Zweiter WeltkriegDer Fluchthelfer

1945, als der Autor ein Kind war, brachte ihn ein Bollerwagen in Sicherheit – der Beginn einer langen Reise, die viele Jahre später auf Ibiza endete. von Olaf Ihlau

Der Überfall geschieht im Schneegestöber, irgendwo in einem Waldgebiet Südschlesiens. Drei Banditen, Pistolen in den Händen, stürmen aus einem Fichtendickicht zur Straße, auf der Anfang November 1945 ein endloser Strom deutscher Flüchtlinge mit Handwagen nach Norden strebt. Vorbei an öden Feldern, ausgebrannten Dörfern, geplünderten Weilern, an Erfrorenen und Erschossenen am Wegesrand.

Hinter der Oder-Neiße-Linie, in vormals deutschem Gebiet, das mit den Potsdamer Vereinbarungen der Siegermächte Polen zugesprochen wurde, herrschen Angst und Gewalt. Hier liegt, wie es der 1933 emigrierte spätere Zukunftsforscher Robert Jungk in einer historischen Reportage seinerzeit beschrieb, "das Land ohne Sicherheit, das Land ohne Gesetz, das Land der Vogelfreien, das Totenland". Ein halbes Jahr nach Untergang des "Tausendjährigen Reichs" sind jetzt auch jene Deutschen auf der Flucht, die darauf gehofft hatten, in ihrer Heimat bleiben zu können.

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Nun werden sie fortgejagt, von den Polen, unerbittlicher noch von den Tschechen. Zum großen Treck der Vertriebenen gehören Zehntausende. Darunter eine junge Schauspielerin mit ihrem knapp vierjährigen Sohn, die kurz vor Kriegsende aus dem ostpreußischen Königsberg vor den Russen in den vermeintlich sicheren Sudetengau geflohen war. Dort, auf dem Gehöft eines Bekannten, hat sie den Durchmarsch der Russen und das Kriegsende überstanden, wenn auch bei karger Kost. In Erinnerung geblieben sind Krautsuppen, Kartoffeln mit Roter Bete, Sirup. Die Königsbergerin weiß nichts über den Verbleib ihres Mannes, eines aus Hannover stammenden Komponisten. Er war in Frankreich als Fahrer eines Munitionslasters bei einem Tieffliegerangriff verletzt und schließlich in ein Lazarett nach Traunstein geschafft worden.

Im Sudetengau heißt es nach der Rübenernte im Spätherbst: "Alle Deutschen raus!" Wer dieser Order nicht folgt, läuft Gefahr, dafür bitter zu büßen. Es darf nur Handgepäck mitgenommen werden. Die Frau aus Königsberg ist froh, einen Bollerwagen ergattern zu können: ein Gefährt aus braunen Brettern auf vier eisenbeschlagenen Holzrädern, kaum einen Meter lang und einen halben Meter breit, mit wuchtiger Deichsel. Schlicht, aber solide. Darauf passt ein Pappkoffer, darin ein Teil des Familiensilbers, nicht sonderlich wertvoller Schmuck, Dokumente wie das Familienstammbuch sowie Partituren des Komponisten für "Ostpreußische Tänze" und eine Operette namens Das Zauberschloss. Dazu ein Sack mit Kleidung und Wäsche. Auf dem Koffer hockt der Sohn, meist vergnügt einen roten Blechbottich mit ein paar Lebensmitteln als Trommel nutzend.

In größeren Gruppen ziehen die Ausgewiesenen davon. Richtung Stettin mit der Hoffnung, irgendwo vorher an der von russischen Soldaten nunmehr strikt abgeriegelten Oder-Neiße-Linie ein Schlupfloch in die neue Sowjetische Besatzungszone zu finden. Es ist ein Elendsmarsch, die kalten Nächte müssen die Flüchtlinge unter freiem Himmel verbringen. Und schlimmer noch: Sie sind Freiwild für polnische Wegelagerer, dagegen gibt es keinerlei Schutz. "Meine Sachen, meine ganzen Sachen", kreischt das Kind, als sich die drei Banditen auf den Bollerwagen stürzen, Pappkoffer nebst Kleidersack wegschleppen. Auch die Mutter wird mitgerissen in den Wald. "Das arme Kind", schreien die anderen Flüchtlinge und scharen sich um den ausgeplünderten Bollerwagen und den aufgebrachten kleinen Mann.

Irgendwann kommt die Mutter weinend zurück. Mit dem Koffer. Die Banditen haben ihr vom Inhalt immerhin die Dokumente und die Orchesterpartituren gelassen. Was sonst noch im Wald passiert ist, kann sich das Kind damals nicht vorstellen, aber die Fluchtgefährten ahnen es. "Verdammte Polacken" ist alles, was die Mutter zeit ihres Lebens zu diesem Abschnitt der Flucht sagen wird, und dies auch erst nach einigen Gläsern Wein. Mehr zu offenbaren verbietet ihr die Würde. Dass ausgerechnet eine polnische Pflegerin ihr im hohen Alter zur Seite stehen wird, ist eine bemerkenswerte Kapriole der Völkerverständigung.

Der Bollerwagen leistet treue Dienste. Nie bricht ein Rad oder gar die Deichsel. Nach 550 Kilometern Fußmarsch erreicht die Königsbergerin Ende November Berlin. Das Kind rollt über den Ku’damm, vorbei an Trümmerlandschaften. Dann geht es mit dem Zug weiter. Nach Magdeburg zur nicht sonderlich erfreuten Verwandtschaft, nach Hannover und endlich in die amerikanische Besatzungszone, ins oberbayerische Traunstein, wo der von seinen Verletzungen genesene Komponist wartet. Der Bollerwagen ist immer dabei, er wird weiter gebraucht.

Olaf Ihlau

wurde 1942 in Königsberg geboren. Der Journalist berichtete lange Zeit für die "Süddeutsche Zeitung" und den "Spiegel" über Jugoslawien, Indien und Afghanistan. Heute lebt er in Berlin und auf Ibiza

Als Erstes transportiert die wiedervereinigte Familie mit ihm einen Kanonenofen in die Unterkunft, die sie in der Mittleren Hofgasse findet. Und aus dem nächsten Wald eine Fuhre Brennholz. Das ist immerhin ein guter Anfang. Traunstein ist ein Kleinod, wie der ganze wunderschöne Chiemgau vom Krieg unversehrt. Nur wissen dort viele offenbar kaum, wie glücklich sie im Vergleich mit anderen den Krieg überstanden haben. Flüchtling zu sein und noch dazu evangelisch in einer damals stockkatholischen Umgebung ist nicht empfehlenswert. Der Familie geht es schlecht, sie hat keine geregelten Einkünfte. Die Königsbergerin tingelt als Sängerin durch amerikanische Clubs, geht mit dem Bauerntheater auf Tournee. Der Komponist schlägt sich mit Kulturkritiken für den Südost-Kurier durch und hat das Angebot für eine Tonmeisterstelle beim Münchner Radio. Doch weil er in der NSDAP war und den Persilschein als Mitläufer noch nicht vorweisen kann, scheitert die Berufung am Einspruch des strengen Katholiken und Kultus-Staatsministers Alois Hundhammer.

Leserkommentare
  1. Ich kann mich auch von manchem einfach nicht trennen, solche Dinge haben eine Seele, eine Geschichte.
    Halten Sie den Bollerwagen in Ehren!

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  2. wurden Kerzenständer gedrechselt!

    Auch wenn ich als 1972 geborender nur vom hörensagen die Geschichten kenne, so bin auch ich immer noch Vertriebener, welcher nie so richtig irgendwo angekommen ist. Von uns vier Kindern sind drei nicht mehr im Heimatort wohnhaft und die starke Bindung zur Heimat wächst erst langsam. Hoffentlich wird mein Kind eine stärkere Heimatbindung haben als ich sie habe.

    Das Grauen und Leid der nachkriegszeit kann sich kein spätgeborener Vorstellen. Umso bewunderswerter, wie diese geschundenen Menschen dieses Land wieder aufgebaut haben und nicht den Kopf in den Sand gesteckt haben.

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    https://www.youtube.com/w...

    Sie sind KEIN Vertriebener!

  3. bewahrte lange Jahre nach dem Krieg einen Pelzmantel im Kleiderschrank, den sie auch im härtesten Winter nicht trug.
    Wie ich jetzt von meiner älteren Schwester erfuhr, war in diesem Pelzmantel auf der Flucht im Schneetreiben ein Stiefbruder von uns erfroren.

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  4. ...hat unsere Großmutter von den Bauern auch erzählt. Der Geiz die Leute hat sie mehr getroffen als der Hass der Polen. Sie hat immer gesagt das die Bauern damals lieber Äpfel unreif gepflückt haben als sie den Flüchtlingen zu überlassen.

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    unterstützen wir freiwillig die Nachfahren dieser Bauern die unsere Vorfahren so behandelt haben mit Hunderten Millarden jährlich...
    Traurig sowas

  5. --
    "Wie Zehntausende andere Deutsche fliehen eine Königsbergerin und ihr Sohn 1945 nach Westen."
    -

    Ich verstehe nicht warum man die größte ethnische Säuberung der europäischen Geschichte um einige Größenordnungen herunterrechnen will. Es waren Millionen und nicht nur "Zehntausende". Zwei der 14 Millionen einschließlich meines Urgroßvater sind einem Genozid zum Opfer gefallen.

    http://en.wikipedia.org/w...

    Es bleibt jedem selbst zu entscheiden, ob die ethnische Säuberung Ostdeutschlands wegen der deutschen Verbrechen des zweiten WK gerecht war.

    Sie aber so runterzurechnen, ist mehr als eine Beleidigung.

    Stellen sie sich vor jemand schriebe: die Familie XY ist wie "Zehntausende" anderer Juden im Holocaust ermordet worden. Es ist zwar nicht falsch, ist doch die Zehntausend in der Million drin, aber man würde es zu recht eine Verhöhnung der Opfer des Antisemitismus nennen.

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  6. https://www.youtube.com/w...

    Sie sind KEIN Vertriebener!

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    Als hätte ich das behauptet!!!

    vertrieben Palästinenser.
    Die gibt es nämlich auch kaum noch - und zählen dann doch wieder Millionen.

    beide in Deutschland geboren, gelten noch als Vertriebene - weil meine Eltern aus Schlesien kamen. Beide Eltern waren strikt gegen den Versuch, die ehemals deutschen Gebiete wieder zu beanspruchen - die hatten nämlich beide vom Krieg absolut die Nase voll und waren für Frieden unter allen Umständen, haben also den Anspruch der Vertriebenenverbände nie unterstützt, sondern sind dagegen aufgetreten. Das hat meine Mutter nicht davon abgehalten, ihre alte Heimat noch einmal zu besuchen. Ich glaube, das kann man verstehen, sie ist als junge Frau mit Kind geflüchtet und erst vierzig Jahre später nochmal hingefahren.
    Ich unterstütze die Vertriebenenverbände ganz gewiß nicht - finde aber trotzdem das Video etwas zynisch. Die Menschen damals sind nicht freiwillig gegangen - und wer dablieb, hatte ungewisse Zeiten vor sich und viele Menschen haben gelitten. Dafür gibt es Aussagen genug.
    Ich will nicht aufrechnen - immerhin hat Deutschland den Krieg begonnen und es ist bekannt, welche Greueltaten die Deutschen begangen haben; man konnte also damit rechnen, daß Vergeltung folgen würde. Gelitten haben sicherlich die am meisten, die am wenigsten dafür konnten - Frauen und Kinder.
    Zynisch zu schreiben: Ach, heul doch, finde ich persönlich die falsche Einstellung.
    Nebenbei: weder ich noch mein Sohn nehmen das 'Vertriebenenprivileg' in Anspruch.
    Den Artikel selber finde ich sehr schön. Er verkörpert ein Stück Geschichte.

  7. Als hätte ich das behauptet!!!

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    Antwort auf "Ach, heul doch!"
  8. vertrieben Palästinenser.
    Die gibt es nämlich auch kaum noch - und zählen dann doch wieder Millionen.

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    Antwort auf "Ach, heul doch!"

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