Liselotte Schebek sieht häufig Dinge, die andere Menschen nicht sehen. Die Professorin am Fachbereich Bauingenieurwesen der TU Darmstadt steht in ihrem hellen Büro am Fenster, fährt über den Rahmen und sagt: "Das ist nicht einfach nur ein Fensterrahmen. Das ist ein Rohstofflager." Von Metall in diesem Fall. Sie deutet auf mehrere Steckdosen im Raum: "In Bürogebäuden laufen besonders viele Leitungen durch die Wände." Das Kupfer, das man daraus gewinnen könnte, kostet heute schon mehr als 5.000 Euro pro Tonne. Tendenz steigend.

Die Preise für Rohstoffe sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, der Kupferpreis etwa hat sich allein in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. Angesichts der Rohstoffknappheit in der Natur wird die Stadt zu einer wichtigen Quelle für seltene Stoffe. Alte Gebäude, aber auch Leitungen, Schienen, Brücken, Autos, Deponien, eben alles, was nicht mehr gebraucht wird, soll wieder möglichst vollständig "abgebaut" werden. Ingenieure haben einen treffenden Namen dafür gefunden: Urban Mining. Die Stadt als Rohstoffmine.

"Man braucht nur die Augen richtig aufzumachen, dann sieht man, welch ein riesiges Lager an wertvollen Materialien jede Stadt ist." Liselotte Schebek ist 55 Jahre alt, hat wache Augen und hat sich einen Elan bewahrt, den man sonst eher von hoch motivierten Neulingen kennt. Das enorme Potenzial des Urban Mining ist den meisten Experten zwar seit Längerem bewusst. "Aber bislang weiß man noch nicht genau genug, was wo drin ist und wie man es gut herausholen kann", sagt Liselotte Schebek. Seit April ist sie nun dabei, das zu ändern.

In den nächsten zwei Jahren will Schebek mit mehreren Partnern in einem Forschungsprojekt die Industriegebäude im Rhein-Main-Gebiet erfassen und auf ihre Rohstoffe hin untersuchen, insgesamt 2450 Quadratkilometer hat sie vor sich, darunter 75 Kommunen und die Städte Frankfurt und Offenbach, eine Fläche fast dreimal so groß wie Berlin. Es ist eine Inventur aller Schätze, die hier in den Krankenhäusern, Bürogebäuden und Lagerhallen verbaut sind.

Wie geht man ein solches Mammutprojekt an?

Am Anfang aus der Vogelperspektive, sagt die Professorin. Wenn man die Nadeln im Heuhaufen sucht, dann muss man erst einmal den Heuhaufen kennen. Wo sind Industriestandorte, wie groß sind sie, wann wurden die Gebäude gebaut – alle diese Informationen versucht sie zusammenzutragen, anhand von Karten, Statistiken, Daten aus den Katasterämtern. Gemeinsam mit zwei Kollegen aus der Universität und mit Partnern aus der Wirtschaft wie etwa dem Autohersteller Opel und Immobilienfirmen.

Danach beginnt der zweite Schritt: die Schatzsuche in der Stadt. Eine Checkliste in der Hand, wird Liselotte Schebek dann mit ihrem Team durch verlassene Fabrikhallen gehen, durch voll belegte Krankenhäuser und in Bürogebäuden an die Türen der Angestellten klopfen, um ihre Bestandsaufnahme zu machen: Aus welchem Material sind die Fenster, die Innenwände, die Fassaden, wie viele Leitungen laufen in der Wand? Es ist Feldforschung für Ingenieure.

Im Laufe der Zeit, so glaubt die Professorin für Bauingenieurwesen, wird sich eine Art Typologie der Industriegebäude herauskristallisieren, die sich auf ganz Deutschland übertragen lässt: Jedes Bauwerk könnte dann nach seiner Art, dem Baujahr und der Funktion einem bestimmten Typ von Industriegebäude zugeordnet werden, zu dem man Informationen über die darin enthaltenen Rohstoffe hat.

Wenn dann in Zukunft ein Industriegebäude, das meist einen kurzen Lebenszyklus von gerade einmal 20 bis 30 Jahren hat, abgerissen werden soll, können Inhaber und Abrissunternehmen aus den gesammelten Informationen ableiten, wie sie die wertvollen Materialien wieder herausbekommen und weiterverwerten können. "Wir geben den Rohstoffen ein neues Zuhause." Liselotte Schebek lächelt zufrieden.

Vor allem in der Wirtschaft stößt ihr Projekt auf wachsendes Interesse. Der Grund: Das Thema passt nicht nur zur Nachhaltigkeitsbewegung – es zahlt sich wegen der steigenden Rohstoffpreise auch wirtschaftlich zunehmend aus.

Die Zukunft, so glaubt sie, gehöre Urban Mining. "Das Thema wird von der Konstruktion über die Nutzung bis hin zum Abriss jedes Gebäudes eine Rolle spielen. Und damit im Grunde jeden Ingenieur betreffen, der in der Baubranche arbeitet", sagt Schebek.

Sie kann sich gut vorstellen, dass von neu errichteten Gebäuden in Zukunft schon beim Bau die Menge der in ihnen verarbeiteten Materialien festgehalten wird. So könnte jedes Bauwerk eine Art Rohstoffpass haben, der Auskunft gibt. Aber das ist Zukunftsmusik. "Erst einmal müssen wir alles erfassen, was wir haben", sagt Liselotte Schebek. In zwei Jahren dann will sie zusammen mit ihren Kollegen ein Ergebnis präsentieren: eine Rohstoffschatzkarte der Rhein-Main-Region.