Man durfte gespannt sein, wie die IG Metall diese Chance nutzen würde. Sie hatte Bernard Meyer, dem Chef der Meyer Werft in Papenburg, ein weitreichendes Zugeständnis abgerungen, als der renommierte Unternehmer plötzlich als mieser Arbeitgeber am Pranger stand. Er sagte zu, einen speziellen Haustarifvertrag abzuschließen, an den sich bis dahin noch niemand herangetraut hatte.

Zwei rumänische Arbeiter waren bei einem Brand in ihrer Unterkunft ums Leben gekommen. Mit den Arbeitsbedingungen auf der Werft hatte das erst einmal gar nichts zu tun. Doch genau die gerieten trotzdem in den Fokus. Die beiden Arbeiter waren nämlich über einen Werkvertrag ins Unternehmen gekommen. Und viele dieser Werkverträge haben inzwischen einen miserablen Ruf. Sie stehen im Verdacht, missbraucht zu werden, um die Sozialstandards zu drücken. Auch fürs Lohndumping bieten sie Firmenchefs ein hilfreiches Instrument.

Nun zählt Bernard Meyer nicht zu jenen Unternehmern, die keinerlei Verantwortung kennen. Ganz im Gegenteil. Er hält viel von Sozialpartnerschaft, lobt Gewerkschaften und seinen Betriebsrat. Bernard Meyer hat nur einen Fehler gemacht: Er hat die Freiheiten auf dem Arbeitsmarkt allzu sorglos genutzt.

Werkverträge sind nichts Illegales und im Schiffbau seit Jahrzehnten notwendig und verbreitet. Die Elektrik, Küchen oder Klimaanlagen müssen von Fachleuten installiert werden. Und die kommen von anderen Firmen – per Werkvertrag. Allerdings hat die Meyer Werft inzwischen auch ganz normale Schiffbauer oder Schweißer von Fremdfirmen an Bord. Und hier beginnen die Probleme. Wie unterscheidet man einen richtigen von einem falschen Werkvertrag? Und unter welchen Bedingungen müssen die Menschen arbeiten?

Statt der 8,50 Euro, wie ein Vertreter des betroffenen Personaldienstleisters in diesem Fall behauptete, sollen etliche Arbeiter nur 3 bis 4 Euro pro Stunde bekommen haben. Eine spezielle Arbeitsgruppe untersucht das derzeit ebenso wie den Hinweis, dass womöglich massiv gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen wurde.

Für all das trägt die Meyer Werft – dank Werkvertrag – formal keinerlei Verantwortung. Denn Arbeitgeber der ausgebeuteten Menschen sind andere Firmen. Nicht selten handelt es sich dabei um ein undurchsichtiges Geflecht von Subunternehmen. Deshalb herrscht das Prinzip der kollektiven Verantwortungslosigkeit. Bernard Meyer hat es fast seinen guten Ruf als Arbeitgeber gekostet.

Deshalb sagte er zu, einen Haustarifvertrag zu unterschreiben, der den Missbrauch von Werkverträgen eindämmen soll. Das Regelwerk liegt seit Beginn der Woche vor. Es ist bahnbrechend, weil es einen solchen Vertrag noch nirgends gibt, bleibt aber auf halbem Wege stecken.

Zwar bekommt der Betriebsrat mehr Kontroll- und Mitwirkungsrechte, wenn es um Werkvertragler geht, was nicht zu unterschätzen ist. Von tatsächlicher Mitbestimmung aber ist nicht die Rede. Stellt das Gremium Probleme fest, darf es eine Arbeitsgruppe informieren, die "schnellstmöglich zu tagen" hat.

Die Werft selbst soll dafür "Sorge tragen", dass die Subunternehmer dazu verpflichtet werden, einen Mindestlohn von 8,50 Euro zu zahlen. Einstehen muss sie dafür nicht. Mit anderen Worten: Der gute Wille ist da, das Prinzip der Verantwortungslosigkeit aber bleibt. Und damit auch die Gefahr, dass selbst seriöse Unternehmer ins Zwielicht geraten.

Angesichts der halbgaren Lösung gibt sich die IG Metall denn auch bescheiden. Mit Tarifverträgen allein sei der Missbrauch von Werkverträgen nicht zu stoppen, heißt es dort. Notwendig seien gesetzliche Regelungen zum Mindestlohn, eine klare Abgrenzung zwischen Werk- und Scheinwerkverträgen sowie eine echte Mitbestimmung der Betriebsräte.

Wer nicht möchte, dass die an sich sinnvollen Werkverträge vollends in Verruf geraten, der muss diesen Forderungen zustimmen. Die Regierung sollte das Thema ganz oben auf ihre Agenda setzen.