Verlag Gruner + Jahr"Unheimlich, wie groß die Welle wurde"

Vor einem Jahr war Stephan Schäfer unbekannt. Jetzt führt er den Verlag Gruner + Jahr in einen Umbruch. Ein Gespräch über Aufstieg, Wandel – und eine persönliche Krise von  und

Der Mann hat geschafft, woran wenige glauben und viele scheitern. Stephan Schäfer (39) hat in Serie bewiesen, dass Internet und digitaler Wandel nicht überall zum Niedergang gedruckter Zeitschriften führen müssen. Seit 2009 ist er Chefredakteur von Lifestyle-Titeln wie Schöner Wohnen und essen & trinken gewesen, von Häuser, Couch und zuletzt gleichzeitig auch von Brigitte. Immer schneller ging es nach oben, und wo er war, stiegen die Auflagen und die Anzeigenerlöse. Seitdem gilt er als "Jahrhundert-Chefredakteur", aber ihn begleiteten auch Vorwürfe, er gebe den Interessen von Anzeigenkunden zu leicht nach. Im April rückte er in den Vorstand des Hamburger Großverlags Gruner + Jahr auf. Ist er nun derjenige, der eine Balance zwischen Zeitschriften und digitalen Geschäftsmodellen schafft? Und wie passt der radikale Umbau des Verlags dazu, den er mit erdacht hat?

DIE ZEIT: Herr Schäfer, Sie haben den Titel "Produkt-Vorstand". Den hat es in einem Zeitschriftenverlag noch nicht gegeben. Haben Sie den Titel selbst erfunden?

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Stephan Schäfer: Nein. Er mag sperrig sein, aber das beschäftigt mich nicht weiter. Wir haben so viel vor uns, stehen am Beginn einer großen Veränderung ...

ZEIT: Soll der Titel nicht einfach nur kaschieren, dass Sie einen Zeitschriftenverlag entkernen? Sie haben gerade den größten Umbruch der Verlagsgeschichte verkündet.

Schäfer: Nein, natürlich nicht. Richtig ist, dass wir heute bei Gruner + Jahr vor allem in Zeitschriften denken. Da kommen wir her, damit sind wir sehr erfolgreich. Aber wir müssen dieses Modell radikal weiterentwickeln.

ZEIT: Weil Ihr Verlag im vergangenen Jahr zum ersten Mal einen Verlust gemacht hat? Muss man deshalb gleich radikal werden?

Schäfer: Wir betreiben ein hochprofitables Geschäft. Unsere Magazine in Deutschland erwirtschaften alle Gewinne, einige steigern sogar Auflagen und Anzeigenerlöse. Aber klar, wir befinden uns als Branche insgesamt in einem Strukturwandel. Ich finde allerdings: Wir machen megatolle Zeitschriften, dabei sollten wir bleiben – und künftig auch tolle Angebote auf viel mehr Plattformen machen. Die Produkte dort müssen so gut sein, dass Menschen dafür Geld ausgeben.

ZEIT: Künftig stehen in Ihrer Unternehmensstruktur "Communities of Interest" im Mittelpunkt. Klingt, als hätten es Unternehmensberater erfunden.

Schäfer: Wir brauchen für unsere Strategie keine Unternehmensberater, sondern transformieren Gruner + Jahr von einem Zeitschriften- zu einem Inhalte-Haus. Hochwertige Inhalte haben eine Zukunft, davon sind wir überzeugt, jetzt müssen wir die Chancen der Digitalisierung nutzen. Aber wir setzen auch künftig auf Zeitschriften und investieren in bestehende Titel und in neue.

ZEIT: Und was hat es nun konkret mit den "Communities of Interest" auf sich?

Schäfer: Wir haben auf Basis unserer bestehenden Marken und Titel acht Interessensgebiete – "Communities of Interest" – definiert, nach denen wir das deutsche Print- und Digitalgeschäft ausrichten. Sie heißen Family, Living, Food, Wissen, Women, People & Fashion, News und Wirtschaft & Special Interest. Der stern ist beispielsweise News zugeordnet. Transformation bedeutet, wir denken radikal in Inhalt, wir orientieren uns kompromisslos an den Interessen unserer Leser und Nutzer. Und aus diesem Denken leitet sich die Organisation ab.

ZEIT: Steckt auch eine unternehmerische Idee hinter diesen Schlagworten?

Schäfer: Bei unserer Food-Community sind wir heute am weitesten: Der Kern sind unsere Zeitschriften, wie essen & trinken, Beef! und viele mehr, und wir betreiben die Online-Community chefkoch.de. Hier kommen die Rezepte von den Nutzern – wir stellen die Plattform bereit. Deshalb kennen wir viele Bedürfnisse unserer Leser und unserer Nutzer im Internet. Jetzt wollen wir noch einen Schritt weitergehen. Vor Kurzem haben wir uns bei Delinero beteiligt, einem Onlinehändler für hochwertige Lebensmittel. Wir reden hier über neues Geschäft im Kontext unserer Inhalte, das über die Kreation und Vermarktung derselben hinausgeht: durch Handel und Dienstleistungsgeschäfte.

ZEIT: Was bleibt von dem, wofür Gruner + Jahr vor allem stand – unabhängigen Journalismus?

Schäfer: Alles! Magazine wie stern, Geo und Capital stehen für exzellente Berichterstattung, für großartige Reportagen, klasse Interviews. Warum sollten wir das ändern?

Leserkommentare
    • wawerka
    • 22. September 2013 9:26 Uhr

    ..."megatolle Zeitschriften" aufgehört zu lesen. Wer "megatoll" sagt, sagt auch ernsthaft "supi" und mag beruflich erfolgreich sein, Interessantes mitzuteilen, hat er hingegen nicht. Zumindest für mich Interessantes nicht.

    Eine Leserempfehlung
  1. und auf der anderen Seite werden 200 Digitalspezialisten gesucht, die es so offensichtlich auf dem Arbeitsmarkt nicht gibt. Würde man diese 2 Probleme zusammen führen, dann hätte man vielleicht eine Lösung?
    Natürlich müssen Veränderungen und Weiterentwicklungen in den Unternehmen sein. Nur dass es so oft gegen die alte Belegschaft läuft , dass muss nach meiner Meinung nicht so sein. Denn das Produziert ja auch Widerstände gegen einen an sich positiven Vorgang.
    Heute ist nicht Weihnachten ,trotzdem wünsche ich mir auch in solchen Fragen mehr Mitmenschlichkeit,Kreativität und Mut solche Aufgaben nicht gegen Mitarbeiter "durchzudrücken"

    Eine Leserempfehlung
  2. zu sehen das der Vorstand eines deutschen Verlages seinen Umbruch nur mit Hilfe von Anglizismen kommunizieren kann. Armes Deutschland.

    MfG

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