Beppe Grillo empfängt in seiner Villa am Meer in der Nähe von Celina. Er zeigt sich als guter Gastgeber, der seinem Gast viel Zeit schenkt und ihn zu einem Bad im Meer einlädt. Grillo selbst geht nicht ins Wasser. Er wartet am Strand, und sofort sammeln sich Badegäste um ihn: "Beppe, bist du das? Du bist ein Großer!"

DIE ZEIT: Herr Grillo, stürzt die Regierung in Italien?

Beppe Grillo: Italien ist das Land, in dem man nie etwas sicher weiß. Wir haben eine Verfassung, bei der man einen Experten von links und einen von rechts braucht, um sie zu verstehen, mit dem Resultat, dass man sie nie versteht. Ich will sagen: Hier kann alles geschehen, aber die Leute ertragen es nicht mehr. Halb Italien steht unter Wasser, die kleinen Unternehmen, die Jugend, die ohne Arbeit ist. Unser Problem ist: Wir haben 19 Millionen Pensionäre und fast 5 Millionen staatliche Angestellte; ein Teil von ihnen wählt Berlusconi, ein anderer Teil die Linksdemokraten (PD). 50 Prozent der Wahlberechtigten gehen nicht zur Wahl, und 50 Prozent von denen, die zur Wahl gehen, wissen nicht, was sie wählen sollen oder was ihre Wahlentscheidung bedeutet. Man müsste denjenigen, die zur Wahl gehen, ein Examen abverlangen: Was ist eine Verfassung, wovon handelt sie, wie viele Kapitel hat sie, was ist ein Strafgesetzbuch, was ist die Pressefreiheit – also das Wissen über drei, vier Sachen, das ihnen das Recht zum Wählen gibt; andernfalls verliert das Wahlrecht seinen Sinn. Wir sind, glaube ich, das am schlechtesten informierte Volk Europas, wir sind wieder im Mittelalter angekommen.

ZEIT: Ihre Fünf-Sterne-Bewegung war der Überraschungssieger bei den italienischen Wahlen im Februar. Sie hätten die Regierung mitbestimmen können. Aber Sie haben es nicht getan – warum?

Grillo: Wenn man mit einer Bewegung sprechen will, geht man zu ihrem Führer. Das hat Pier Luigi Bersani (ehemaliger Chef der PD) nie getan. Das war ein Mangel an Respekt, weil wir, was die Zahl der Stimmen angeht, die stärkste Bewegung in Italien sind – wenn man bei den anderen die Koalitionspartner abzieht. Stattdessen hat er versucht, elf Senatoren von uns zum Überlaufen zu bewegen, um so regieren zu können. Die PD wird nicht von Guglielmo Epifani (jetziger Parteichef) oder sonst einer Parteigröße geführt, sondern von Staatspräsident Giorgio Napolitano.

ZEIT: Sie meinen, der Staatspräsident Italiens ist der heimliche Führer der PD?

Grillo: Wie viele andere war er davon ausgegangen, dass die Fünf-Sterne-Bewegung die bürokratischen Hindernisse nicht überwinden würde, um zu den Wahlen anzutreten. Er glaubte, dass die PD die Wahlen gewinnen würde. Als die Fünf-Sterne-Bewegung mit 25 Prozent der Stimmen aus den Wahlen hervorging, zogen Napolitano und die ihm verbundenen Genossen die Reißleine. Wir hatten Stefano Rodotà als Staatspräsidenten vorgeschlagen – einen Mann, der immerhin zu den Gründungsvätern der Linksdemokraten gehört. Hätte die PD Rodotà als Kandidaten akzeptiert, wäre eine Einigung möglich gewesen.

ZEIT: Haben Sie selbst mit einem Wahlerfolg gerechnet?

Grillo: Zunächst nicht. Aber als ich mit meinem Camper durch ganz Italien fuhr, zu den kleinen Unternehmern in Venetien, zu den Stahlarbeitern in Apulien und den Fischern in Sizilien, und bei diesen Wahlkampfauftritten die Massen auf den Plätzen sah, häufig 10.000 Menschen – und ich habe eine gewisse Erfahrung darin, die Zahl von Menschen auf einer Piazza einzuschätzen –, ahnte ich, was passieren könnte. Was passiert ist, war ein Wunder, und ein Wunder haben wir schon vollbracht: Die Parteien sind neben uns verblasst.

ZEIT: Glauben Sie wirklich, dass Sie mit Ihrer Bewegung allein regieren können?

Grillo: Aber ja! Denn anders als die Parteien werden wir den Italienern schon vor den Wahlen zehn bis zwölf Kandidaten mit einem anständigen Lebenslauf und unserem Programm präsentieren, Kandidaten, die zu unserer Regierung gehören sollen. Damit sich jeder Wähler schon vor den Wahlen ein Bild von diesen Personen und ihren Fähigkeiten machen kann. Wir ernennen sie nicht per Federstrich nach den Wahlen, wie die anderen – die dann Aktmodelle, Freimaurer und Mitglieder von Geheimbünden zu Ministern ernennen.