Es stinkt im Allgäu. Ein Bauer hat gerade seine Wiese mit Gülle gedüngt. "Bei uns im Norden", sagt Claudia Kemfert, "stinkt es nicht mehr so, weil vorher alles durch die Biogasanlage gejagt wird." Am Autofenster ziehen Wiesen, Felder, Waldstücke vorbei, Solarpaneele glitzern auf Hausdächern. Arno Zengerle, der Chauffeur, tritt aufs Gaspedal des Elektroautos. Zengerle ist Bürgermeister des "Bioenergiedorfs" Wildpoldsried, CSU-Mitglied und ein umtriebiger Mann. In seiner Partei gilt er als "Energierebell", weil er früh auf die Erneuerbaren setzte, Windräder bauen ließ, die Bürger ermunterte, Strom zu sparen und sich eine Photovoltaikanlage aufs Dach zu setzen. Der Ort erzeugt fünfmal so viel Energie, wie er selbst verbraucht.

Zengerle hat Claudia Kemfert, die prominente "Energieökonomin" aus Berlin, am Bahnhof in Kaufbeuren abgeholt. Man kennt sich, denn sie war schon ein paarmal in Wildpoldsried. Heute soll sie im schönen neuen Gemeindesaal an einer Diskussionsrunde teilnehmen. Das elektrisierende Thema lautet: "Energiewende – heute, morgen oder wann?"

Kemfert ist nicht weniger umtriebig als der Lokalpolitiker. Wer sich dafür interessiert, wie Deutschland den Ausstieg aus Atom und Kohle und den Umstieg auf "grüne" Energieträger schaffen kann, wie viel Klimaschutz kostet und wer das bezahlen soll, stößt unweigerlich auf die 44-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin und Politikberaterin. Kaum eine Woche vergeht, in der sie nicht einen Zeitungsartikel veröffentlicht oder in einer Diskussionsrunde im Fernsehen sitzt. Im März durfte sie in der Show des Satirikers Erwin Pelzig dessen giftgrüne Bowle kosten, wobei sie nicht versäumte, ihr neues Buch anzupreisen.

Sie ist die Erklärerin des ökonomischen und ökologischen Jahrhundertprojekts

Seit dem Tod des SPD-Ökovisionärs und "Solarpapstes" Hermann Scheer hatte die Energiewende kein prominentes Gesicht mehr. Selbst bei den Grünen nicht, die seit Jahren für das Ende des atomaren und fossilen Zeitalters trommeln. In dieses Vakuum ist Claudia Kemfert gestoßen. Sie versteht es, die von ihr erkannte Notwendigkeit der Energiewende und des Klimaschutzes in verständlicher Sprache darzulegen, sie ist die Erklärerin dieses ökonomischen und ökologischen Jahrhundertprojektes.

Beharrlich hat sie sich von ihrer sicheren Position als Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus ein Ansehen und eine Wirksamkeit erarbeitet, die sie noch bis in hohe politische Ämter tragen könnte. Der grüne Bundestagsabgeordnete und Energiepolitiker Hans-Josef Fell hält sie rundheraus für ministrabel, lobt ihr "tiefgründiges Wissen" und die Tatsache, dass sie "den Mainstream verlässt und übergeordnete Gesichtspunkte berücksichtigt". Ganz im Gegensatz zu dem "Populisten" und "Twitterkönig" Peter Altmaier, Merkels Umweltminister, an dem auch Kemfert kein gutes Haar lässt.

Einstweilen streift sie durch die Schattenkabinette. Der CDU-Mann Norbert Röttgen wollte Kemfert 2012 zu seiner Energieministerin in Nordrhein-Westfalen machen, verlor aber die Landtagswahl. Jetzt hat sie bei der Konkurrenz angedockt. Der hessische SPD-Oppositionsführer Thorsten Schäfer-Gümbel will sie im Fall eines Wahlsieges am 22. September als "Energiewendebeauftragte" in die Staatskanzlei holen. Diesmal stehen die Chancen Umfragen zufolge besser. In Hessen ist ein rot-grüner Sieg möglich.

Energiewende und Klimaschutz sind für Kemfert überparteiliche Anliegen. Deswegen findet sie nichts daran, die Seiten gewechselt zu haben. "Wenn die CDU die Energiewende voranbringen will, unterstütze ich das gerne. Das gilt auch für jede andere Partei. Mit geht’s um die Sache, nicht ums Parteibuch."

Man kann diese Einstellung für konsequent unabhängig halten, für naiv oder für opportunistisch. Ex-Umweltminister Röttgen, heute einfacher Bundestagsabgeordneter, sagt nichts zu Kemferts Schwenk, keine Zeit, heißt es aus seinem Büro. Dafür lässt Armin Laschet, Landeschef der CDU in Nordrhein-Westfalen, ein Statement übermitteln. "Flexibel ist der schönste Euphemismus für eine Frau, die innerhalb eines Jahres für jede politische Richtung Wahlkampf macht. Glaubwürdigkeit sieht anders aus." Laschet unterlag 2010 in einer Mitgliederbefragung zur Neubesetzung des Spitzenpostens der Landes-CDU dem Kemfert-Förderer Röttgen. Jetzt darf Laschet den Karren aus dem Dreck ziehen.

Die Frau mit den langen, blonden Harren und der sachlichen Brille ist das, was man tough nennt. Selbstbewusstsein, ja Härte ist unabdingbar in der Auseinandersetzung um die Pfründen auf den heftig umkämpften Energiemärkten. Außerdem sind Energiewirtschaft und Energiepolitik Männerdomänen. Hier haben Ingenieure das Sagen.

Auch im Gemeindesaal von Wildpoldsried sitzen fast nur Anzugträger in Blau und Grau auf dem Podium. In ihrer Anmoderation vergleicht eine Journalistin vom Bayerischen Rundfunk Wildpoldsried mit dem "Asterix-Dorf", das Widerstand leiste "gegen die, die viel reden und wenig tun". Die Frau vom BR ist ein burschikoser Typ und flirtet mit dem Publikum, das fast nur aus Männern besteht. Sie ist das Gegenteil der stets beherrschten, etwas steif wirkenden Ökonomin Kemfert.

"Man kann mit ihr stundenlang über nix reden", sagt ein Journalist

Als der Mann von Siemens das Klagelied von den zu hohen Strompreisen anstimmt, macht sich Kemfert Notizen, um dann, als sie wieder an die Reihe kommt, die Argumente des Managers zu zerpflücken. Dank eines steigenden Angebots an erneuerbaren Energien sei der Strompreis hierzulande niedriger als anderswo, der Vorteil werde von den Konzernen nur nicht an die Kunden weitergegeben. Als Pointe erzählt sie die Geschichte eines britischen Industriellen, der über zu hohe Strompreise in seiner Heimat geklagt und gemeint habe, wenn die Preise in Großbritannien weiter anzögen, "gehen wir halt nach Deutschland". Beim Publikum kommt das an. Kemfert erhält mit Abstand am meisten Applaus für ihre Attacken. Sie ist der Star des Abends.