Schon die Geschichte hinter der Geschichte mutet unglaublich an. Im Jahr 2000 stöberten Freizeitarchäologen auf der Suche nach einer Burganlage mit Metalldetektoren in einem Wald am Harzhorn, einem Bergrücken südwestlich des Harzes. Dabei stießen sie auf ein rätselhaftes Eisenobjekt, nicht größer als eine Hand oder ein Fuß. Die Finder hielten das Gebilde für einen mittelalterlichen Kerzenleuchter. Erst acht Jahre später geriet ein Foto davon in ein Internetforum, und nach wenigen Minuten deutete sich eine Sensation an. Ein Kenner schrieb, der vermeintliche Leuchter sei nichts anderes als eine römische Hipposandale – ein Hufschutz für Tragtiere in unwegsamem Gelände.

Die Annahme bestätigte sich. Doch dies ließ das Rätsel nur größer werden: Wie kam ein solches Relikt des römischen Heeres in eine Landschaft mitten im tiefsten Germanien, fernab der römischen Provinzen? Im Juni 2008 begann eine umfassende Begehung des Fundortes mit Metallsonden. Das Ergebnis war überwältigend. Die Archäologen entdeckten die Reste eines antiken Schlachtfeldes. Hier musste es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den Römern und den Ureinwohnern gekommen sein. Münzfunde und eine Radiokohlenstoffanalyse ermöglichten eine überraschende Datierung: die Zeit zwischen 233 und 238. Damit stand fest, dass rund 225 Jahre nach der Varusschlacht ein schlagkräftiges römisches Heer mitten in Germania Magna aufmarschiert war.

Davon wusste man fast nichts. Lediglich der griechische Historiograf Herodian und die Historia Augusta, eine spätantike Sammlung von Kaiserviten, berichten in dürren Worten von einem Feldzug zu jener Zeit. So sei Kaiser Maximinus Thrax von Mainz aus ins Innere Germaniens vorgedrungen und habe dort eine siegreiche "Schlacht im Sumpf" geschlagen. Allerdings hatten Historiker diese Quellen bis dahin nie ernst genommen: Vor allem die Historia Augusta gilt als Sammelsurium von Räuberpistolen.

Doch nach wenigen Grabungstagen war die Bedeutung des Fundes klar. Relikt um Relikt einer dramatischen Begegnung zwischen römischen Soldaten und germanischen Kriegern kam an die Oberfläche. Das Spektrum der in den vergangenen fünf Jahren gesicherten gut 2.700 Objekte reicht von Schuhnägeln bis hin zu überraschenden Funden wie den Resten eines Kettenhemdes. Nicht nur wegen der Menge, sondern auch aufgrund der über Jahrhunderte fast unveränderten Lage der Objekte gilt der Wald am Harzhorn inzwischen als eines der am besten erhaltenen antiken Schlachtfelder weltweit.

Jetzt hat sich das Braunschweigische Landesmuseum unter Leitung von Heike Pöppelmann der spektakulären Entdeckung angenommen und zeigt in einer großen Sonderausstellung erstmals die wichtigsten Funde. Die militärischen Ereignisse sind dabei eingebettet in eine größere Erzählung, die sich den Beziehungen zwischen Römern und Germanen in den ersten zweieinhalb Jahrhunderten der Kaiserzeit widmet.

So schildert gleich der erste Saal neben Krieg, Kampf und Gewalt auch Beispiele friedlicher Koexistenz und einer umfassenden – freilich eher einseitigen – kulturellen Beeinflussung. Dazu gehört als besonders kurioses Ausstellungsstück die Grabbeigabe eines germanischen Fürsten, die in Sachsen-Anhalt gefunden wurde. Der Verstorbene war mit einem winzigen Hund bestattet worden. Offenbar hatte der Germane genug von jenen molosserartigen Ungetümen, die zur Jagd, mitunter sogar in der Schlacht dienten, und orientierte sich stattdessen an Rom, wo längst der Schoßhund Mode war.