Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt © Sean Gallup/Getty Images

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"Wenn ich alles zusammenzähle, ist bis zu einem Viertel der Bevölkerung von Armut betroffen." Dieses Zitat der Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt war in unserer Online-Abstimmung lange auf einem der vorderen Plätze.

"Die Regierung versucht, das tatsächliche Ausmaß der Armut in Deutschland zu verschleiern", sagt Katrin Göring-Eckardt in einem Interview. Die Bundesregierung behaupte, rund 15 Prozent der Bevölkerung seien arm – was erschreckend genug klingt. "Die Zahl ist aber geschönt", sagt Göring-Eckardt. In Wahrheit seien es viel mehr. "Wenn ich alles zusammenzähle, ist bis zu einem Viertel der Bevölkerung von Armut betroffen; Menschen, die geringe Chancen haben, von Armut bedroht sind oder tatsächlich in Armut leben." Ein Viertel, das wären 20 Millionen Menschen, eine unglaubliche Zahl. Kann es sein, dass die Armut in Deutschland gigantische Ausmaße angenommen hat? Belügt uns die Bundesregierung?

Die offizielle – angeblich falsche – Zahl steht im 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Der Bericht hat fast 500 Seiten, er behandelt die unterschiedlichsten Facetten von Armut, verschiedenste wissenschaftliche Definitionen und etliche Studien. Die kritisierten "15 Prozent" tauchen auf Seite 461 auf. Dort geht es um die sogenannte relative Armut. Laut einer Definition der EU gilt als "armutsgefährdet", wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. In Deutschland hieß das 2011: Ein Alleinstehender, der von weniger als 848 Euro netto im Monat leben musste, war von Armut bedroht. Das traf auf 15 Prozent aller Bundesbürger zu. So hat es das Statistische Bundesamt durch eine Umfrage ermittelt, so steht es im Armutsbericht – und um diese Zahl dreht sich der Streit.

Nun könnte man schon an dieser Stelle fragen, ob das wirklich eine "schönfärberische" Zahl ist. Schließlich kann man bei Armut an noch niedrigere Einkommen denken, etwa an den Hartz-IV-Regelsatz von 382 Euro, zu dem noch die Miete kommt. 848 Euro netto hingegen entsprechen bei einem alleinstehenden Arbeitnehmer mit Steuerklasse I etwa 1100 Euro brutto. Der Staat sieht jemanden mit diesem Einkommen jedenfalls nicht als arm an – sondern greift ihm mit Steuern und Sozialabgaben in die Tasche, und selbst die Kirche langt noch zu (sofern derjenige nicht ausgetreten ist).