen...

    in Syrien herrscht Krieg. Nicht gerade erst, sondern schon seit zwei Jahren.

    Die Schuldfrage ist relativ einfach: Assad hatte keine Lust zurückzutreten und wie weiland sein Vater fing er auf alles an zu schießen, was seinen Rücktritt forderte.
    Assad hat kein Recht dieses Land zu regieren. Er regiert nicht für, sondern gegen das Volk. Er unterdrückt jegliche Opposition und wird dafür auch noch von vielen hier gelobt. Wer gegen den Diktator agiert, hegt natürlich nur finstre Absichten.

    • Dieterf
    • 13. September 2013 19:34 Uhr
    8. Tragik

    Das Tragische in der gegenwärtigen Situation ist, dass die führenden Köpfe der militärisch stärksten Nation offenbar nicht intelligent genug sind, die in dem vorliegenden Artikel vorgelegten Argumente und Abwägungen zu verstehen, nachzuvollziehen und danach zu handeln. Der Glaube an die moralische Verantwortung und Überlegenheit der USA behindert auf geradezu tragische Weise ihr Denkvermögen.

    Das ist natürlich noch die am wenigsten kritische Interpretation. Eine weniger rücksichtsvolle Deutung lautet: sie sind vielleicht intelligent genug, aber sie heucheln massiv, um ihre wahren Machtinteressen zu vertuschen.

    Ein Beispiel der totalen Unfähigkeit, eine Krisensituation wie die in Syrien zu durchdenken, findet man leider auch in Nicht-Regierungskreisen. Ich meine den unsäglich naiven Artikel von Eric T. Hansen in der heutigen Zeit-Online-Ausgabe.

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  • Schlagworte Krieg | Afghanistan | Bürgerkrieg | Intervention | Syrien | USA
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