Ausstellung "Faceless" Wien Zeige nichts von dir

Wie kann man sich im öffentlichen Raum der Überwachung entziehen? Eine Ausstellung in Wien. von Andrea Heinz

Wie viele Gesichter hat ein Mensch? Und wie viele dieser Gesichter gehören ihm noch, wenn Kameraaugen ihn ableuchten, biometrisch erfassen und zu Erkennungsdiensten heranziehen? Die Reaktion vieler Menschen auf diese Art von Gesichtsraub: Sie verbergen sich.

In einer zweiteiligen Ausstellung in Wien zeigt der in Belgrad geborene Künstler Bogomir Doringer einige der neuen Strategien des Wegduckens und Abtauchens. In der Werbung, im Internet, auf Plattencovern, aber auch in bildender Kunst oder auf Laufstegen, überall entdeckt er Menschen, die Maske tragen oder sich auf andere Weise gesichtslos machen. Eine Gegenbewegung zum herrschenden Individualisierungsimperativ scheint sich abzuzeichnen. Auf die Forderung "Werde eine unverwechselbare, widerspruchsfreie Version deiner selbst und stehe mit deinem Antlitz dafür" reagieren viele Menschen mit Verhüllung; als wollten sie sich nicht mehr auf das eine Bild von sich selbst festschreiben lassen.

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Doch abseits eher individueller Befindlichkeiten gibt es auch eine politische Dimension: Für Doringer war das Verschwinden der Gesichter aus dem öffentlichen Raum vor allem eine Reaktion auf den 11. September und die gewaltige Überwachungstätigkeit (nicht nur) der USA. "Wenn du etwas verändern willst, geht das nur ohne Gesicht", folgert er. Tatsächlich sind Pussy Riot oder die als Guy Fawkes maskierten Occupy-Protestler lediglich die prominentesten Beispiele dafür, dass in einer Überwachungsgesellschaft Widerstand nur möglich ist, wenn man sich, soweit es geht, unkenntlich macht. Und dass wir in einer solchen leben, das dürfte spätestens seit den jüngsten NSA-Enthüllungen jedem klar sein.

Der zweite Teil der Schau Faceless, der Ende September eröffnet wird, reagiert genau auf diesen eher praktischen Aspekt. So macht etwa der amerikanische Künstler Adam Harvey mit seinem Privacy Gift Shop Station in Wien. Gemeinsam mit der Modedesignerin Johanna Bloomfield kreiert er sogenannte Stealth Wear: Kleidung, die vor Überwachung schützt. Der Anti-Drone Scarf etwa, an den muslimischen Schleier erinnernd, hat eine Metallschicht, die gegen Wärmebildtechnik abschirmt, damit einen zum Beispiel Drohnen nicht erkennen.

Ausstellung "Faceless part II"

Die Ausstellung läuft bis zum 24. November in der Reihe "Freiraum Quartier 21 International" im Museumsquartier Wien, Eintritt frei, www.quartier21.at

Der Künstler Zach Blas wird mit seinem Projekt Facial Weaponization Suite zu sehen sein. Er entwirft Masken, die Gesichtszüge vieler Menschen zu einem amorphen Gebilde vereinen und so jede biometrische Erkennung ad absurdum führen. Und Aram Bartholl erklärt in How to Vacuum Form, wie man eine Guy-Fawkes-Maske selber herstellen kann. In begleitenden Workshops können die nach Privatsphäre gierenden Besucher ebenso wie jene, die eine Revolution starten wollen, sich Frisuren- und Make-up-Tipps holen. Das ist kein Scherz, sondern eine neue Form von Kunst – die der Tarnung.

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Leserkommentare
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  • Schlagworte Kunst | Drohne | Künstler | Privatsphäre | Überwachung | Wien
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