Der fliegende Robert aus dem Struwwelpeter ist Hans Magnus Enzensbergers Ich-Ideal. Er hat ihm ein Gedicht gewidmet: "Eskapismus, ruft ihr mir zu, / vorwurfsvoll. / Was denn sonst, antworte ich, / bei diesem Sauwetter! –, / spanne den Regenschirm auf / und erhebe mich in die Lüfte." Enzensberger hat es immer in die Lüfte gezogen, er war nie ein Freund der Schwerkraft. Er wollte alles sein, nur keine deutsche Eiche. Das Flüchtige und Bewegliche ist sein Element, den Wolken, die immerzu ihre Gestalt wechseln, hat er einen Gedichtband gewidmet. In dem langen Abschied der alten Bundesrepublik vom linken Miserabilismus ("Sauwetter!") flog er denn auch immer vorneweg. An den großen Überzeugungen störte ihn ihr Hang zum Verbiesterten. Enzensbergers Leben ist geradezu eine meditative Übung in Nicht-Verbiesterung.

Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern heißt sein jüngstes Buch. Darin heißt es: "Nur an dem, was einer nicht sagt, sollte er stets festhalten." Paradoxien sind Einsichtserhaschungen mit eingebauter Unruhe. Indem sie recht behalten, ziehen sie sich selbst den Boden unter den Füßen weg. Natürlich weiß Enzensberger, dass auch die Flatterhaftigkeit in der Gefahr ist, zum Dogma zu werden. Gegen diese Gefahr helfen Paradoxien. Und poetische Auflösungen. Herr Zett ist ein redseliger Zeitgenosse, der die Welt viel zu neugierig beobachtet, um nicht allerhand Meinungen über sie zu haben. Das Hässliche an Meinungen aber ist ihre fatale Neigung zur Rechthaberei. Deshalb gönnt sich Herr Zett Meinungen, ohne ihnen aber allzu treu zu bleiben: "Schon aus hygienischen Gründen wechsle er, Z., seine Meinungen öfter als sein Hemd. Sobald sich an ihnen die ersten schwarzen Ränder zeigten, gebe er sie in die Wäsche."

Wie ein Wanderprediger versammelt Herr Zett in einem Park Zuhörer um sich. Sie lauschen seinen Aussprüchen, mal murrend, mal amüsiert, manchmal widersprechen sie oder klopfen ihm begütigend auf die Schulter. So bleibt das Karussell aus Einsicht, Widerspruch, Idiosynkrasie und spielerischen Zuspitzungen immer in Bewegung. Es ist ein charmantes Maskenspiel, erkennbar inszeniert von HME, um die Zeitläufte zu kommentieren, ohne selbst zum Leitartikler zu werden. Eine sokratische Spielfreude belebt dieses postmoderne Weisheitsbuch, das Enzensbergers Ideal buddhistischer Tiefenentspanntheit mit Lust am Einspruch verbindet: "Niemand muss alles herunterwürgen, was die Gesellschaft uns vorsetzt." Eben noch: O tempora, o mores, dann schon wieder schwebender, gut gelaunter Selbst-Relativismus. Selbst einen Schuss Kulturpessimismus kann Enzensberger unterbringen (gegen die Anglizismen des Internetzeitalters, gegen die Filmmusiksoße, gegen die Dauerwerbung), ohne wirklich am Zeitalter verzweifeln zu müssen: Stoizismus der Munterkeit.