Es ist früher Nachmittag, als in der Nähe des Freiberger Bergwerks "Reiche Zeche" schwarzer Rauch aufsteigt. "Haben Sie Grüne hier?", erkundigt sich Ken Osinde, Kenias Botschafter in Deutschland, skeptisch. "Wenn die das sehen …" Der Qualm, beruhigt ein Freiberger Professor, stamme von technischen Versuchen. "Ach so", sagt Osinde, während seine Kollegen aus Ägypten, Mali, Togo und dem Südsudan nach und nach wieder ans Tageslicht befördert werden.

150 Meter tief sind 30 afrikanische Botschafter am Mittag in das einstige Silbererzbergwerk eingefahren. Dunkel ist es dort unten, zehn Grad kühl und ziemlich nass; Wasser tropft von der Decke, Pfützen stehen auf dem Boden, Schlamm spritzt an Hosensaum und Lederschuhe. Da helfen auch die gelben Gummijacken und Schutzhelme nur bedingt. Deutschland, wo es nicht gerade am schönsten ist: Dies ist eine andere, eine rauere Welt als die der Berliner Empfänge und Lachshäppchen, in der die Diplomaten sich sonst bewegen mögen. Was machen sie also hier?

In Freiberg sind sie vor allem aus zwei Gründen: zum einen, weil der afrikanische Rohstoffsektor boomt und die Technische Universität Freiberg die älteste Bergbauakademie der Welt ist, also viel Know-how besitzt. Zum anderen, weil Günter Nooke (CDU) eingeladen hat. Der einstige DDR-Bürgerrechtler ist inzwischen "Persönlicher Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin". Das steht tatsächlich so auf seiner Visitenkarte.

Nooke weiß, dass er wegen des Titels auch belächelt wird. "Ich habe mir das nicht ausgedacht", sagt er. Es gebe ja den Beschluss der G-8-Regierungschefs, persönliche Afrikabeauftragte zu ernennen, formal ist er dem Entwicklungshilfeminister unterstellt.

Sichert sich Deutschland da etwa unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe Zugang zu afrikanischen Rohstoffen? "Ach was", sagt Nooke. Hierzulande gebe es doch kaum noch Bergbaufirmen. Die Geschäfte machten heute längst andere Länder.

"Das ist so", sagt Bwalya Chiti, Sambias Botschafter. Sein Land, größter Kupferproduzent Afrikas, hat vor 20 Jahren den Bergbau privatisiert. Die Eigentümer heute seien wie beinahe überall in Afrika: Kanadier, Inder, Australier und Chinesen. "Auf Afrikas Rohstoffsektor werden heute die Weichen für Jahrzehnte gestellt", sagt Nooke. Das habe Folgen für Wirtschaft, Umwelt und Sozialsysteme. Sambia etwa erzielt 90 Prozent seiner Exporterlöse aus dem Kupferhandel. Derzeit aber fehlen Bergbautechniker und -ingenieure, die früher der Staat ausbildete. Botschafter Chiti will versuchen, deutsche Fachleute nach Sambia zu locken und sambische Studenten nach Deutschland. In Freiberg, berichtet der Rektor der Bergakademie stolz, studierte schon 1847 der erste afrikanische Student. Aquasi Boachi hieß der Mann aus dem Königreich Aschanti, dem heutigen Ghana. Ein Porträt des Königssohnes mit hohem weißem Kragen und blauem Schal steht auf einer Staffelei in der Schatzkammer der mineralischen Sammlungen, in der Freibergs Oberbürgermeister die Botschafter am Vormittag mit "Glückauf" begrüßt hat. "Good luck", übersetzte die Dolmetscherin.

Freiberg besitzt eine der größten Mineraliensammlungen der Welt. Sie sind nach Kontinenten sortiert, und natürlich werden die Gäste zunächst in die "Afrikanische Halle" geführt. Dort leuchten Rubin aus Tansania, Granat aus Madagaskar und Kobalt aus Marokko. Der vermeintlich arme Kontinent ist immens reich. Kobalt etwa steckt in Computern und Handys, auch in denen, die einige Botschafter jetzt zum Fotografieren zücken.

Um seltene Rohstoffe wie Kobalt ist ein Kampf entbrannt. Wie passend, dass die Bergakademie einen Studiengang Rohstoff-Governance entwickelt hat. Bergbauwissen sei das eine, sagt Nooke. Genauso wichtig aber sei: Wie vergebe ich Lizenzen, wie verhandle ich mit Konzernen, solche Dinge. Hilfe zu "guter Regierungsführung im Rohstoffsektor" nennt er das – transparent und ohne Korruption.

"Ihr Deutschen immer mit eurer Korruptionsangst", sagt Kenias Botschafter Ken Osinde. Er findet das genauso übertrieben wie die grünen Sorgen und sähe es gern, wenn mehr Deutsche ins Land kämen. Maschinen, Ausrüstung, Ingenieure, all das brauche man. "Wir erschließen ständig neue Vorkommen, Kohle, Öl und Erze." Seit Kurzem hat Nairobi ein eigenes Bergbauministerium. "Aber sobald sich irgendwo ein Konflikt oder ein Risiko abzeichnet, seid ihr Deutschen weg." Andere Länder seien da entspannter.

Dabei hat Deutschland in Afrika einen guten Ruf. "Schulkinder können bei uns Deutsch lernen", sagt Bwalya Chiti. Fast jeder Sambier kenne deutsche Maschinen, Autos und Fußball, natürlich. "Und was wissen Sie über Sambia?" Nicht wenige Botschafter beklagen die ewigen Vorurteile gegenüber ihren Ländern: Hunger, Diktaturen, Krieg. Mohammed Higazy, Ägyptens Botschafter, sagt, die Realität in seinem Land werde hier ziemlich verzerrt dargestellt. Günter Nooke versucht gar nicht erst, das zu beschönigen. Die Botschafter jedenfalls schätzen das – und seinen direkten Draht zu Angela Merkel, der, wie er sagt, "mächtigsten Frau Deutschlands, Europas und der Welt". So werde sie in nicht wenigen Ländern Afrikas gesehen.

Die mächtigste aller Frauen kennt Nooke seit 1989, damals gründete er den Demokratischen Aufbruch mit, dessen Pressesprecherin Merkel wurde. Sie trat dann bald in die CDU ein, Nooke fand erst Jahre später zur Union. Als Merkel 2005 Kanzlerin wurde, machte sie ihn, der gerade sein Bundestagsmandat verloren hatte, zum Menschenrechtsbeauftragten. Nach ihrer Wiederwahl wurde er 2010 ihr Mann für Afrika.

In 30 der 54 Staaten Afrikas war er schon, der Brandenburger Nooke. Am Wochenende fliegt er nach Togo, es geht um Straßenbau und Umweltschutz. Ob er viel bewirken kann? "Bei meinen Besuchen in Afrika spreche ich fast immer mit den Präsidenten", sagt Nooke. "Als Menschenrechtsbeauftragter klappte das nie." Der Name Merkel ist sein Türöffner. Und überhaupt: Auch zu DDR-Zeiten habe er beharrlich für Veränderungen gekämpft, als viele längst nicht mehr daran geglaubt hätten. Das macht er jetzt genauso.

Ein eigenes Budget für Entwicklungshilfe hat er freilich nicht. Diesmal aber hat er immerhin Botschafter und Bergakademie zusammengebracht. Letztere wünscht sich, dass wieder mehr Afrikaner in Freiberg studieren. Derzeit kommen hier zehn Prozent der 5800 Studenten aus dem Ausland, aber nur 50 aus Afrika. Anfang des 20. Jahrhunderts waren das viel mehr, erst recht zu DDR-Zeiten. Die Bergbauverwaltung Mosambiks zum Beispiel besteht nahezu komplett aus Freiberger Alumni.